Clearing Unions
Hi,
Wenn weniger Salden offen stehen, die finanziert werden müssen verdienen
die Banken weniger.
[Sarkasmus]Das darf dann freilich keine Option sein.[/Sarkasmus]
Bingo.
Denk mal an Mehrlings Hierarchy of Credit. Erst Restsalden auf einer Ebene machen überhaupt "Geld" als "credit" der nächsthöheren Ebene nötig, nicht wahr? Wolfgang Stützel: "Bei Gleichschritt von Käufen und Verkäufen entsteht gar kein nennenswerter Kredit- und Zahlungsmittelbedarf" ...
Gleichschritt von Käufen und Verkäufen hieße beispielsweise global, daß alle Handelsbilanzen über längere Zeiträume hinweg im wesentlichen ausgeglichen werden. Ziel der ICU war es, genau dafür Anreize zu schaffen - und zwar symmetrisch auf Schuldner UND Gläubiger verteilte Anreize. Quasi Zins UND Negativzins gleichzeitig: Zins für Schuldner, Negativzins für Gläubiger (!!). Da merkt man auch sehr schön, wo die Verkürzungen des Hypes für "Negativzinsen statt Positivzinsen" (Gesellianer, "Guthabenkrisler" etc.) liegen ... und die grundlegendsten Fragen rund um Banken und Finanzierung stellen sich völlig neu und müssen aus der Perspektive dieser Möglichkeit neu durchdacht werden.
Keynes war mit dem Problem der Ungleichgewichte seit Versailles und den Reparationen mit diesem Problem beschäftigt (kurz beschrieben von Niko Kowall hier, ab S. 11) und im Lauf der Weltwirtschaftskrise darauf gekommen, daß Ungleichgewichte den Frieden gefährden könnnen.
Jetzt denk mal vom Standpunkt der Banken.
"Je mehr offene Salden zu finanzieren sind, desto besser ... wie können wir für möglichst hohe offene Salden sorgen, deren Finanzierung wir dann übernehmen können?".
Ist Gleichschritt gut oder schlecht für die Banken? Schlecht. Was ist gut? Kauf-/Verkaufs-UNgleichgewichte. Nicht nur auf der Ebene von Ländern - ganz generell. Worauf also werden die Banken hinwirken?
Das ist aber nur der Standpunkt des KREDITgeschäfts - Varoufakis erklärt ja schön, wer die größten ökonomischen Ungleichgewichte der Wi-Geschichte liebend gern finanziert und wie. Wie, Finanzzentrum Wall Street? Oooooch woher denn ... die sorgen doch nur für eine effiziente Ressourcenallokation, gell?
Varoufakis hat es begriffen ... dito Keynes, Kregel, etc. Von MMTlern oder Mehrling hört man diesbezüglich bezeichnenderweise nichts ... von "debitisten" meineswissens ebenfalls nicht (falls doch, bitte ich um Hinweise z.B. auf alte Postings des dottore).
Jetzt denken wir mal vom Standpunkt des INVESTMENTgeschäfts:
"Je stärker die Kurse schwanken, desto größer die Gewinnmöglichkeiten ... wie können wir für möglichst große Kursausschläge sorgen? Hm ... Deregulierung der Finanzmärkte? Börsenboom erzeugen? Viele Leute zum Aktienkaufen bringen? Massenverhalten auslösen? Oh, Privatisierung der Altersvorsorge! Werte runter-hypen / -verkaufen und dann hoch-hypen / -kaufen? Oh ... Demographie-Hype? Der ließe sich da prima funktionalisieren ... da müssen wir was dafür tun, daß die Politik das "einsieht" ... schöner Auftrag für unsere Think Tanks ... "
etc. etc. etc.
Nun zähle mal 1 und 1 zusammen.
Sooooo schwer sollte das eigentlich gar nicht sein... rein theoretisch.
Die Theorie ist deswegen ja auch schon lang vorhanden (dort Link zum Originaltext von Keynes) - und gut vergessen, seit man ihre praktische Anwendung erfolgreich verhindert hat.
Keynes zum in Bretton Woods von White (statt Keynes' ICU) durchgesetzten Plan - dem Bretton-Woods-System mit IWF und Weltbank, einem müden Abklatsch der Clearing Union, die wie das gesamte System von Bretton Woods die US-Hegemonie bewahren sollte:
"Das ist kein Währungssystem mehr, sondern eine Kneipe, in der der Wirt seine Gäste verführt, mitzuhalten. Wer unangemessen nüchtern bleiben will, fliegt raus. Der beschwipste Wirt setzt ihn eigenhändig vor die Tür."
Na, wenn das mal nicht schön ausgedrückt ist.
Wilhelm Lautenbach zum Keynes-Plan:
"Daß man vom Keynes-Plan den Rückschritt zum Währungsfonds gemacht hat, scheint zu zeigen, daß die Vereinigten Staaten nicht gewillt sind, auf die Ausnutzung ihrer finanziellen Machtdisposition zu verzichten." (Quelle)
Hab das Konzept der Clearing Union aber erst in Ansätzen im Detail durchdacht, muß ich zugeben. Aber daß sich aus dieser Perspektive ganz grundlegende Fragen völlig neu stellen, ist mir schon klar.
Beispielsweise wäre klar, daß eine globale Clearing Union praktisch kein Eigenkapital bräuchte. Warum? Weil die globalen Salden sich per definitionem ja zu Null aufaddieren würden, somit Aktiva und Passiva der Clearing Union sich entsprechen würden ...
Wie genau wurde Keynes' ICU verhindert? Sehr schön kurz dargestellt von Massimo Amato und Luca Fantacci (Mailand):
Back to which Bretton Woods? Liquidity and clearing as alternative principles for reforming international finance.
in: Maria Cristina Marcuzzo (Hrsg.): Speculation and Regulation in Commodity Markets: The Keynesian Approach in Theory and Practice. Rom 2010, S.225-242
http://mpra.ub.uni-muenchen.de/44131/1/MPRA_paper_44131.pdf
Vortrag dazu von Fantacci, auf der Jahreskonferenz des International Network for Economic Research 2014:
https://www.youtube.com/watch?v=FbJz6Rf5pGk
Ähnlich auch bei Georg Zoche: WeltMacht Geld.
Wieviel mehr als Ideologie und stupide, einzelwirtschaftliche
(Klientel-)Interessenspolitik steht eigentlich zwischen diesem
manisch-depressiven, positiv rückgekoppelten Irrsinn und einem
architektonisch einigermaßen sinnvoll gebauten Finanzsystem?
Alte Wahrnehmungsprobleme ... Interessen bestimmen die Wahrnehmung.
Ich persönlich fange an deutlich klarer zu sehen!
Wir nähern uns dem Kern der "westl. Welt" samt ihrer Geschichte. Und kriegen den Eindruck, daß das, was Keynes tatsächlich bewegte, mit dem, was gewohnheitsmäßig an ihm "gebasht" wird, recht wenig zu tun hat, weil das für Keynes sekundär war; und daß das, was ihn wirklich bewegt hat, lange Zeit komplett vergessen und verdrängt wurde (Kregel hat seinen bancor-plan erst 1988 ins Deutsche übersetzt - irre angesichts der Bedeutung gerade speziell für die deutsche Geschichte).