Teil 4

Kirov, Montag, 29.06.2015, 05:49 (vor 3854 Tagen) @ Kurz_vor_Schluss4497 Views
bearbeitet von unbekannt, Montag, 29.06.2015, 13:38

Und Hallo mal wieder.

Ich habe viel Zeit verbraten, weil mich deine Fragen Jahrzehnte zurück in die Tiefen meiner Archive führten. Es war sogar für mich selbst überraschend, was man alles erfährt, wenn man damals ohne zu lesen einfach täglich per Copy/Paste mitprotokolliert hat. Wirklich unterhaltsame Geschichten tun sich auf.


freut mich in diesem Zusammenhang sehr, Fragen an eine „kompetente Stelle“ richten zu können.

Oweh. Ich kompetent? Ich bin sicher, ein Vollzeit-Russe wie Piter schüttelt über manche meiner Aussagen nur den Kopf.
Aber ich bewege mich mittlerweile recht entspannt als Dilettant im Minenfeld. Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass wir Dilettanten trotz aller Mängel bessere Information liefern als die Nutten aus der angeblich freien Medien-Branche. Also munter ans Werk.


Wie beurteilst Du die Anschläge von 1999, welche zum zweiten Tschetschenien-Krieg führten? Waren sie ein Werk des FSB

Aber sicher waren sie das. Als Trigger diente die kurz zuvor offiziell verkündete Erkenntnis des Spanischen Höchstgerichts, dass Ex-Premierminister Felipe Gonzalez nicht dafür belangt werden kann, während seiner Amtszeit hin und wieder Bombenanschläge gegen die eigene Bevölkerung veranlasst zu haben, damit die Schafe sich nach seiner schützenden Hand sehnen. Ein bahnbrechendes Urteil, das aber in westlichen Medien sorgfältig weggeschwiegen wurde.

Offenbar wollte man nach dem Jean-Claude Juncker Prinzip vorgehen. Wir stellen etwas in den Raum und warten eine Weile. Wenn kein Geschrei kommt, weil die Meisten ohnehin nicht kapiert haben was da beschlossen wurde, gehen wir einen Schritt weiter. Eine demokratische Regierung darf also ihre eigenen Bürger unter falscher Flagge wegsprengen, wenn sie es für politisch erforderlich hält.

Mit diesem sensationellen Höchstinstanz-Urteil eines NATO Staates in der Tasche konnte man richtig loslegen ohne große Einmischung aus dem Westen befürchten zu müssen. Die blieb auch tatsächlich auffällig aus. Stell dir die gleichen Explosionen in Russland heute vor. Beim ZDF würde die Sendezeit nicht mehr ausreichen vor lauter Empörungen und Sondersendungen.

Ich selbst glaube, dass man mit den Apartment Bombings für einen Worst Case vorgesorgt hat, der aber am Ende nicht kam. Für einen richtig langen und verlustreichen Krieg. Die Bevölkerung musste von der absoluten Notwendigkeit dieses Feldzugs überzeugt werden. Die Notwendigkeit war real, denn die westlich finanzierten Mullahs hatten soeben den heiligen Krieg zur Errichtung des Kaukasus-Emirats ausgerufen. Ein ultra-islamistischer Staat der als einziges Gesetz den Koran und als einziges soziales Prinzip den Jihad kennt. Richtig, schon wieder die gleiche Scheisse wie davor Al-Qaida und danach ISIS/ISIL. Ein im Westen konzipiertes zeitloses Design.

Es hätte ein langer und verlustreicher Krieg werden können. Putin hatte den Laden gerade erst übernommen, und die Russischen Streitkräfte waren in einem vollkommen desolaten Zustand. Diese desolate Armee hätte hilfreiche West-Demokraten womöglich nicht daran hindern können, Tschetschenien und die angrenzenden islamischen Gebiete im großen Stil mit Waffen zu versorgen. Am Ende hat es die Demokratie aber doch nicht gewagt, dort Waffen massenweise nachts in Kisten mit Fallschirmen vom Himmel regnen zu lassen, so wie man das in Kroatien einige Jahre zuvor erfolgreich praktiziert hatte. Der Respekt vor der theoretischen Leistungsfähigkeit der Russischen Luftabwehr-Systeme war wohl zu groß.


Da ja der FSB seine Popularität durch den Kampf gegen die Mad Mullahs steigern kann – kannst Du es ausschließen, dass der FSB nicht auch analog zu den Amis seine eigenen Feinde finanziert, um diese dann medial markant zu zerlegen (USA – ISIS) - oder zumindest so zu tun, als ob?

In diesem Bereich bin ich recht sicher, dass die Feinde echt sind. Die Netzwerke der religiösen Verrückten existieren schon seit der Yeltsin Ära, und die Finanzierung der Verrückten durch den Westen lief zeitweise so unverschämt offiziell, dass die Russen offiziellen diplomatischen Protest einlegten.

Heute weiss niemand mehr, dass führende Mad Mullahs in Europa wie Staatsgäste empfangen wurden und von diversen Behörden liebevolle Betreuung und Unterstützung bei der Forderung nach dem eigenen (Gottes-)Staat zugesichert bekamen. Im Grunde eine absolute Frechheit, aber Russland war damals zu kaputt um angemessen zu reagieren.
Und wenn diese Mad Mullahs sich in Russland via Radio Free Europe und Radio Liberty zu Wort melden, dann ist die Inszenierung durch den FSB nicht sehr wahrscheinlich. ;)


Die nächste Frage: Ist es auszuschließen, dass der Auslandsgeheimdienst Russlands analog zum CIA Umstürze vorbereitet/Inszeniert etc. oder mit Geldmitteln und anderweitig Regimegegner in solchen Ländern finanziert, die Russland feindlich gesinnt sind (naheliegendster Fall wäre ja wohl die Ukraine) oder wo Russland geostrategische Interessen verfolgt?

Wie schon angedeutet, der Auslands-Geheimdienst ist nicht meine Domäne. Meine ganz private Einschätzung ist, dass die finanziellen Mittel niemals ausreichen können um ähnlich wie die CIA in aller Welt lustige NGOs, unauffällige Schläfer und ehrgeizige Möchtegern-Präsidenten zu finanzieren.

Hat Russland Interessen in weit entfernten Ländern? Laut Kinofilmen und laut West-Presse selbstverständlich, weil Russland ja die ganze Welt bedroht. Aber in der Realität geht es nun mal ums Geld. Vor 40 Jahren war Nicaragua ein Tummelplatz für sowjetische Agenten. Die verteilten zwar kein Geld, aber Waffen mit denen man Geld rauben konnte. Heute kommt China und pumpt 50 Milliarden Dollar in einen Mega-Kanal der Nicaragua zu einem Schlüsselland im internationalen Seegeschäft machen wird. Wo China nicht ist, dort kaufen die USA sich mit unbegrenzten Mengen selbstgedruckter Dollars ein. Da kann Russland nicht mithalten.

Die Ukraine ist ein Sonderfall, denn dort hatten die Russen bis zum Frühjahr 2014 halboffiziellen Zugang zu allen Geheimnissen. Der Grund heisst einerseits alte Seilschaften, andererseits Handel. Ob Raketen-Triebwerke, geheime Kommunikations-Technik oder Turbinen für Kriegschiffe. Alles wurde Hand in Hand mit dem Großkunden Russland entwickelt und für dessen Bedürfnisse maßgeschneidert, weil dieser Kunde 80 Prozent der Produktion aufkaufte. Systeme wurden von den Technikern beider Länder gemeinsam optimiert. Die Russen haben die gesamte angeblich geheime Uki-Technik im Schrank. Nur der Neubau der entsprechenden Produktionsstraßen in Russland wird leider einige Jahre dauern.

Die Auswertung menschlicher Quellen - verstehe ich offenbar nicht. Russland hat Zugang zu jeder ukrainischen Behörde, zu jeder Interessengruppe, zu jedem Hundezüchter-Verein. Und dennoch haben sie das Ausmaß des anti-Russischen Hasses völlig unterschätzt. Wie das sein kann - keine Ahnung.


Was hältst Du vom Fall Litvinenko?

Eine lustige Geschichte. Liebevoll inszeniert. Da war richtig Aufwand dahinter.

Was wissen wir? Ich meine wissen, nicht glauben. Wir wissen, da war ein Bursche namens Litvinenko, und der wurde offensichtlich mit einer kräftigen Dosis Radioaktivität um die Ecke gebracht. Soviel konnte man an den Bildern aus seinen letzten Tagen ablesen.

Alles Übrige liest man und glaubt man. Der finstere Putin hat wieder mal einen Kritiker mundtot gemacht, hat ihn von drei finsteren Ex-KGB-Agenten mit der radioaktiven Substanz Polonium vergiften lassen.

Polonium hat enorme Herstellungskosten. Polonium, auch die mikroskopisch kleine tödliche Menge, kostet ein Vermögen. Warum haben Putins böse Jungs nicht Tritium oder Radium genommen, die billig sind, überall zu haben sind, und ganz ähnliche Eigenschaften aufweisen?

Der Grund war m.M.n., dass nur Polonium das verschwörerische KGB-Flair hat. Man verwendet es als Initialzünder in Atomsprengköpfen. Es musste also Polonium her, denn nur Polonium ist wie eine Visitenkarte. Eine Visitenkarte die besagt: Ich bin so spektakulär und teuer, dass nur Putin dahinter stecken kann.

Wissen ist Macht. Der gebildete Westbürger eilt zu Wikipedia und macht sich über Polonium schlau. Wikipedia USA erzählt uns seit Herbst 2006, und bis heute, dass Polonium nur in Russland hergestellt wird. Was vollkommener Quatsch ist, eine glatte Lüge. Aber wer würde schon glauben, dass jemand Wikipedia so manipulieren kann?

Wir befinden uns im Jahr 2006. Herr Litvinenko ist tot umgefallen, und wir haben soeben Wikipedia konsultiert. Ein Material für Atomsprengköpfe. Und nur aus Russland. Putin hat sich wahrhaftig alle Mühe gegeben, seine Urheberschaft zu verraten. Die Tageszeitungen haben es ohnehin schon immer gewusst. Doch völlig unerwartet mischt sich ein Spielverderber ein. Litvinenkos Vater (ist der nicht gebrieft worden?) sagt während einer Pressekonferenz, dass sein Sohn sich mit ganz anderen Leuten angelegt hat, und dass die ihn abserviert haben, nicht Putin.

Diese Neuigkeit gelangte sogar in einige Medien. Begann sich rumzusprechen. Daher musste sie entkräftet werden. Und so verlegte man die Handlung aus London weit weg in das Land der Klebers und Jauchs. Dort konnte niemand mehr unerwartet dazwischenfunken, weil dort niemand war der überhaupt mit der Sache zu tun hatte.

Zum Glück gibt es das Bundeskriminalamt, und dieses präsentierte prompt einen aufsehenerregenden Bericht.

Demnach erzählte Dimitri Kowtun, einer der drei bösen KGB Agenten welche sich in London mit Litvinenko trafen, einem Kellner in Hamburg 2 Tage(!!) vor der Tat, dass er einen Koch sucht, welcher einer unerwünschten Person ein Gift ins Essen mischen kann. So sind dumme KGB-Russen. Haben 48 Stunden bevor sie für ihren Präsidenten einen Anschlag durchführen noch keine Ahnung, ob und wie sie das überhaupt hinkriegen.

Trotz aller Dummheit dieses extradummen KGB-Russen würde das Kellner-Protokoll des BKA nicht für eine Verurteilung ausreichen. Der KGB-Russe hat ja bloß einen deutschen Kellner gefragt ob der zufällig einen Mörderkoch für ihn weiss. Dies beweist noch nicht, dass er 2 Tage später in England jemanden gekillt hat.
Aber zum Glück gibt es das Bundeskriminalamt. Die tapferen deutschen Beamten haben noch viel mehr entdeckt. Der Mann ohne passenden Koch hat eine wahre Polonium-Spur durch Hamburg gezogen. Er zog sie durch Verkehrsmittel und durch öffentliche Gebäude. Hat die Wohnung einer Ex-Freundin in Hamburg besucht. Dort war ganz besonders viel Polonium. Sogar auf den Teddybären der Kinder. Ja, das wurde extra erwähnt. Daher an dieser Stelle bitte dicke Tränen der Empörung einfügen. Die Beweiskette war somit geschlossen.

Geschichten fürs Herz. Miese KGB-Russen verseuchen die Teddybären unschuldiger deutscher Kinder. Geschichten für die Gattung der Tagesschau-und-Tatort Fans. Menschen mit Urteilsvermögen. Lauter respektable, gebildete West-Bürger. Wer will da zweifeln am offiziellen Hergang der Dinge?


Ich müsste zu meinem Text dutzende alte Quellen verlinken, von denen aber die Mehrzahl heute nicht mehr existiert oder in Bezahl-Archive verschoben wurde. Die Schwachstelle jeder historischen Daten-Sammlung. Daher lasse ich es einfach sein.

Entspannte Grüße
Kirov


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