Faustrechts- oder Geburtsrechtskultur
Hallo BBouvier,
danke für deine interessanten Ausführungen!
> Tatsaechlich zeichnen sich die USA dadurch aus, dass sie
[quote]voellig kulturlos sind - wie auch anders? -
denn dorthin ist die Unterschicht Europas ausgewandert.[/quote]
Ich sehe Kultur viel allgemeiner als alles von Menschen Geschaffene und im spezifischen gebräuchlichen Sinn als menschlicher Ausdruck in Form der Künste.
Ich nehme aufgrund deiner Bewertung an, dass z.B. die moderne Musik, die zu einem grossen Teil in Amerika entstanden ist, von Blues über Rock'n Roll bis hin zu Heavy Metal, für dich kulturlos ist, hingegen wahrscheinlich Bach, Brahms, Beethoven und Konsorten für dich Vertreter echter Kultur sind.
Aber wie kommst du zu dieser Einschätzung über Kultur und Nicht-Kultur (sollte meine Vermutung zutreffen)?
Mit der Unterschicht habe ich auch kein Problem. Wie sich in der Entwicklung US-Amerikas zeigt, ist sie nicht weniger intelligent und ganz sicher nicht dekadenter oder hedonistischer als die Oberschicht.
Ich lese gerade "Das Grosse Spiel" von Claude Cueni über den Erfinder des Papiergeldes (der wohl derjenige sein muss, der den Übergang von der Kultur in die Zivilisation so wie du ihn beschreibst durch seine Idee initiiert hat). In diesen Jahren des frühen 18. Jahrhunderts scheint jedenfalls in vielerlei Hinsicht dekadent und "kulturlos" gelebt worden zu sein, jedenfalls in der Oberschicht. Man hat für Geld alles gemacht, Freunde, ja gar Familienmitglieder hintergangen, um sich letztlich in Sex- und Alkoholorgien auszutoben. Der Hedonismus scheint mir aufgrund des laut Cueni sehr exakt recherchierten Buches in diesen Zeiten noch viel weiter verbreitet gewesen zu sein als heute. In der Oberschicht, versteht sich, die Armen konnten sich Hedonismus ja nicht leisten.
Wo ist also für dich der Unterschied in den Ausschweifungen der Oberschicht zur Zeit des Louis Quatorze und dem modernen, verbreiteten Hedonismus?
> Freiheit besteht in der Moeglichkeit der Wahl,
[quote]sich sittlich richtig entscheiden zu koennen.[/quote]
Was meinst du damit? Ich meine mich sittlich immer entscheiden zu können, besser als zu Louis Zeiten, wo es nur EINE Sittlichkeit gab, die strikte zu befolgen war.
> Und das ist ein Bereich, in den nur wenige
[quote]Menschen je vordringen.
Was wir in modernen Zvilisationsstaaten/Republiken haben,
das ist die Abkehr von allen Werten - hin zu
Beliebigkeit (!) - zur Auflösung der Kultur.[/quote]
Ich sehe diese Tendenz auch, aber ehrlich gesagt, das Alte - eben z.B. die Zustände zu Zeiten von Louis Quatorze - waren hart, sehr sehr hart für die Meisten. Warum sollte ich dahin zurück wollen? Natürlich schreckt mich die moderne Oberflächlichkeit, Beliebigkeit und Dummheit auch ab, aber ich bin nicht mal sicher ob das früher viel besser war. Es gab vielleicht einfach diese grosse Masse nicht. Und die kleine Masse von damals war mit Überleben beschäftigt.
> Eine Nivellierung, die der Unterschicht allerdings behagt
[quote]und ihr schmeichelt.
Gleichzeitig steigt die Verrohung, die Kriminalitaet,
die verordnete Gleichmacherei, die staatliche Ueberwachung,
die Beschneidung wirklicher Freiheit.[/quote]
Ich gebe zu, ich kenne mich nicht besonders aus mit der Geschichte, und natürlich weiss ich, dass du diesbezüglich ein Experte bist. Trotzdem frage ich mich, ob du da nicht ein bisschen die alte Zeit verklärst. Bei Louis Quatorze gab es strikte Kleidervorschriften, Leute, die sich getrauten ihre Meinung zu sagen, wurden ins Verliess geworfen oder auf die Galeere gebracht, das einfache Volk nahm jede Gelegenheit zur Selbstjustiz gerne an und gemordet, geraubt, vergewaltigt und gebrandschatzt wurde noch und nöcher.
> In allen diesen Monarchien hatten die Menschen eine Freiheit,
[quote]von denen die Insassen moderner Republiken
nur traeumen koennen - wuessten sie denn davon. *gg*[/quote]
Was für eine Freiheit war das, die du meinst? Ich denke doch, du meinst nicht die, die sich der Gutsherr herausnahm, wenn er die Frau seines Knechtes begehrte.
> Falls "Demokratie" nach US-Vorbild tatsaechlich Wohlstand&Freiheit
[quote]braechte,
- ei - wieso sieht man davon denn rein gar nichts in folgenden
Demokratien:
=>
(Hier sich bitte eine lange, lange Liste
dieser "Demokratien" weltweit denken zu wollen.) [/quote]
Ich glaube, da hast du mich falsch verstanden. Weil ich das moderne Europa mit seinem Humanismus und seiner Demokratie für nicht überlebensfähig halte, stellt sich mir die Frage, welche der beiden in meinen Augen einzigen überlebensfähigen Kulturen mir mehr entspricht: Die des Faustrechtes, also die amerikanische, oder die des Geburtsrechts, also eine an Monarchien/Oligarchien/Clans orientierte Kultur.
Wohl haben beide Kulturen ihre Vorzüge und Nachteile, aber ich bevorzuge klar die des Faustrechts, also die amerikanische. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass ich selbst der Unterschicht entstamme und in einer Geburtsrechts-Kultur ein Leben lang Hochwohlgeborenen dienen müsste, wogegen ich beim Faustrecht zumindest hypothetisch die Chance habe, mich aus solchen Abhängigkeiten zu befreien.
Beste Grüsse Nonpopulo
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Mich widern alle Ideologien an, egal ob sie von links oder rechts kommen, sie ignorieren die Natur des Menschen. (Claude Cueni, Script Avenue)
Blue Moon Baby