Die Flucht nach vorn
Hi Bernadette!
Noch ist das Zeitfenster offen. Subversive Elemente kommen nicht ins KZ,
freie Meinungsäußerung ist (noch) erlaubt, ja sogar geschützt...
Naja, das ist relativ. Als ich die letzten paar Male anlaesslich Burning Man in die Staaten geflogen bin, wurde mir schon die Sonderbehandlung zuteil... einmal inklusive Anschlussflug verpassen, weil ihnen meine immergleichen Antworten auf ihre immergleichen Fragen nicht gepasst haben. Das kann viele Gruende haben, aber an Zufaelle glaube ich nicht.
...und diese \"Ich sag lieber nichts mehr\"-Debatte kommt mir befremdlich
vor. Du vertrittst Deine Meinung doch wohlbegründet.
Da hast Du mich missverstanden. Ich sage schon was und wenn, dann auch sehr deutlich, aber eben nur, wenn ich die Chance sehe, auch verstanden zu werden.
Warum solltest Du
keine Überzeugungsarbeit leisten.
Weil ich der Auffassung bin, dass man niemanden "ueberzeugen" kann. Natuerlich kann man sich austauschen und bei Bedarf Hilfe zur Selbsthilfe oder Beistand geben - die Voraussetzung ist jedoch, dass dem Gegenueber klar ist, dass es ein Problem gibt / hat.
Wie reagierst Du, wenn Du in einer Angelegenheit zugetextest wirst, in der Du glaubst, dass kein Handlungsbedarf besteht / alles seinen ganz "normalen" Gang geht / es nichts mit Dir zu tun hat?
Ich wende mich gelangweilt ab, wenn mir irgendein Schwaetzer ungefragt erklaeren will, wie die Welt (nicht) funktioniert.
Jetzt, da von der Zeitqualität her
ganze Bürgerlegionen das \"Andersdenk\" gerade lernen.
Musst ja nicht gleich die schlimmsten Zoten raushauen. Gute, kritische
Kommentare. Berechtigte Skepsis äußern. Das lässt sich situationsgerecht
dosieren.
Weisst Du, ich warte seit ca. 10 Jahren auf den allemeinen "Bewusstseinssprung", auf "das Aufwachen" der Masse, darauf, dass einer kritischen Masse ihre Macht und ihre Wahlmoeglichkeit, die Kraft der Selbstverantwortung klar wird - aber ich sehe es einfach nicht passieren. Ich sehe heisse und helle Strohfeuer hier und da, die so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Klar gibt es viele extrem fitte und selbststaendige Leute, aber auch die machen maximal Inselloesungen klar. Viel Licht, viel Schatten, ich weiss. Bedingt einander, ja. Je haerter und unfreier die Lebensumstaende werden, umso mehr Mensch beschaeftigen sich mit Alternativen oder zumindest aktivem/passivem Widerstand. Das sehe ich alles und das ist gut so. Aber ich sehe den Mittelwert nicht steigen und vielleicht ist genau dieses naive Heile-Welt-Ideal mein Problem.
Sich selbst den Mund zu verbieten kommt einer Kapitulation
gleich. Das trennt Dich von den Mitmenschen, indem Du Dich abkapselst. Find > ich nicht gut. Jetzt braucht es Leute, die kritisch denken und anderen auf > die Sprünge helfen.
Da kann ich Dich beruhigen, Kapitulation ist keine Option fuer mich. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, ich lade regelmaessig Menschen zu Selbsterfahrungsseminaren (im weitesten Sinne) ein. Ein langes Wochenende lang jenseits allem bekannten und jenseits der Komfortzone. Ein Raum, wo die Leute sich mal wieder richtig spueren koennen, von aussen auf das Schachbrett ihres Lebens schauen und selbst Loesungen fuer Verstrickungen finden. Bis jetzt kamen fast alle wieder, die meisten davon mit Freunden.
Ich schrieb ja, dass ich im Rahmen meiner Moeglichkeiten mein Ding mache (mit entsprechender Aussenwirkung), frage mich aber, ob das genug ist.
Wohlfeil dosiert und mit etwas Galgenhumor kommt das
IMMER gut. Niemand mag Lemminge. Schau mal, Schramm, Uthoff und Pispers
verkaufen Eintrittskarten für ihre kluge Andersdenke. Mit Humor kann man
alles rüberbringen. Hier sind: Max Uhoff, Georg Schramm, Rating, Wopp,
Schroeder in einem ganz frischen Upload - hab ich noch gar nicht angehört, > weiß aber jetzt schon, dass das eine klasse Vorstellung ist:
https://www.youtube.com/watch?v=puEwJVgpVPE
Ja, Humor ist essentiell. Mir hat ein guter Therapeut und Lehrer bezueglich der Arbeit mit Menschen mal gesagt: "Wenn Du Leuten die Wahrheit sagst - bring sie besser zum Lachen! Sonst toeten sie Dich..."
Ich bin ja ein grosser Freund von Harald Schmidt. Damit meine ich nicht die "Dirty Harry" Marke. Was dieser hochintelligente Mann sagt und wie er es sagt, finde ich bemerkenswert. Ebenso das, was er nicht sagt, was aber zwischen den Zeilen transportiert wird. Zu denen, die es verstehen. Und der Rest lacht ueber die offensichtliche oberflaechliche Zote. Schade, dass er sich ins Privatleben zurueckgezugen hat, aber es gibt aus den letzten Monaten 3 bemerkenswerte Interviews / Auftritte:
https://www.youtube.com/watch?v=wRD1NE-y28Q
https://www.youtube.com/watch?v=kJLjKEHoCRI
https://www.youtube.com/watch?v=2Gi944_OHrE
Engagier Dich im Rahmen Deiner Möglichkeiten und Du kannst weiter stolz
in den Spiegel schauen. Oder in die Augen der Enkel. So einfach ist das.
Sich ins Schneckenhaus zu verziehen, ist doch genau dass, was
\"S I E\"
wollen
Wie gesagt, ich mache mein Ding und das auch recht erfolgreich. Ich frage mich nur, ob es reicht. Oder um es mal selbstverliebt zu formulieren: ob es genug Typen wie mich gibt.
Ich versuche relaxed zu bleiben und das Ende bestehender Strukturen, die
nicht mehr in die Zeit passen, als Neuanfang für etwas anderes zu
befreifen.
Klar. Und "things need to get worse before they get better".
Aber wie lange denn noch, verdammt noch mal?!
Leicht ungeduldige Gruesse,
Positiv.