...hätte auch für die Vielen geschrieben werden können

Kurz_vor_Schluss, Freitag, 10.04.2015, 19:57 (vor 3933 Tagen) @ Zarathustra8990 Views

Servus Zara,
derselbe, auch von mir geschätzte und „für die Wenigen“ Schreibende, sehnte sich aber zeitlebens so sehr nach Freunden….. nach Menschen und Kontakt zu Menschen. Und da stand er sich selber im Weg.

Wie schrieb doch ein ehemaliger Student von dem Erlebnis, welches er mit seinem Professor Nietzsche beim Spaziergang in Basel hatte:
Nietzsche wendet sich ihm zu: „Ich reise bald…. Kommen Sie mit mir!?Wollen wir die Wolken in Veroneses Heimat ziehen sehen!?“ Ich war so betroffen…. dass ich zuerst kein Wort über die Lippen brachte. Dann schoß es mir blitzartig durch den Kopf, wie ich doch eigentlich gar kein Recht einer solchen Auszeichnung besäße….. Ich senkte also verlegen den Blick und brachte eine ablehnende Entschuldigung hervor, die frostig genug geklungen haben mochte….. wie eine leblose Maske starrte mir das verzerrte Gesicht des Mannes entgegen!... Für Augenblicke nur. Denn der Professor wandte sich von mir weg. Er nahm schnell die gewohnte Miene an und unter gleichgültigem, aber umso krampfhafterem Gespräche setzten wir den Weg bis zu seinem Hause fort“. (Nietzsche in seinen Briefen, Seite 129f).

Oder was schreibt Nietzsche selbst, als ihm einer der drei Menschen, die er in seinem Leben als die aufzählte, die ihm etwas bedeuteten, stirbt: „Diese Sache tut mir so weh, dass ich immer wieder nicht daran glaube. Nein, was ich mich einsam fühle! Zuletzt stirbt mir auch die gute Malwida weg…. Wieviele bleiben dann übrig? Ich fürchte mich, zu zählen.“ (Ebd. S. 422). Diese drei Menschen waren übrigens Peter Gast (der den Kontakt zu Nietzsche abbrach), Richard Wagner (von dem sich Nietzsche abwandte) und Heinrich von Stein, der 1887 Verstorbene.

Und was schreibt Nietzsche Ende 1888, kurz bevor ihn der Wahnsinn ereilt, einem Freund? „(Ich bin jetzt) ein ungeheuer berühmtes Tier: nicht gerade in Deutschland, denn die Deutschen sind zu dumm und zu gemein für die Höhe meines Geistes und haben sich immer an mir blamiert, aber sonst überall. Ich habe lauter ausgesuchte Naturen zu meinen Verehrern, lauter hochgestellte und einflussreiche Menschen, in St. Petersburg, in Paris, in Stockholm, in Wien, in New York. Ach wenn Du wüsstest, mit welchen Worten mir die ersten Personnagen ihre Ergebenheit ausdrücken, die scharmantesten Frauen…. Ich habe wirkliche Genies unter meinen Verehrern – es gibt heute keinen Namen, der mit so viel Auszeichnung und Ehrfurcht behandelt wird, als der meinige.“ (Ebd. 510)

Armer Mann – kurz vor dem Ende brechen sich die kindlichen Fantasien nach Anerkennung und Zuwendung Bahn und ich behaupte – hätte dieser Mann nicht derart hohe Ansprüche an die ihm Umgebenden gestellt und nicht derart seine Einsamkeit kultiviert, so hätte er wohl liebevoller und länger gelebt. Denn der Verkünder des Übermenschen vergoss angesichts eines Pferdes, dass vom Kutscher geschlagen wurde, Tränen oder verband einem Hund die verwundete Pfote.

Will damit sagen: Etwas mehr Liebe und Anerkennung – und vielleicht oder bestimmt hätte er andere, liebevollere Worte gefunden - nicht nur für die Wenigen, sondern für die Vielen.
Beste Grüße in die Berge
K_v_S

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Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.
Karl Valentin


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