Preparata und Gesell (Schwundgeld); Keynes' ICU

politicaleconomy, Sonntag, 03.05.2015, 13:00 (vor 3909 Tagen) @ el_mar3594 Views

Hi el mar,

danke für den Link.

Interview
mit Preparata

Den Freigeldquatsch mal außen vor lassen!

Hm, gerade dazu fand ich einige Aussagen von Preparata sehr interessant. Danke übrigens für den Hinweis, daß er offensichtlich von Gesell und Steiner her denkt.

Er sagt dort:

"Keynes und Fisher manipulierten Gesell's Ideen für ihre eigenen Zwecke! Keynes benützte Gesell's Idee ( he actually plagiarized it) um die Krise 1930 zu erklären und um sie zu entschärfen. Diese Mittelchen waren aber diametral Gesell's entgegengesetzt. Kurz gesagt: Keynes war ein Mitglied der britischen Oligarchie und alles was er wollte, war, das System zu retten. Für das benützte er Gesell, blieb aber sehr ruhig wenn es dazu kam das System mit vergänglichem Geld zu ändern.

Keynes verstand die revolutionäre Macht von vergänglichen Geld und tat sein bestes sie zu verheimlichen, wenn nicht sogar den Blickpunkt Gesells zu verzerren. Das ist aber das sine qua non bei Gesell. Wie wir alle wissen, wurde Keynes Direktor der Bank of England 1941. In der Zeit als Direktor empfahl er die Errichtung eines internationalen Zahlungssystems auf der Basis von Gold.

Und humanistische Reformer in Europa bestehen darauf, dass wir einen Kompromiss eingehen mit den akademischen Keynesianern der Welt.
Die selbe Geschichte bei Fisher. Fisher wollte vergängliches Geld nur kurzfristig benützen um die Liquiditätskrise zu entschärfen, aber er lehnte Gesell's Theorie ab. Warum? Warum haben diese Fachgelehrten des liberalen Establischments Gesell so beraubt? Weil, wenn man Gesell all den Weg folgt man schnell in direkten Konflikt mit den Potentaten der Hochfinanz kommt und Leute haben Angst davor - was zu verstehen ist."

Ich glaube, da ist Preparata entweder nicht ausreichend informiert oder liegt einfach falsch.

Keynes hat nämlich nicht nur Gesell gewürdigt (siehe das berühmte Kapitel der "General Theory", das Gesellianer immer zitieren). Keynes schreibt da (1936):

"The idea behind stamped money is sound. It is, indeed, possible that means might be found to apply it in practice on a modest scale. But there are many difficulties which Gesell did not face. In particular, he was unaware that money was not unique in having a liquidity-premium attached to it, but differed only in degree from many other articles, deriving its importance from having a greater liquidity-premium than any other article. Thus if currency notes were to be deprived of their liquidity-premium by the stamping system, a long series of substitutes would step into their shoes — bank-money, debts at call, foreign money, jewellery and the precious metals generally, and so forth."

Tatsächlich hat Keynes ab 1943 - also 7 Jahre, nachdem er das obige geschrieben hatte - Gesells "Schwundgeld"-Idee ("stamped money") als Kerninspiration für seinen 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods vorgelegten Bancor Plan einer Internationalen Clearing Union verwendet.

Die revolutionäre Idee war, daß zwar Gläubigerländer der Clearing Union weiter Zinsen zahlen mußten, um einen Anreiz zu haben, ihre Schuldnerposition abzubauen und zu einer ausgeglichenen Handelsbilanz zu kommen (auch über die Abwertung der eigenen Währung innerhalb einer vorgegebenen Bandbreite). Da Keynes aber die Einsicht hatte, daß Schuldnerländern aus saldenmechanischer Notwendigkeit Gläubigerländer gegenüberstehen mußten, die - wenn sie nicht bereit waren, ihre Gläubigerposition abzubauen - es den Schuldnerländern verunmöglichen würden, ihre Schuldnerposition abzubauen, wurde auch Gläubigerländern eine Gebühr auf ihre (aus Netto-Handelsbilanzüberschüssen entstandenen) Guthaben bei der Clearing Union berechet.

Dieser "Zins", den Gläubiger zahlen müssen, entspricht der Gesell'schen Schwundgeldidee, wendet diese aber aufs real existierende Kreditgeldsystem an, in Kombination mit Zinsen für Schuldner!

Keynes beschrieb das so:

"Auf der anderen Seite muss die Clearing Union auch auf Gläubigerländer dahingehend einwirken können, dass sie ihre umfangreichen Liquiditätsreserven ungenutzt lassen, damit diese für einen positiven Zweck verwendet werden können. Denn übermäßige Guthaben erzeugen notwendigerweise übermäßige Schuldbilanzen für eine andere Partei. Mit der Anerkennung der Tatsache, dass der Kreditgeber ebenso wie der Schuldner verantwortlich sein kann für mangelndes Gleichgewicht, würde die vorgeschlagene Institution absolutes Neuland betreten." (John Maynard Keynes: Vorschläge für die Gründung einer internationalen Clearing Union (deutsche Übersetzung von Jan A. Kregel), in: Lettre International (deutsche Ausgabe) No. 2/1988, S. 39. Eine weitere deutsche Übersetzung von Werner Liedke erschien in Stefan Leber (Hrsg.), Wesen und Funktion des Geldes, Stuttgart 1989, S. 325-349; auf der Website http://postwachstumsoekonomie.org/Keynes-Bancor_Version2.pdf - Das englische Original findet sich in John Maynard Keynes, Collected
Writings Vol. 25, Cambridge 1980, S. 168-195 S. 39)

Sehr seltsam, daß Preparata das entgangen sein sollte. Er erwähnt diesen Plan nicht, vermutlich weil er ihn nicht kennt - und wahrscheinlich vor allem nicht die Geschichte kennt, wie dieser Plan seitens der Amerikaner in einer Nacht-und Nebel-Aktion abgeschmettert wurde. Denn, das sehe ich genauso wie Preparata, dieser Plan steht "in direktem Konflikt mit den Interessen der Potentaten der Hochfinanz".

Dieses Handeln der USA paßt aber wiederum ins Bild der Strategie der USA, das Preparata entwirft.

Hier im Forum war das schon mehrfach Thema:
http://www.dasgelbeforum.net/search.php?search=bancor&x=0&y=0

Gut berichtet wird darüber (kurz) von Massimo Amato und Luca Fantacci:

Back to which Bretton Woods? Liquidity and clearing as alternative principles for reforming international finance.
in: Maria Cristina Marcuzzo (Hrsg.): Speculation and Regulation in Commodity Markets: The Keynesian Approach in Theory and Practice. Rom 2010, S.225-242
http://mpra.ub.uni-muenchen.de/44131/1/MPRA_paper_44131.pdf

Vortrag dazu von Fantacci, auf der Jahreskonferenz des International Network for Economic Research 2014:
https://www.youtube.com/watch?v=FbJz6Rf5pGk

Ausführlicher von Georg Zoche.


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