Verloren gegangener Kontext - Europafeindliches Gedicht: Entlarvung
Hallo Kaltmeister,
danke. Verstehe Deine Frage bestens.
Lass mich Dir folgende Erfahrungen dazu mitteilen:
a) eine enge Verwandte, arbeitete in einem Satireverlag der DDR, beim Eulenspiegel. Daher hatten wir Sammlungen von jahrzehnte alten Satirezeitschriften, wie dem Vorgänger des in der DDR so beliebten und begehrten Eulenspiegel (Abos wurden vererbt - vergleichbar mit Titanic hier, oder Punch in GB oder wie sie in den jeweiligen Ländern heißen*): Frischer Wind
Wenn man darin stöberte, konnte man über vieles immer noch lachen, wenn es etwa um die lustige Auseinandersetzung mit dem berühmten "Allzu-Menschlichem" ging, wie Witze aus udn über Ehen usw. (wobei auch das einem Wandel unterlag). Manches konnte man nur schwer, manches gar nicht mehr verstehen, weil z. B. Themen die mal brisant waren, nicht mehr wichtig waren; Personen oder Umstände, die karikiert wurden, nicht mehr existierten oder, oder, oder.
Es fehlte der Kontext und Texte oder Karikaturen waren "witzlos" und "unerklärlich" geworden.
Das geht einem auch so, wenn man z. B. alte Kabarettsendungen sieht. T. w. ist es immer noch lustig, stellenweise weiß man nicht mal mehr den Grund er Aufregung.
Satire arbeitet ja mit Überzeichnungen, Überziehungen und Verfremdungen, um anderen z. B. zu zeigen, dass ihre Befürchtungen (und Befürchtetes tritt eben stellenweise nicht ein: Siehe der GO bisher - ein Glück übrigens) überdehnt werden und durch ins Absurdum führen gezeigt wird, dass da vielleicht nichts dran ist.
b) es gibt berühmte politische Spötterereien, wegen der in Deutschland, aber auch vor allem in Frankreich Autoren sogar in den Knast kamen. So z. B., neben vielen anderen, Voltaire:
"Kaum in Paris, dichtete er jedoch eine neuerliche Satire. In Gegenwart eines Polizeispitzels machte er wieder höchst beleidigend Kommentare über die Herzogin von Berry.[4] Diesmal war die Strafe härter: Im Mai 1717 wurde er in der Bastille inhaftiert."
https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#Erste_Werke_und_Ver.C3.B6ffentlichungen
Das gab es damals oft, wobei die Deutschen den Vorteil hatten, durch die Kleinstaaterei schneller Exil zu finden (Schiller und viele andere). Denn die Aufregung legte sich stellenweise, wie wir oben sahen, schnell. Irgendwas hatte sich verändert, in dem z. B. Potentaten starben oder abtraten oder Einfluss verloren usw. und es war nicht mehr von Brisanz.
Wenn man nun die alten Spöttereine liest, ist es nur zum Teil nachvollziehbar, was daran das Problem gewesen sein soll. Manche dieser Texte, die meist einen sogenannten Aktuell-Bezug hatten, sind nicht mehr verständlich, wenn man nicht forscht.
Das hier würde vielen heute wohl eher gefallen:
Entlarvung
Europa hat sich abgeschminkt.
Befreit von Rouge und Puder
steht eklig da das Luder
und faucht und stinkt.
Den Schnürleib sittlicher Kultur
warf sie zum Kunstkorsette.
Statt Rippen Bajonette
hält feil die Hur.
Europa, mach das Hemde zu!
Der Anblick deiner Nacktheit
ist Gift und Abgeschmacktheit.
Krepiere, Du!
Erich Mühsam
Aus der Sammlung Brennende Erde
Der Grund: Man hat einen Bezug dazu (der auch vielleicht nur vermeintlich ist)!
Mühsam hatte, wie viele seiner Zeit, Probleme mit der Kriegstreiberei und war ein beachtetet Antimilitarist.
Denkst Du, jemand wie Ernst Jünger oder andere Bewunderer seiner Zeit, hätten ihn sonst so geschätzt?
Es fehlt der Kontext und stellenweise Hintergrundwissen. Und dann muss man eben, wie bei jeder Exegese, forschen, z. B. das sonstige Werk, seine Zeitgenossen, historische Ereignisse, politische "Aufreger" usw. heranziehen, um es einordnen zu können. Stellenweise versteht man dann auch wieder "den Witz an der Sache".
Viele freundliche Grüße
azur
*) https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Satirezeitschriften
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