Die "deutsche Frage": Alleingang oder managbare europäische soziale Marktwirtschaft?

BillHicks ⌂, Wien, Montag, 06.04.2015, 16:36 (vor 3934 Tagen) @ politicaleconomy3705 Views

Hi,

Hi PE,

dort wird doch im Vorwort von "Der stabile Euro
und seine Feinde" fast alles gesagt.


Leider ist Stadermann zu strategischem Denken unfähig

warum nicht etwas leiser [[zwinker]], z.B.: "bisher habe ich nichts zu (Geo-)Strategie von Stadermann gelesen".
Woher könntest Du wissen, dass Stadermann (grundsätzlich) unfähig dazu wäre?

- wie es
Deutschland insgesamt an strategischen Denkern und Strategie mangelt.

An veröffentlichter Strategie jedenfalls ganz sicher.
Wenn es Friedman braucht um für die Deutschen überhaupt erst darzustellen, dass sie etwas entscheiden können... was sagt das wohl über veröffentlichte (Geo-)Strategie in D?

Es
kommt meist nur anklägerische US-Kritik, aber keine eigenständige
Strategie.

Ja. Jetzt müsste man genau unterscheiden. Die öffentliche Meinung mag durchaus US-kritisch sein, die veröffentlichte Meinung ist es (noch) nicht.
Eigenständige Strategien hingegen kann ich weder in einer öffentlichen, noch in einer veröffentlichten Meinung finden. Strategien sind auch hier im Forum nicht zu finden oder sie sind zumindest Mangelware. [Dass es kein Interesse an einer staatlichen (Geo-)Strategie gibt wird sofort verständlich dann, wenn alle Staatlichkeit grundsätzlich abgelehnt wird.]

Gesamteuropa zu lähmen, ist keine längerfristig tragfähige Strategie
für D. Sie wird früher oder später auf D zurückschlagen.

Natürlich wird das früher oder später auf D zurückschlagen.
Es scheitert allerdings aktuell noch immer am Verständnis, dass das deutsche Verhalten (die deutsche Wirtschaft als Ganzes) überhaupt eine gesamteuropäische Lähmung zur Folge hat. Stichwort: Saldenmechanik. Wenn es deutsche Staatsraison sein und bleiben sollte Nettoexportüberschüsse machen zu wollen, dann muss geklärt werden wo die Nettoexportdefizite sein sollen. Der "globale Minotaurus" (die alles importierende USA) scheint dafür nicht mehr unbegrenzt und dauerhaft zur Verfügung stehen zu können. Imperium hin oder her.

Konsequent wäre:

Entweder im Euro bleiben und die EU zu einem demokratischen und
handlungsfähigen, wirtschaftspolitisch sinnvoll managbaren System einer
sozialen Marktwirtschaft ausbauen.

Das ist eine (theoretische) Möglichkeit.

Dafür fehlen Wille und Kompetenz bei
Merkel/Schäuble.

Selbst wenn sie Willen und Kompetenz hätten:
Fehlt ihnen nicht auch der politische Rückhalt in D für soetwas? Würden sie nicht in Bausch und Bogen vom Hof gejagt werden, wenn sie tatsächlich tun würden was derzeit für sinnvoll gehalten werden könnte?
Z.B.: europäische clearing union plus Recycling der deutschen Überschüsse, Lohnerhöhungen in D (mindestens 25% fehlen, wenn man die Produktivitätszuwächse in den letzten 15 Jahren berücksichtigt), außerdem Herstellung zivilrechtlicher und fiskalischer Infrastrutkurvoraussetzungen insbesondere in GR, BG, RO aber auch Verbesserungen in Teilen von IT, PT, ES.
Das Ganze müsste zudem dem "deutschen Steuerzahler" so verkauft werden, dass er einerseits nun nicht doch "für alles" zahlen muss und dem Rest Europas müsste gleichzeitig nahe gebracht werden, dass das kein "am deutschen Wesen soll die Welt genesen" ist.
Eine dafür erforderliche "Kompetenz" kann ich bis dato nicht erkennen. Wo sind die deutschen/europäischen, deutsch/europäisch finanzierten, (geo-)strategischen think tanks, die auch unbequeme Fragen stellen und bearbeiten können?

Oder konsequent im Alleingang aussteigen und einen eigenen Weg gehen.
Dafür fehlt der Mut.

Man könnte zwar, aber es würde die deutsche Wirtschaft als plötzlicher, harter Schnitt, heftig erschüttern, weil Anpassungen extrem schnell erfolgen müssten. Ob die Anpassungs-, Veränderungsgeschwindigkeiten in der deutschen Wirtschaft en gros ausreichen für so einen Schock? Es würde sicher 'irgendwie' gehen, wahrscheinlich zum Preis einer deftigen Rezession (2008 war dagegen ein Kindergeburtstag). Mutig sein für diesen Schritt (Raus aus dem Euro, eigenen Weg mit der DM 2.0) müsste man mindestens, wenn nicht ein Hazardeur.
Halte ich heute für eine kaum gangbare Lösung.

Ich plädiere für ersteres.

Verstehe ich sehr gut.
Was wird denn eigentlich aktuell gemacht:
- aktuell wird versucht die Deflation dadurch abzuwenden, dass bestimmte Vermögenspreise durch die Zentralbank hochgekauft werden, vorwiegend durch Staatsanleihenankauf; das hat zur Folge, dass zwar die Banken (Arbitrage-)Gewinne machen können, aber mehr Kredit für die KMUs gibt es von diesen Banken deshalb noch lange nicht (deshalb mein Plädoyer für ein CF 2.0)
- die tatsächliche deutsche Wettbewerbsfähigkeit (i.e. Innovationskraft, nicht billige Arbeitskraft) wird stückchenweise dadurch ausgehölt, dass die exportorientierten Unternehmen immer wieder durch den Weich-Euro warmgeduscht werden, obwohl ihnen der (relativ zum Dollar) schwache Euro nur bedingt hilft.

Der Versuch eine europäische soziale Marktwirtschaft aufzubauen erscheint mir intuitiv die gangbarste Zielrichtung. Kann mir nur schwer vorstellen, dass ein deutscher Alleingang etwas wirklich Positives bewirken könnte.

Na dann, wo sind die think tanks? Wo finden öffentliche, konstruktive Diskussionen statt? Wo wird diese "deutsche Frage" endlich ernsthaft und klar gestellt? Sogar hier im Forum lese ich immer wieder zwischen den Zeilen, dass es in D ja gerade nichts zu entscheiden gäbe. Ist dann eine sehr komfortable Position, wenn man den status quo gut findet und gerne möchte, dass alle anderen auch glauben sollen, man könne gar nicht anders.

Nachdenkliche beste Grüße

--
BillHicks

..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.


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