Replik
Servus Watson,
Die Menschheit kennt derzeit einen Prozess ohne Ursache:
Quanten-Fluktuationen. Dabei entstehen kleinste Teilchen völlig zufällig
(nach aktueller Auffassung) aus dem Nichts. Natürlich löst dies den
gordischen Knoten dieser Diskussion nicht. Aber solange kein Determinist
diese Vorgänge voraussagen kann, habe ich Hoffnung, dass Freiheit - die
ich im übrigen lieber freier Wille nennen würde – besteht.
Eben. Man kann hoffen, aber nie beweisen. Das Argument mit den Quanten zeigt meines Erachtens gar nichts, außer dass es Grenzen des Wissens gibt und diese Grenzen werden wodurch determiniert? Durch den Determinismus aus der Immanenz. Oder anders gesagt: Wir können das Unbekannte nie als Unbekanntes denken, sondern immer nur als Bekanntes (also Determiniertes).
Wollte ein
"Gott" die Menschheit lenken, hätte er sehr viel damit zu schaffen, all
diese Quanten-Fluktuationen zu bewerkstelligen.
Gott ist die aus der Immanenz folgende Vorstellung der Transzendenz, also Ergebnis deterministischen Denkens. Als Beispiel der beste Satz der ganzen Bibel: "Du sollst Dir kein Bild Gottes machen..."
Freier Wille setzt echte Zufälle voraus.
Gibt es diese, gibt es auch Freiheit/freien Willen.
Richtig. Aber a) der Determinismus bestreitet beides, b) ist das in sich auch deterministisch: Wenn es den Zufall gibt und ich ein denkender Mensch bin, dann gibt es die Freiheit.
"Immanuel Kant schlägt dafür in der Kritik der reinen Vernunft folgenden
Ausweg vor: Der Widerspruch zwischen Determinismus und Unbestimmtheit des
Willens entsteht nur, wo Erscheinungen (der Erfahrungswelt) mit dem „Ding
an sich“ gleichgesetzt werden. „Denn, sind Erscheinungen Dinge an sich
selbst, so ist Freiheit nicht zu retten. […] Wenn dagegen Erscheinungen
für nichts mehr gelten, als sie in der Tat sind, nämlich nicht für Dinge
an sich, sondern bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen
zusammenhängen, so müssen sie selbst noch Gründe haben, die nicht
Erscheinungen sind.“ Willensfreiheit bedeutet danach „das Vermögen,
einen Zustand von selbst anzufangen“
Tja, der gute Kant macht da den "Fehler", die Willensfreiheit aus einer Wenn-Dann-Verknüpfung zu folgern, womit die Unfreiheit bewiesen wird, aber nicht die Freiheit. Das ist übrigens ein grundlegender "Fehler" der Kantischen Ethik: Man ist der Vernunft gemäß frei das Richtige zu tun. Aber was für eine Freiheit ist denn das? Das ist Unfreiheit, Determinismus, nix weiter.
Hier muss man nun wirklich deutlich zwischem freien Willen und dem
westlichen Begriff der Freiheit unterscheiden. Ersterer ist für mich
Gegenstand dieser Diskussion, letzterer ist noch gar nicht so alte, reine
Propaganda.
Danke, war mir nicht so klar, für mich bezeichnet beides das Selbe.
Der Freiheitsbegriff war noch vor wenigen Jahrhunderten völlig unbekannt
und entstand mit der zunehmenden Industrialisierung (im weiteren Sinne),
die die bestehende Ordnung durcheinanderbrachte. Früher dienten in Europa
alle Gott. Jedes Handeln war darauf ausgerichtet und selbst die Höchsten
und Mächtigsten hätten sich nicht im heutigen Sinne als "frei"
bezeichnet. Die Zerschlagung dieser "gottgegebenen" Gemeinschaft aus Herr,
Bauern etc durch die Marktwirtschaft führte dann zum modernen
Freiheitsbegriff. Und ja, mir ist bewusst, dass dies massiv dem
widerspricht, was uns Hollywood glauben machen will. Aber als die echten
"Braveheart"-Schotten für ihre "Freiheit" kämpften, haben sie keinen
Schottenrock getragen...
Ja, das kann gut sein. Freiheit / freier Wille sind eine Erfindung des Menschen, was aber wiederum meine Argumentation bestätigt. Wir können über Freiheit nur aus dem Bekannten heraus sprechen (also determiniert). Die Freiheit / der freie Wille an sich, so es sie denn überhaupt "gibt", wird sich immer unserer Beobachtung entziehen.
Revo.