Buchstaben vs. Botschaft

nvf33, Mittwoch, 27.07.2016, 12:00 (vor 3500 Tagen) @ Mephistopheles2008 Views

Das wär ja praktisch, wenn eine Religion bloß aus Buchstaben bestünde, die rezepthaft zu befolgen selig machte. Es gibt diese Variante in jeder Religion, in manchen mehr als in anderen, aber sie ist immer falsch. Die Neigung zur Buchstabengläubigkeit verschwistert sich gern mit dem Hang zu Macht und Kontrolle, sowie auch mit der Betonung, selbst nicht verantwortlich zu sein. Das Christentum kommt bei den Buchstabenphilistern öfter schlecht weg, denn wer Göttlichkeit als absolute Macht empfinden mag, kann die Ambivalenz des irdisch nahbaren Gottesgesandten Jesus nicht leicht verdauen.
Sicherheit auf Erden gibt es nur zum Preise der Selbstverstümmelung (z.B. durch gewaltsame Beseitigung abweichender Ansichten bei sich und anderen) - oder in aufrichtiger Hingabe an die göttliche Schöpferkraft, und dort am ehesten durch eine persönliche Beziehung zum Göttlichen.

Die Frage ist, wie man sich zu dem verhält, das geistig und manchmal physisch über einem steht. Es erfordert Mut und Vertrauen, dem Übergeordneten gute Absichten zu unterstellen. Mut vor allem deshalb, weil man in diesem Perspektivwechsel schnell erkennt, dass man selbst eine wesentliche Irrtumsquelle sein kann, und daher ein niedriger Rang womöglich berechtigt ist. Wer diesen eigenen Rang nicht anerkennen mag, wird den Fehler nicht bei sich suchen, sondern anderswo, oder ganz schlicht behaupten: "Jenseits meines eigenen Horizontes gibt es nichts Wesentliches."

Für eine wohlmeinende Führung ist es unmöglich, die Beschränktheit eines Horizontes von Innen heraus plausibel zu machen oder zu "beweisen", z.B. mit eindeutigen Buchstaben. Einem Narren kann niemand beweisen, dass er ein Narr ist. Wer das versucht, zeigt sich damit womöglich selbst als einer.

Das, was Mephistopheles also als finstere Unterwerfungsforderungen aus den alten Schriften heraussortiert hat, stimmt eben doch kristallklar, wenn man eine wohlmeinende Absicht dahinter akzeptiert. Horizonterweiterung ist eine Sache der freien Willenskraft, zu der einen niemand, nicht mal Gott, zwingen kann. Keine noch so große Katastrophe ändert den Charakter der Menschen, wenn sie es nicht selbst zumindest irgendwie wollen.
Die göttliche Gnade liegt darin, dass die Aufwärtsentwicklung so absurd einfach ist - wenn man bereit ist, die eigene Stellung wach wie ein Kind in Frage zu stellen. Es verbrennen nur die Illusionen in der Hingabe. Darin liegt eine der tieferen Botschaften der Bibelbuchstaben, genauso frei zugänglich wie logisch verweigerbar.

Frohes Wachstum wünscht
nvf33


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