Ich hab's auch anders erlebt

Kurz_vor_Schluss, Mittwoch, 18.03.2015, 16:38 (vor 3950 Tagen) @ CrisisMaven5807 Views

Salut CM,
Du hast natürlich Recht, CM, dass man der Verwaltung allgemein und der Arbeitsverwaltung speziell, hm…… sagen wir: Gerüstet, d.h. geistig gerüstet gegenüber treten sollte. Aber es gibt überall sone und solche und ich habe in sechs Jahren Tätigkeit als Niederlassungsleiter einer Auffanggesellschaft bei der Arbeitsverwaltung im ganzen Rhein-Main-Gebiet viele Leute kennengelernt – Abteilungsleiter wie Vermittler, Sachbearbeiter wie Direktoren. Und was soll ich sagen: Überall gab es Unfähige – aber auch Fähige, Engagierte, solche, die wollten und sich bemühten.

In dieser Auffanggesellschaft hatten wir hunderte, manchmal tausende von Arbeitnehmern in neue Arbeitsverhältnisse zu transferieren (Dir dürfte dieser Modus als Homo Omnicognoscens wohl bekannt sein – Arbeitnehmer aus Firmen in strukturellen Krisen unter Bezug von Transfer-Kurzarbeitergeld für bis zu einem Jahr in einer Transfer- oder Auffanggesellschaft zu „parken“, auf dass sie dort dem Arbeitsmarkt wieder zugeführt werden können).

Die guten Transfergesellschaften (wie die, in der ich arbeitete) versuchen das (die Vermittlung), die schlechten lassen die Arbeitnehmer mehr oder weniger allein. Wir wollten nun natürlich die Arbeitnehmer wieder vermitteln und da brauchte es auch die Arbeitsverwaltung. Und was soll ich sagen: Meistens halfen sie uns.

Sei es bei der Organisation von Praktika zur Wiedereingliederung (bei der vor allem große Firmen als große Gauner auftraten – eine hier im Rhein-Main-Gebiet sehr große Firma fragte mich, ob wir ihnen 500 Praktikanten zur Verfügung stellen könnten für sechs Monate – danach würden sie dann 10 einstellen…..). Sei es bei Informationsveranstaltungen zum Bezug von ALG oder Transfer-KUG (Kurzarbeitergeld), bei Vermittlungshilfen in Form von Eingliederungshilfen für Ältere oder Vermittlungsgutscheinen, bei der Förderung von Weiterbildungen oder Umschulungen – die Arbeitsverwaltung hat mir bzw. uns meistens gut geholfen.

Ausnahme war die reine Vermittlungstätigkeit – es war selten, dass von der Arbeitsverwaltung gute Stellenangebote kamen.

Mir schien persönlich, dass, je kleiner das jeweilige Arbeitsamt, desto hilfsbereiter die Mitarbeiter. Wobei ich auch beim Arbeitsamt Frankfurt wirklich freundliche (und hilfsbereite) Herren kennenlernte. Grade bei den Älteren gab es hier und da eine Art Arbeits-Ethos, dass man dazu da sei, den Arbeitslosen wirklich zu helfen. Je jünger, desto eher fand ich ein Denken nach Fallzahlen vor. Auch Borniertheit und ein Kleben an Paragraphen. Es dürfte die letzten Jahre (meine Erinnerungen reichen bis 2008 zurück) eher schlimmer geworden sein.

Aber wie gesagt: In der Mehrzahl der Fälle fand ich freundliche und hilfsbereite (und in zumindest geschätzt der Hälfte der Fälle) auch kompetente Mitarbeiter vor. Und es wurden uns (meistens) von der Arbeitsverwaltung weniger Steine in den Weg gelegt als von anderer Stelle. Ein großer Konzern in Deutschland hatte mal entschieden, einige tausend Arbeitnehmer über uns abzubauen. Dafür wurden extra verschiedene Tarifverträge aufgesetzt. In einem dieser Tarifverträge wurden Bestimmungen für die Finanzierung von langlaufenden Weiterbildungen festgesetzt (und durchaus generös).

Dieses Projekt war, da der Konzern bundesweit aufgestellt war, auch durch uns bundesweit betreut. Ich stellte eines Tages die papiermäßig ziemlich umfangreichen Anträge auf Weiterbildungen für – ich glaube – drei oder vier von uns betreute Arbeitnehmer. Es stellte sich dann heraus, dass niemand den Tarifvertrag genau gelesen hatte (es war ein Unter-Tarifvertrag, der sich auf andere bezog) – die Anträge wanderten zum Beirat des Konzerns und drei Monate später wurde ein neuer Tarifvertrag aufgesetzt, in dem die generösen Bedingungen nicht mehr enthalten waren. Fand ich spannend.

Umgekehrt haben auch wir, d.h. die Transfergesellschaft, dazu beigetragen, neue Stellen in der Arbeitsverwaltung zu schaffen. In einem Projekt im südhessischen Raum stellten wir gegenüber dem örtlichen Arbeitsamt für etwa 70 Arbeitnehmer Anträge auf Förderung gemäß ESF (Europäischer Sozialfond). Da die meisten Arbeitnehmer mehr als eine Schulung machen wollten und ein Antrag einzeln (ich glaube) 10 oder 12 Seiten umfasste, war es dann ein recht dickes Paket, was der freundliche Herr von der Arbeitsverwaltung ohne zu Schlucken entgegennahm. Als wir allerdings ein Jahr später die nächsten Anträge stellten, hatte er auf einmal zwei Kolleginnen an seiner Seite. So haben auch wir zu neuen Arbeitsplätzen beigetragen. :-)

Schlussendlich: Richtige Gaunereien habe ich auf unserer Seite (nicht bei unserer Firma, aber bei mit uns kooperierenden Firmen) erlebt, aber nicht oder in weit geringerem Umfang bei der Arbeitsverwaltung. Eine Firma, die bei einem Großprojekt für uns die Bewerbungstrainings für tausende Arbeitnehmer übernommen und das wohl nur bekommen hatte, da deren Geschäftsführer ein Golfkumpel vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Arbeitsagentur war, hatte zum Beispiel die die Förderung für diese Trainings bei der Arbeitsagentur beantragt (was man machen konnte).

Damals gab es eine interne Weisung der Arbeitsagentur, nach der man auch bei Arbeitnehmern, die nur einen Tag im Training waren, den vollen Monat finanziert (Hintergrund waren Ausnahmefälle wie Erkrankungen oder dass jemand kurzfristig eine Arbeitsstelle fand). Diese findige Firma machte daraus aber den Vorgang, die Leute für das Training einzuladen, sie dann nach einem Tag nach Hause gehen zu lassen und von der Arbeitsverwaltung das Geld für einen Monat Training einzusacken. Bei einigen tausend Arbeitnehmern kam da schon einiges rum, es war allerdings wohl kein zukunftsträchtiges Modell. Die Firma ging denn auch nach ein paar Jahren pleite.

Allerdings muss ich zu meiner Schande sagen, dass wir Statistiken auch als ein kreatives Gut betrachteten (wie alle anderen Mitbewerber auch). Da konnte ein Toter schon mal als „vermittelt“ (vielleicht in eine bessere Welt?) in der Statistik auftauchen oder Dauerkranke als „nicht arbeitslos“ geführt werden. Die normalen Zwänge des Berufslebens halt.

Aber nochmal: Auch in der Arbeitsverwaltung arbeiten Menschen. Und das sind nicht alles unfähige Stümper. Meint
K_v_S
P.S.: Du kennst sicherlich dieses Buch? Das war mir und meinen Kollegen damals eine Super-Argumentationshilfe gegenüber der Arbeitsagentur. http://fhverlag.de/show.php?action=show&record=3.0&thema=1&page=1&from=...

--
Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.
Karl Valentin


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