Wechselnde Identifikationsangebote
------- Disclaimer -------
Alles Folgende ist subjektiv, es erhebt - obwohl möglicherweise klar und pointiert formuliert - nicht den Anspruch die Wahrheit zu sein, sondern es sind schlichte Erzählungen oder subjektive Ableitungen aus meinem persönlichen Weltbild.
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Ein langer Gruß in die gelbe Runde!
Also, da war dieser schöne Beitrag von Fidel über den Waldgänger des Ernst Jünger (danke nochmals).
Mir hat der Vortrag sehr gefallen und ich habe ihn unter Freunden verschickt.
Kommt von Freund D. folgende Antwort:
Danke für den Link zum Video.
Der Waldgänger ist also kein opportunistischer subversiver Anarchist,
sondern ein freigeistiger lustorientierter Nihilist" />
Und das sage ich als autopoietischer provokativer Humanist
Bis aber eine Mehrheit von uns Menschen die schicksalshafte Lust verspürt
das unveräußerliche Selbst als authentische Existenz zu verwirklichen,
braucht es noch einiges an individueller Bewusstseinsentwicklung.
Stimmt, am Eingang zum Tempel in Delphi steht "Erkenne dich selbst."
Nur wenige wissen aber, dass im Inneren des Tempels über der nächsten
Tür steht: "Damit du Gott erkennst."
Ich wünsche uns allen, dass möglichst viele von uns erwachen, erkennen
dass sie bereits im Wald sind und sich (trotz leviathanischer
Vereinnahmung) aufmachen tiefer in die Wildnis vorzudringen, die als
Schattenreich ja überall zu finden und letztlich in uns selbst, in
unseren (Helden-)Mythen und in unserem Seelenleben zu entdecken ist.
Meine Frage ist, ob wir als Waldgänger vorsichtig und verschwiegen werden
müssen, um nicht von den Vertretern der konservativen Restaurierung und
der Volkshetze zum gesellschaftlichen Schafott gezerrt zu werden? Denn
tot nützen wir der Sache wenig, oder?
Diese abschließende Frage - von mir hervorgehoben - hat mich gereizt, weil ich mich dieser seit langer Zeit widme und für mich mittlerweile einige Klarheit diesbezüglich erarbeitet habe.
Ich möchte meine Antwort hier auch mit Euch teilen:
Lieber D.,
[...]
Ich würde, wenn es denn eines Tempels bedarf, ihn eher unter das Motto stellen:
Gestalte dich selbst... / ...damit du Gott gestaltest.
Aufgrund Deiner Fragen zum Schluss des Mails ergeben sich bei mir folgende - zugegeben etwas pathetische - Gedanken:
Wir sind zivilisatorisch sozialisiert, d. h. wir sind 100% Zivilisten.
Zivilisten unterwerfen sich der staatlichen ordnenden Macht, die aufgrund ihres Gewaltmonopols oder ihrer -übermacht die Unterwerfung fordert.
Widerstand, Rebellion oder Umsturz sind ebenfalls Formen der Unterwerfung, weil sie Reaktionen auf die ordnungsschaffende Macht darstellen.
Sie benötigt für ihre Konfrontation die Werte der staatlichen Ordnungsmacht.
Wir können quasi nicht anders als den neuen Götzen (siehe Bonusmaterial unten) anbeten.
Die Waldgänger sehen, ahnen oder erleben eine lange vergessene menschliche Alternative: die nicht-domestizierte Wildheit.
Die Übung der Waldgänger besteht darin, den 'Montagepunkt' der Bewusstseinsrealität zwischen zwei oder mehr Alternativen des menschlichen Seins hin- und her zu 'switchen'. *)
Damit wird der Waldgänger gleichzeitig zum Bewohner zweier Welten.
In der einen Welt unterwirft er sich 100 Prozent der staatlichen Ordnung und seiner Werte, kauft und verkauft, fährt 50 innerorts, gibt seine biometrischen Daten für den Pass und kommuniziert über Facebook.
In der anderen Welt bedeutet dies ihm zu 100 Prozent gar nichts.
Weil er gelernt hat, die beiden Welten nach Belieben zu wechseln, identifiziert er sich eigentlich mit keiner, bzw. weiß, dass die Identifikation nicht 'real' ist und nach Bedarf beliebig gewechselt werden kann.
Er weiß, dass das Bewusstsein ihm immer eine Identifikationsmöglichkeit bereitstellen muss, gleichzeitig weiß er, dass er diese wechseln kann.
Der animistische wilde Mensch (Begriff anstelle des Waldgängers) - das ist der nicht-zivilisierte - ist Freibeuter.
Er findet, was er braucht.
Er nimmt sich, was er braucht.
Er tötet, wenn er etwas findet, was er braucht (Bakterien, Pflanzen oder Tiere) und lässt sich töten (durch Bakterien oder Tiere)
Er weiß, dass alle Biomasse wieder zu Biomasse wird.
Jede lebendige Zelle ist Nahrung für andere lebendigen Zellen.
Es geht nicht anders.
Der animistische wilde Mensch liebt und bejaht das Leben und weiß, dass Leben fortlaufende Transformation ist.
Damit bejaht er, dass kein Ding, Pflanze oder Tier bleiben wird, sondern sich laufend verändern und letztlich sterben wird.
Der Wandel, die Veränderung ist das Leben und das betet er an.
Er bejaht seinen eigenen Wandlungsprozess, auch den finalen.
Der Zeitpunkt des Sterbens ist ihm nicht wichtig, er kann niemals zur falschen Zeit kommen.
Er bejaht auch das Schafott - als Ausdruck der aktuellen Wandlungsmethoden.
Der animistische Mensch unterstellt sich keiner Sache, um nützlich zu sein.
Folglich muss er nichts tun, sondern wählt als Option immer die eigene Gestaltungslust.
Gestaltung ist immer Verändern - also wieder: Transformation, Leben...
Er will nur während seiner Zeit gestalten, nicht darüber hinaus.
Darüber hinaus hat er das unerschütterliche Vertrauen, dass das Leben, die Evolution, die Transformation immer weiter geht.
Auch andere Lebewesen, wie ein Staat, eine Gesellschaft, ein Volk werden sich laufend wandeln und sterben.
Insofern weiß er, dass jeder aktuelle patriarchalische Staat sterben wird, dass Patriachalität sterben wird, auch dass Gemeinschaft - z. B. Hinterbänklers Steckenpferd - sterben wird...
Diesen großen Wandlungsprozess muss er nicht selbst tun.
Er kann sich zurück lehnen und vertraut.
Der animistische Mensch braucht nicht vorsichtig und verschwiegen sein, sondern braucht nur seinen Impulsen nachgehen und das gestalten, wozu er Lust hat.
Vielleicht macht es ihm Lust (und damit Sinn) ein schönes Gestaltungsprojekt zu haben.
Das kann sich im geistigen Widerspruch zu staatlichen oder gesellschaftlichen Regeln oder zum Staat selbst befinden.
Muss aber nicht zwingend als Widerspruch verstanden werden.
Schließlich ist der Animist der klügere und flexiblere Mensch.
Animismus ist Glaube an das Resonanzprinzip:
Alles ist belebt, alles ist be'geist'ert, alles ist in Schwingung und alles wird durch alles beeinflusst und verändert sich so laufend (Autopoiese).
Alles Leben - auch Staatlichkeit - ist Resonanz auf auf Bedingungen und anderes Leben.
Domestifikation ist beiderseitige Resonanz auf Unterwerfung, Macht, Abrichtung usw.
Für den Domestifizierten eher unbewusst.
Animismus ist Resonanzen spüren und sehen - also mehr bewusst.
Ich habe mich z. B. vor Kurzem entschlossen aktiv und mit Klarnamen auf Facebook zu agieren.
Wenn ich nicht gegen das System kämpfe, sollten mir im Leben als Zivilist keine Nachteile daraus erwachsen.
Ich denke nicht, dass das Zusammenleben in Gemeinschaften oder das Organisieren von unpolitischen Zusammenkünften als subversiv gewertet werden wird.
[...]
*) Der Montagepunkt ist Teil eines Konzepts von Carlos Castaneda zur Bewusstseinserklärung.
Bei Interesse kann ich das noch einmal etwas ausführen.
Einen alten Entwurf hierzu habe ich hier bereits gepostet.
Zum Schluss möchte ich sagen, dass das keine fertige Gedanken sind.
Auch sie unterliegen dem 'Lebenswandel'.
Danke und Gruß
Hinterbänkler
-------------- Bonusmaterial 1 --------------
(im Gelben schon mehrmals zitiert, der Vollständigkeit halber hier nochmals
Vom neuen Götzen
Irgendwo gibt es noch Völker und Herden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da gibt es Staaten.
Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.
Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: "Ich, der Staat, bin das Volk.''
Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.
Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.
Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten.
Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt - und was er auch hat, gestohlen hat er's.
Falsch ist alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.
Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
Viel zu viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat erfunden!
Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-vielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!
"Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes'' - also brüllt das Untier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Knie!
Ach, auch in euch, ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er errät die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
Ja, auch euch errät er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte Untier!
Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.
Ködern will er mit euch die Viel-zu-vielen! Ja, ein Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!
Ja, ein Sterben für viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
Staat nenne ich's, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller - "das Leben'' heißt.
Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl - und alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!
Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen.
Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, - diese Unvermögenden!
Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es, - als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron - und oft auch der Thron auf dem Schlamme.
Wahnsinnige sind sie mir alle und kletternde Affen und Überheiße. Übel riecht mir ihr Götze, das kalte Untier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener.
Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt ins Freie!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Überflüssigen!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!
Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.
Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!
Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.
Dort, wo der Staat aufhört, - so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen? -
Also sprach Zarathustra.
Friedrich Nietzsche
Anmerkung Hinterbänkler:
Übermensch ist ein von Nietzsche eingeführter Begriff für den künftigen, evolutionär weiterentwickelten Menschen.
Die nächste Evolutionsstufe sozusagen.
Diese Bezeichnung für einen 'moralisch und mental höherstehenden Menschen' zu verwenden, haben die Nationalsozialisten für ihre Politik missbraucht.
-------------- Bonusmaterial 2 --------------
Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
1
Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt, -
zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelt, - schwülen Niederungen feind und allem, was müde ist und nicht sterben, noch leben kann.-
zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlösenden Lichtstrahle, schwanger von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen Blitzstrahlen: -
- selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als schweres Wetter am Berge hängen, wer einst das Licht der Zukunft zünden soll! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
2
Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln zerbrochen in steile Tiefen rollte:
Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:
Wenn ich je frohlockend saß, wo alte Götter begraben liegen, weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder: -
- denn selbst Kirchen und Gottes-Gräber liebe ich, wenn der Himmel erst reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich gleich Gras und rotem Mohne auf zerbrochnen Kirchen -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
3
Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener himmlischen Not, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:
Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der lange Donner der Tat grollend, aber gehorsam nachfolgt:
Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, dass die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob: -
- denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen neuen Worten und Götter-Würfen: -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
4
Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:
Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goss und Feuer zu Geist und Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:
Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches macht, dass alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: -
- denn es gibt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das Böseste ist zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen: -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
5
Wenn ich dem Meere hold bin und allem, was Meeres-Art ist, und am holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:
Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:
Wenn je mein Frohlocken rief: "die Küste schwand, - nun fiel mir die letzte Kette ab -
- das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glänzt mir Raum und Zeit, wohlan! wohlauf! altes Herz!'' -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
6
Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden Füssen in gold-smaragdenes Entzücken sprang:
Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter Rosenhängen und Lilien-Hecken:
- im Lachen nämlich ist alles Böse bei einander, aber heilig- und losgesprochen durch seine eigne Seligkeit: -
Und wenn das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, das ist mein A und O! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
7
Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln in eigne Himmel flog:
Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit Vogel-Weisheit kam: -
- so aber spricht Vogel-Weisheit: "Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du Leichter! Singe! sprich nicht mehr!
- "sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!'' -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Friedrich Nietzsche
Also sprach Zarathustra
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