Erfahrung
Eine freie Entscheidung, eine freie Handlung ist und kann niemals erfasst
werden. Die Freiheit kennzeichnet sich eben dadurch, dass sie jenseits
jeder Determiniertheit, jeder Theorie, jeder Vorschrift, jeder Aussage
steht (egal ob auf Ebene des Individuums, der Gesellschaft oder des
Schwarms oder von sonst was).
Es geht um die Handlungs-Freiheit des einzelnen Menschen. Sie kann nur erfahren, erlebt werden. Dieses Erlebnis der Freiheit ist aber nicht einfach von selbst vorhanden, sondern kann nur durch eigene Aktivität und Entwicklung herbeigeführt werden.
Dazu kann ich mir aber den Begriff der Freiheit klarmachen und auf welchem Wege sie erreicht werden kann. Freiheit ist Abwesenheit von jeder Determiniertheit, Vorschrift, also von jedem Zwang, wie Du richtig beschreibst, bewusstem oder unbewusstem. Ich muss mir also klar machen, welche inneren und äußeren Zwänge der Freiheit entgegenstehen. Erkannt ist gewissermaßen schon gebannt. Ich muss mich aus ihnen herausarbeiten und be"freien".
Die Deterministen werden bestreiten, dass dies ginge. Aber schon die Erkenntnis der Zwänge erhebt den Menschen über die Tiere, die den Zwängen unterliegen, aber davon kein Bewusstsein haben. Sie wissen und erkennen nicht, dass sie durch ihre Instinkte gezwungen werden und unfrei sind.
Freiheit wird zutreffend auch als Fähigkeit der Selbstbestimmung bezeichnet. Der Mensch will sich selbst bestimmen und nicht von anderen bestimmt werden. Das setzt aber voraus, dass jeder Mensch potenziell die Fähigkeit hat, die Wahrheit im eigenen Denken selbst erkennen und danach handeln zu können, ohne auf eine Autorität angewiesen zu sein, die sagt, wie es ist und wie es am besten sein soll.
Ein Kind kann sich und sein Leben noch nicht selbst bestimmen, weil seine Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens in ihrer Entwicklung noch nicht ausgereift sind, um eigenständig zu sicheren Erkenntnissen kommen und selbstverantwortlich handeln zu können. Es erlebt sich daher noch nicht als eine unabhängige Individualität, sondern als unselbständigen Teil der Familie. Es muss erst unter Anleitung von Erwachsenen, die diese Selbständigkeit bereits erreicht haben, die dazu notwendigen vollen Jahre absolviert haben, also voll-jährig und damit mündig, d. h. fähig geworden sein, mit eigenem Mund zu sprechen.
Auch die Menschheit insgesamt hat in ihrer Entwicklung vergleichsweise eine solche Kindheitsphase durchgemacht. In den orientalischen Hochkulturen der Jahrtausende v. Chr. erlebte sich der einzelne Mensch noch als ein unselbständiges Glied der Gemeinschaft des Stammes oder Volkes, die vom Herrscher repräsentiert und angeführt wurde. Das von diesem gelenkte soziale Ganze umhüllte und versorgte kulturell, wirtschaftlich und als staatliche Ordnung den Einzelnen, der dem gleichsam übermenschlichen Herrscher und seinen ebenfalls als höher stehend empfundenen „Beamten“ dafür Dankbarkeit und selbstverständlichen Gehorsam entgegenbrachte. Es war das Verhältnis einer in überlegener Erkenntnis gegründeten Autorität, einer väterlich herrschenden Führungsschicht zu einem kindhaft unmündigen Volk von Untertanen.
Natürlich ist der Mensch auch heute ein Gemeinschaftswesen, ohne Gemeinschaft mit anderen Menschen kann er nicht leben, und den anderen Menschen verdankt er letztlich, was er ist. Aber dies kann er in sein Bewusstsein heben und erkennen und sich nur insoweit davon beeinflussen lassen, als er es will.
Das Phänomen der Freiheit, so es denn existiert, können wir nicht
erfassen, denn könnten wir es erfassen, wäre es keine Freiheit.Da Freiheit aber also nie zu beobachten ist und schon gar nicht
prognostiziert oder gar vorhergesagt werden kann, entzieht sie sich
notwendig jeder Theorie, jedem Gedanken, jeder Beschreibung (auch dieser im
Übrigen)
...
Wir können so begründet an der Idee der Freiheit festhalten: Als
Ergebnis eines freien Aktes, den wir als solchen selbst nie werden
beobachten oder beschreiben können und von dem wir daher nie wissen
werden, ob es ihn tatsächlich gab oder nicht gab.Freiheit ist ein Glaubenssatz. Und dabei gilt: Alles, individuell und
gesellschaftlich, spricht gegen die Freiheit.
Das ist, wie aus obigem hervorgeht, eben falsch, weil ungenau gedacht.
Aus der Unmündigkeit hat sich die Menschheit allmählich heraus- und zur eigenständigen Erkenntnismöglichkeit jedes Menschen hin entwickelt, in der sich sein Selbstbewusstsein gründet. Es stützt sich darauf, die Weltinhalte nicht von außen passiv zu empfangen, sondern im eigenen Denken selbst erkennen und beurteilen zu können. Das Handeln muss aus eigener Erkenntnis hervorgehen, wenn es frei sein soll. Mir muss klar sein, wie sinnvoll sich mein Handeln in einen bestimmten Lebenszusammenhang hineinstellt. Und ich muss wissen, aus welchen Gründen und zu welchem Ziel ich etwas tun will. Sonst tappe ich mit meinem Handeln völlig im Dunkeln und werde aus dem eigenen Inneren oder aus der Außenwelt zu etwas gedrängt, das ich gar nicht selbst bestimme und will. Es greift also auch zu zu kurz zu meinen, Freiheit sei die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was man will. Ich muss eine klare Erkenntnis in das haben, was ich will, sonst weiß ich gar nicht, was ich in Wirklichkeit tue. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten des Handelns: Entweder handle ich aus eigener voller Erkenntnis selbst, oder ich werde, mir nicht voll bewusst, für fremdes Wollen von innen oder von außen instrumentalisiert.
Die inneren und äußeren Hindernisse und ihre mögliche Überwindung habe ich hier genauer beschrieben.