Ich als Zivilist

Nonpopulo, Samstag, 11.06.2016, 15:08 (vor 3540 Tagen) @ Hinterbänkler3033 Views

Hallo Hinterbänkler!

> Wir sind zivilisatorisch sozialisiert, d. h. wir sind 100% Zivilisten.

Genau! Und was weiss schon ein Zivilist! Schon gar einer, der nie Krieg, Hunger und Not gelitten hat? Nichts weiss er. Doch gerade der (und auch ich) philosphiert ständig über den Weltensinn! Warum? Weil er soweit davon entfernt ist!

Einen Monat Hunger zu leiden oder ein Dutzend Menschen sterben zu sehen, und kein Konstrukt des Geistes hätte noch Bestand oder Legitimation. Alles wäre anders. Ich würde sogar behaupten: Das Leben würde erst dann echt.

In diesem Leben aber und beim schöngeistigen Nachsinnen über den Waldgänger, hier scheint mir gar nichts echt, ausser dem Drängen meines Verstandes mitzumischen, mir meine Meinung zu bilden und geistige Klarheit zu schaffen, kurz: Die Affen im Kopf zu füttern.

Doch vielleicht ist der Waldgänger gerade das nicht, wozu er verführt: Ein Philosophierender, ein Erkenntnissucher, ein Enttarner der leviathanischen Vereinnahmung. Vielleicht ist der Waldgänger nur ein Mensch, der ein einfaches, anständiges Leben führen will. Als Animist geboren ist er ein einfacher, anständiger Animist, als Zivilist geboren, ist er ein einfacher, anständiger Zivilist. Er verbiegt sich nicht, um seinem Geist zu gefallen und seinem Ideal nachzueifern. Sein Wald ist die Wildnis in ihm, mit der er lernt, in Freundschaft zu leben, auch in den vielen Momenten, in dem sie ihn quält und ihm seine Grenzen aufzeigt. Schliesslich weiss er, dass sie das Mass der Dinge ist und nicht sein immerwährend falsches und niemals zu überwindendes zivilisatorisches Denken.

> Damit wird der Waldgänger gleichzeitig zum Bewohner zweier Welten.
[quote]In der einen Welt unterwirft er sich 100 Prozent der staatlichen Ordnung
und seiner Werte, kauft und verkauft, fährt 50 innerorts, gibt seine
biometrischen Daten für den Pass und kommuniziert über Facebook.
In der anderen Welt bedeutet dies ihm zu 100 Prozent gar nichts.
Weil er gelernt hat, die beiden Welten nach Belieben zu wechseln,
identifiziert er sich eigentlich mit keiner, bzw. weiß, dass die
Identifikation nicht 'real' ist und nach Bedarf beliebig gewechselt werden
kann.
Er weiß, dass das Bewusstsein ihm immer eine Identifikationsmöglichkeit
bereitstellen muss, gleichzeitig weiß er, dass er diese wechseln kann.
[/quote]

Der Zivilist ist grösstenteils damit beschäftigt, sich Geschichten über sich selbst zu erzählen. Sich selbst zu erzählen er befinde sich in dieser oder jener oder gar keiner Welt, tröstet, motiviert, deprimiert, belustigt oder ärgert ihn, weshalb er sich immer diejenige aussucht, die am besten zu ihm passt. Aber welche er auch immer wählt, die Geschichte bleibt eine Geschichte (natürlich mit den typisch zivilisatorisch-verheerenden Auswirkungen auf die Realität).

Ich glaube der Waldläufer hat aufgehört, sich Geschichten über sich selbst zu erzählen. Er ist was er ist und arrangiert sich damit.

> Der animistische wilde Mensch (Begriff anstelle des Waldgängers) - das
[quote]ist der nicht-zivilisierte - ist Freibeuter.
Er findet, was er braucht.
Er nimmt sich, was er braucht.
Er tötet, wenn er etwas findet, was er braucht (Bakterien, Pflanzen oder
Tiere) und lässt sich töten (durch Bakterien oder Tiere)
Er weiß, dass alle Biomasse wieder zu Biomasse wird.
Jede lebendige Zelle ist Nahrung für andere lebendigen Zellen.
Es geht nicht anders.
Der animistische wilde Mensch liebt und bejaht das Leben und weiß, dass
Leben fortlaufende Transformation ist.
Damit bejaht er, dass kein Ding, Pflanze oder Tier bleiben wird, sondern
sich laufend verändern und letztlich sterben wird.
Der Wandel, die Veränderung ist das Leben und das betet er an.
Er bejaht seinen eigenen Wandlungsprozess, auch den finalen.
Der Zeitpunkt des Sterbens ist ihm nicht wichtig, er kann niemals zur
falschen Zeit kommen.
Er bejaht auch das Schafott - als Ausdruck der aktuellen
Wandlungsmethoden.
[/quote]

Schön herausgearbeitet und formuliert! Irgendwie schade bin ich kein Animist und werde ich auch niemals einer sein. Aber schade ist noch so vieles, dass ich Tag und Nacht mit Bedauern verbringen könnte. Ich bin ein Zivilist, aus einem der zivilisiertesten, hochentwickeltsten Ländern der Welt und mir wurden Eigenschaften verpasst, diese Zivilisation auszuhalten, auch wenn es manchmal schwer ist.

Ich könnte natürlich aus lauter Bewunderung für den Animismus diesen zu meiner Religion, Philosophie oder meinem Orientierungspunkt machen, aber inzwischen weiss ich, es wäre bloss eine Lüge. Denn ich bin ein Zivilist.

> Der animistische Mensch unterstellt sich keiner Sache, um nützlich zu
[quote]sein.
Folglich muss er nichts tun, sondern wählt als Option immer die eigene
Gestaltungslust.
[/quote]

Auf jeden Fall ist er vom Joch befreit, sich seine Nützlichkeit selbst zu suchen. Im Setting, das die Natur vorgibt, ist auch die Nützlichkeit des Einzelnen schon vorgegeben.

> Der animistische Mensch braucht nicht vorsichtig und verschwiegen sein,
[quote]sondern braucht nur seinen Impulsen nachgehen und das gestalten, wozu er
Lust hat.
[/quote]

Mein Impuls ist, meine Antwort jetzt unfertig stehen zu lassen und mich dem EM-Gruppenspiel Schweiz-Albanien zu widmen, auch wenn dies wahrscheinlich nicht genau das ist, was du mit gestalten worauf man Lust hat meinst. Ich bin halt Zivilist. [[zwinker]]

Beste Grüsse Nonpopulo

--
Mich widern alle Ideologien an, egal ob sie von links oder rechts kommen, sie ignorieren die Natur des Menschen. (Claude Cueni, Script Avenue)

Blue Moon Baby


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