Lernen
Hi Bill,
3. Rationales Durchdringen, Verstehen über die Details - Sind wir seeehr
stolz darauf in unserer Kultur. Leider für Komplexität ebenfalls
ungeeignet, sorry. Da würden wir mit Details studieren niemals fertig...
Versuchen, unterschiedlicher Detailaspekte und der Struktur des Ganzen rational zu durchdringen = Lernen/Üben. Aufbau innerer Komplexität und Differenzierung (von Wahrnehmung, Bedürfnissen und darauf basierenden Handlungsstrategien).
4. Trivialisieren - also zum Beispiel schlicht behaupten: "Nein wir
brauchen uns gar nicht mit unserer Lebensgrundlage beschäftigen, die
schützen wir ganz automatisch, wenn wir einfach nur den CO2 Ausstoß
verringern."
Und wer's glaubt wird seelig. Ganz bestimmt.
Klammern ans Ideologiegerüst - gibt Stabilität, beschränkt aber die Lernmöglichkeiten auf das, was das Ideologiegerüst zuläßt.
Fazit: Trivialisieren hilft auch nicht, dabei wird die Komplexität
nämlich gerade zerstört und verunmöglicht so sinnvolle Entscheidungen.
Meister ihres Fachs können beliebig differenzieren, kennen aber den für das jeweils vorliegende Problem/Ziel nützlichste Auflösungsgrad (der weder zu sehr vereinfacht noch zu sehr in die Details geht). Deshalb können sie effektiv und elegant handeln. Sei es nun ein Handwerksmeister, ein Meister der Improvisation an seinem Instrument, oder ein Meister eines anderen Fachs.
5. Emotionales Bewerten, intuitives Agieren
Durch Erfahrungen, die sich aufgebaut haben durch eine lange
Lerngeschichte am Rande der Überforderung, sind wir in der Lage
Komplexität durch Musterbildung, die jenseits des individuellen rationalen
Verstehens liegen, zu reduzieren. Hoppla!
[Quelle: Peter Kruse
über steigende Komplexität]
Nun, die Qualität und Angemessenheit der Handlungen, die daraus resultiert, hängt von der Lerngeschichte ab. Wer nicht geübt und gelernt, sondern hauptsächlich ideologisiert hat, hat keine Handlungsfähigkeit aufgebaut.
Dummheit ist dadurch definiert, schon einmal gemachte Lernerfahrungen auf eine ähnliche Situation nicht anzuwenden, sondern dieselben Fehler von "damals" zu wiederholen. Das findet seit 2008ff. - mit gewissen Einschränkungen - statt (kurzfristig hat man im groben "richtig" reagiert - allerdings, indem man das zugrundeliegende Problem nicht gelöst, sondern per Banken-Bailout perpetuiert hat - außer in Island).
Die Theorie in der Mehrheit der Köpfe ist wieder dieselbe wie in den 20ern/30ern.
für Europa ist es der worst bet,
denn seine Krise wird sich nicht von selbst erledigen, sondern es
implodieren lassen.
Bisher herrscht in Europa ganz sicher 2. vor. Es wird fleißig
ausgeblendet. Sicher, es wird auch ein bißchen rumprobiert (1.), wenn es
ganz akut wird (wie z.B. im Mai 2010), zwischendurch vielleicht ein
bißchen Trivialisierung (4., "Die faulen Griechen sind schuld, wenn doch
einfach alle so fleißig wie die Deutschen wären...") aber eigentlich wird
hauptsächlich nichts getan. Vogel Strauß. Na servus.
Und wie ordnest Du da z.B. Varoufakis ein? Deine Auflistung strategischer Möglichkeiten erscheint mir ehrlich gesagt wenig nützlich ... eher trivialisierend. Wären nicht eher sinnvolle Fragen: auf welche Lernerfahrungen kann zurückgegriffen werden (Nachkriegsordnung!), welche neuen Lernschritte und Fragestellungen wären angesichts der zwar ähnlichen, aber eben doch auch spezifischen Situation (z.B. Eurozone, die zwar dem Goldstandard der 20er Jahre analog ist, aber zusätzlich Spezifika aufweist) zusätzlich nötig?
Gruß
PE