Es gibt mich wirklich!

Leserzuschrift, Freitag, 28.08.2015, 12:44 (vor 3800 Tagen) @ Leserzuschrift4978 Views

Liebe Forumsmitglieder, liebe Mitleser!

Der Anstand gebietet es natürlich, dass ich mich nach meiner Leserzuschrift noch einmal bei euch melde.

Ja, es gibt mich wirklich. Ich bin aus Fleisch und Blut und kein Troll und unterwandere auch nicht das Forum im Auftrag irgendwelcher Leute, die ich gar nicht kenne. Ich war gestern den ganzen Tag mit einer Jugendgruppe der örtlichen Feuerwehr unterwegs und bin erst um Mitternacht nach Hause gekommen, und war daher zu müde, um noch dieses Schreiben aufzusetzen. Manchmal ist die Wahrheit ganz banal.

Ich habe mit meinem Smartphone im Laufe des gestrigen Tages (solange der Akkustand es ermöglichte), die Entwicklung zu meinem Thread mitverfolgt. Um 13.00 Uhr ist dann auf einmal die Meldung über die Flüchtlingskatastrophe auf der A4 gekommen, wo mindestens 20 Menschen, vielleicht aber noch viel mehr (wie gerade die von mir so „geliebte“ Kronen-Zeitung meldet, sollen es sogar 71 sein), ums Leben gekommen sind. Siehe dazu: http://derstandard.at/2000021354835/Offenbar-mehrere-tote-Fluechtlinge-in-Schlepperfahr...

Solche Sachen gehen mir an die Nieren. Genauso wie Berichte über die Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen: http://derstandard.at/2000020722311/Amnesty-praesentiert-Bericht-ueber-Traiskirchen

Da beginnen Menschen, die so ticken wie ich, Lebensmittel zu sammeln oder im Internet, den tagtäglichen Wahnsinn, der sich vor allem auf der Facebook-Seite unseres Rechtspopulisten Nummer Eins, HC Strache, abspielt, zu bekämpfen. Dort werden diese armen Menschen mit allerlei derben österreichischen Fäkalausdrücken bedacht, es wird dort bewusst mit Halbwahrheiten gearbeitet oder historische Fakten werden so verdreht, wie es gerade passt. Menschen wie ich werden auf dieser Seite dann üblicherweise als Gutmenschen abgestempelt, für mich also kein neue Bezeichnung<img src=" />

Ein User hat geschrieben, dass er nachfühlen kann, wie sich die Menschen 1933 gefühlt haben. Auch ich, als sagen wir einmal geschichtlich sehr interessierter Mensch, habe in letzter Zeit oft an die 1930er-Jahre denken müssen. Mein Zugang ist aber die Hilflosigkeit, wie machtlos man eigentlich dem Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei gegenüber ist, der ohne, dass sie viel tun muss, außer heiße Luft zu produzieren, die Menschen scharenweise zulaufen.

Ich wurde von einem User gefragt, ob ich eine Lösung für die Flüchtlingskrise habe. Natürlich nicht. Hätte ich eine, würde mich wahrscheinlich die Frau Merkel höchstpersönlich zum einem EU-Sondergipfel einfliegen lassen. Ich denke aber, dass die Lösung in die Richtung gehen wird (egal ob wir die Tore offen lassen oder Mauern und Zäune errichten), dass wir etwas von unserem Wohlstand werden hergeben müssen. Weil es nicht sein kann, dass in einer Welt in der die Ressourcen weniger werden, einige wenige viel haben, und andere Hunger leiden. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Auch mein Lebensstil ist nicht gerade dazu angetan, als ressourcenschonend angesehen zu werden. Obwohl ich selbst einen großen Gemüsegarten habe und nach Fertigstellung dieser Antwort mit dem Schneiden des Winterholzes fortfahren werde, gäbe es noch sehr viel, das man verbessern könnte.

Eine Frage war, ob ich Erfahrungen mit erfolgreicher Integration habe. Die Antwort ist ja und nein. Ja, wenn ich an einige Ereignisse der letzten 100 Jahre zurückdenke. Da wäre einmal die Auswanderungswelle, die den Osten von Österreich bis 1924 erfasst hatte: http://regiowiki.at/wiki/Amerikawanderung_der_Burgenl%C3%A4nder
Diese führte damals unsere Vorfahren, nach heutigem Sprachgebrauch Wirtschaftsflüchtlinge, in die USA, wo sie als Arbeitskräfte herzlich willkommen waren.

Erfolgreich integriert wurden in Österreich selbst neben den Flüchtlingen, die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg gekommen sind, auch viele Ungarn, die 1956 aus ihrem Land fliehen mussten: http://regiowiki.at/wiki/Sicherungseinsatz_des_Bundesheeres_w%C3%A4hrend_der_Ungarnkris...

Eine weitere Flüchtlingswelle hat unser Land in den 1990er-Jahren erfasst, als viele Kroaten und Bosnier in unser Land geströmt sind. Viele sind wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt, viele sind geblieben und haben sich hier eine Existenz aufgebaut. Mit diesen Personen habe ich selbst meine ersten Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht. Von unserer bosnischen Putzfrau, einer Muslimin, habe ich viel über diesen Krieg aber auch über ihre Lebensweise erfahren. Ihre erwachsenen Söhne werden in Österreich bleiben, sie würde es auch gerne, aber ihr Mann hat derart Heimweh, dass sie wohl nach ihrer Pensionierung nach Bosnien zurückkehren werden. Sie ist auch gläubig, hält den Ramadan ein, aber ihre Glaubensauslegung hat nichts mit IS zu tun, sondern ist von einer Art, wie auch meine Mutter ihren christlichen Glauben praktiziert.

Als Nachwuchstrainer im örtlichen Fußballverein habe ich außerdem einige bosnische Kinder betreuen dürfen und Kontakte mit ihren Eltern geknüpft. Das hat im Großen und Ganzen wunderbar funktioniert. Auch im Großen ist der Sport bei uns ein erfolgreiches Beispiel für Integration. Die Kinder von Zuwanderern haben Österreichs geschundener Fußballseele unendlich gut getan<img src=" /> David Alaba, Zlatko Junuzovic, Aleksandar Dragovic oder Marko Arnautovic haben in Österreich Heldenstatus, weil es nur durch sie möglich gemacht wurde, dass sich Österreichs Nationalmannschaft endlich einmal für eine Europameisterschaft qualifizieren wird. Gelegentlich sehe ich mir auch Spiele der zweiten Mannschaft des österreichischen Kultklubs SK Rapid Wien an. Der Genpool dieser Nachwuchshoffnungen, die vermutlich alle in Wien entdeckt wurden, reicht vom Nordkap bis nach Gibraltar<img src=" /> http://www.skrapid.at/9647.html

Schlechte Erfahrungen hat es natürlich auch gegeben. Bei meiner Lehrtätigkeit in einer Abendschule, wurde mit einer Hilfsorganisation vereinbart, dass wir für die Ausbildung zum Programmierer auch zwei Flüchtlinge aus Tschetschenien und einen Iraner aufnehmen. Die drei waren im Endeffekt bei dieser nicht gerade einfachen Ausbildung heillos überfordert und haben nach einem Jahr das Handtuch geworfen. Der Iraner hatte auch noch das Problem, dass er schwer traumatisiert war und für einige Zeit stationär in einer psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses aufgenommen werden musste.

Ob diese Erfahrungen reichen, um für die Zukunft optimistisch zu sein? Vermutlich nicht. Umso mehr habe ich auf euch klugen Köpfen des Gelben Forums gehofft, dass es vielleicht dort irgendwo eine leise Zukunftshoffnung gibt. Daher war natürlich auch ein Schuss Provokation bei meinem ersten Statement dabei, um vielleicht den einen oder anderen Optimisten aus seiner Deckung hervorzulocken. Aber so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es eben zurück. Anmelden möchte ich mich im Forum nicht. Vielleicht hätte ich es gemacht, wenn sich einige Mitstreiter gefunden hätten. So aber würde mich die Geschichte zu viel Kraft kosten, und die brauche ich an der „Strachschen-Heimatfront“.

In diesem Sinne wünsche ich euch und dem Forum alles Gute.

Dieses Mal liebe Grüße aus Österreich <img src=" />
Heinz

P.S. Ich bemühe mich dieses Mal, meine Mailadresse wirklich ohne Fehler einzugeben. Sorry helmut-1, dass die Mailzustellung nicht funktioniert hat.


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