Bin beglückt und entzückt

Kirov, Dienstag, 09.06.2015, 04:03 (vor 3873 Tagen) @ Kurz_vor_Schluss4982 Views
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 09.06.2015, 04:49

Hallo K_v_S,

entschuldige bitte meine nachhaltige Verspätung. Ausgerechnet bei dir, der sich offenbar ernsthaft für Russland interessiert.

Die nicht-digitale Welt absorbiert mich derzeit leider rücksichtslos. Lösung des Problems: Meine Antwort erfolgt auf Raten, dafür aber ausführlich.


a) Was ist mit Solschenizyn

In diesem Punkt bin ich möglicherweise keine große Hilfe, denn ich bin letztlich nur ein Tourist.

Wie die Russen wirklich über Solshenitsyn denken. Mein privater Eindruck ist, dass er bei den Hochgebildeten immer noch eine Selbstverständlichkeit darstellt, ansonsten aber an Bedeutung verloren hat. Er hat verloren weil er wie alle anderen Intellektuellen während der 1990er Jahre als westliche Gallionsfigur auf der Yeltsin-Titanic montiert war, und gemeinsam mit dieser Titanic gesunken ist.

Von dem Yeltsin-Jahrzehnt hat sich das ganze Segment der Intellektuellen, ob historisch oder noch am Leben, nie mehr erholt. Nach fast 10 Jahren Hunger und Mangelwirtschaft hatte auch der letzte Russe begriffen, dass diese ganze Harvard-Scheisse nur dazu dient, Russland abzuservieren. Dann kam Putin und die Supermarkt-Regale begannen sich wieder zu füllen. Beweis erbracht.
Wer heute in Russland intellektuell sein will, der kombiniert das besser mit einer merkbaren Portion Patriotismus, denn alle anderen Sorten von schreibenden Schlauköpfen stehen im Sold von CIA oder von Figuren wie Soros und Chodorkowski. So sieht das der Durchschnitts-Russe in meinem begrenzten Bekanntenkreis. Und liegt damit m.M.n. gar nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Falls es dir bei der Frage eher um den Sowjetismus im Allgemeinen geht - den halte ich für erledigt.
Die westlichen Grusel-Berichte und Grusel-Bücher seit der Jahrtausend-Wende sind frei erfunden. Das sage ich als Augenzeuge. Der typische Stalin-Verehrer kriegt heute in Russland vor allem mitleidig-verständnisvolles Lächeln. Ähnlich wie der typische McCain-Fan in Amerika. Man akzeptiert ihn, weil er ja ein Patriot ist, aber man stuft ihn als geistig unterbelichtet ein.

Stalin-Anhänger sind zu 80 Prozent Menschen über 50 Jahre, dh. Loser die einst mit dem Untergang der Sowjetunion ihren bequemen und arbeitsfreien staatlichen Arbeitsplatz verloren. Das haben sie der neuen Zeit nie verziehen. Zum Geburtstag von Stalin marschiert jedes Jahr eine Kolonne von 1000 Leuten über den Roten Platz, ca. 60 Prozent Greise. Finanziert wird denen das, inklusive Anreise und hübschen roten Fahnen, von der KP, die immer noch im Parlament sitzt und deren Kernwählerschaft im ganzen Land diese von der Welt enttäuschten alten Trottel sind.
Da marschiert die Karawane der alten Opis, beaufsichtigt von ein paar jungen Hostessen, brav zu Stalins Marmorbüste, mitten in Moskau, und ihr einziges Publikum sind Journalisten. Die Moskauer ringsum gehen einfach vorbei. Totales Desinteresse. Dies mitten in einer 12-Millionen-Stadt wo jeder Volkstanz-Wettbewerb leicht 5.000 Schaulustige auf die Beine bringt.

Szenenwechsel.
Thomas Anders nimmt irgendwo in der City ein Mikrofon zur Hand und beginnt ein (angeblich) improvisiertes Live-Konzert. Da strömen flott 50.000 Menschen herbei, und dann rückt die OMON an und riegelt die Straßen ab bevor es 100.000 werden und der öffentliche Verkehr vollkommen zusammenbricht. So sieht das aus wenn Etwas die Moskauer interessiert. Die Stalin-Fraktion hat ausgeschissen, das kann man ganz simpel und einfach mit den Augen sehen.

Dies für heute vom Russland-Touristen.

Zu deinen anderen Fragen demnächst. Schau einfach im Lauf der Woche wieder rein. Und Danke für deine freundliche Geduld.

Entspannte Grüße
Kirov


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