von den Reparationen, Dawesplan, Youngplan zu Griechenland heute

politicaleconomy, Freitag, 01.05.2015, 14:15 (vor 3910 Tagen) @ Falkenauge5359 Views

Hallo Falkenauge,

danke für den Hinweis und den Artikel.

Du schreibst da über das von angloamerikanischen Bankern installierte System der Reparationskredite:

„Was an dem System nicht stimmte, war nur, a) dass es in sich zusammenfallen würde, wenn die Vereinigten Staaten aufhören würden zu leihen und b) dass in der Zwischenzeit die Schulden nur von einem Konto auf ein anderes verschoben wurden, aber niemand der Zahlungsfähigkeit wirklich näher kam. (…) Dadurch wurde nichts wirklich geregelt, aber die internationalen Banker saßen im Himmel unter einem Dauerregen von Gebühren und Provisionen.“

Exakt dieses Spiel wiederholen die Banken heute mit Griechenland (Varoufakis weist völlig zu Recht immer wieder darauf hin).

Stadermann entlarvt dieses Spiel systematisch in seinem Buch "Der stabile Euro und seine Feinde" (Link führt zum Verlag, Inhalt und Vorwort dort einsehbar).

Rezension hier.

Kurzeinblick in einen Teil der Argumentation: Untersicherte Kredite als Machtinstrument:

"Zins und Risiko steigen und fallen proportional. Das galt bis vor wenigen Jahren ganz allgemein. Inzwischen haben Großbanken sich Marktformen gestaltet, innerhalb derer es ihnen möglich ist, risikolos ihren Kredit in den hohen Zins bietenden Bereich untersicherter Forderungen dadurch zu expandieren, dass sie die damit unverändert verbundenen extremen Risiken auf die Allgemeinheit der Steuerzahler überwälzen. Die 2010 aus heiterem Himmel ausgebrochene Schuldenkrise Griechenlands ist der in der jüngeren Vergangenheit erste Fall, in dem eine Untersicherungsstrategie nach allen Regeln der Kunst der Ausplünderung öffentlicher Kassen auf eine ganze Volkswirtschaft angewendet wurde. Das war insofern ein Sonderfall, als er die Existenz einer Haftungsgemeinschaft der Eurozonenländer zur Voraussetzung hatte. Die 2007 ausgebrochene Untersicherungs-Krise im Immobilienmarkt der Vereinigten Staaten von Amerika war der Probelauf hierfür und zeigt das gewöhnliche, gegen Untergliederungen einer Volkswirtschaft gerichtete Vorgehen bei der Durchsetzung der Strategie im nationalen Rahmen.

Wenn die Nominalverbindlichkeiten, mit denen sich eine Regierung zum Marktzins verschulden will, von potentiellen Gläubigern als durch zeitgleich mit den Tilgungsfristen bestehenden Steuerforderungen gut gesichert angenommen werden, werden sie am Markt zu den dort üblichen Bedingungen und zum Parikurs absetzbar sein. Findet so ein Verschuldungsangebot keine ausreichende Nachfrage, wird diese Anforderung nach der Auffassung der Gläubiger nicht erfüllt. Je nach der Lage ist der Marktwert der Schuldtitel geringer als ihr Nennwert oder sie sind einfach im extremen Fall Papier und wegen der Unfähigkeit der Regierung, sich für den Kapitaldienst ausreichende Einnahmen zu verschaffen, mit Null zu bewerten. Zwingt die Regierung derartige Titel der Zentralbank als Ankäufe auf ihre eigene Rechnung offen, oder wie es meist geschieht, durch einen Umweg verschleiert in deren Portfolio, dann bleibt zwar nominal ihre Bilanz im Gleichgewicht, tatsächlich aber ist der Marktpreis ihrer Aktiva um das Volumen dieses Bestandes geringer als der Nominalwert ihrer durch Banknotenumlauf und Guthaben der Geschäftspartner aggregierten Passiva.

Die unmittelbare Folge davon wird an einem aufmerksamen Markt eine entsprechende Änderung des Wechselkurses und der Kurse der Realvermögenswerte im Aktienmarkt sein. Das bedeutet für die Inländer eine Realeinkommenssenkung, da sie mehr Güter exportieren müssen, um die gleiche Menge Importe zu erhalten. Es bedeutet aber auch einen Verlust an Arbeitsplätzen, weil eine Investition in Beschäftigung schaffende Produktionen im Verhältnis zu den sehr kurzfristigen, Einkommen nur umverteilenden reinen Finanzinvestitionen in den Sekundärmarkt an Attraktivität weiter verliert. Kapital wird aus der Produktion abgezogen, wobei sogenannte Finanzinvestoren den Eigenkapitalhaltern die Hilfe zum Ausschlachten der der bestehende Vermögenswerte von Beschäftigung und Einkommen sichernden Unternehmen leisten."

Stadermann entwirft dabei eine im Vegleich zu Sutton, Preparata etc. zwar in manchen Punkten ähnliche, aber eigenständige und darüber hinausgehende Perspektive, die sich daraus ergibt, daß er als "Eigentumsökonom" (er hat mit Steiger eng zusammengearbeitet) die Rolle der Sicherheiten sieht.

Er bietet neue, essentielle Einsichten, die man übersieht, wenn man die Eigentumsfundierung von Krediten nicht explizit versteht (wie z.B. die MMT, Flaßbeck, und viele andere Postkeynesianer).

Es zeigt sich dabei, daß die Banken mit dieser Strategie sogar die Zustimmung keynesianischer Ökonomen finden konnten, da diese - auf dem Auge der Eigentumsfundierung des privaten Kreditsystems blind - deren Wirkung nicht erkannten und bis heute nicht erkennen.

Sehr aufschlußreich ist auch, daß Stadermann sich von Heinsohn distanziert, dieser wird nicht einmal im Literaturverzeichnis erwähnt.

Dabei hat sein Buch leider auch große Schwächen. Er belegt seine Thesen nicht akribisch mit konkretem historischem Material.

Vielleicht für Dich interessant, da Du mit Deinen Erkenntnissen ja schon recht weit gekommen bist. Hier könnte ein ganz wesentlicher essentieller weiterer Baustein zum Verstehen des Geschehens hinzukommen.

Beste Grüße


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