Manchmal ist die Tuer offen

Positiv, Dienstag, 24.02.2015, 11:53 (vor 4027 Tagen) @ Hasso3632 Views

Hallo Hasso,

und schoen, dass Du hier wieder dabei bist!

Was willst Du den Enkelchen denn vorweinen?

Ich hatte als Kind sehr guten Kontakt zu meinem Grossvater. Als ich in der Schule war und juengste deutsche Geschichte eingetrichtert bekam, hat dieser liebe Mensch dankenswerterweise meine diesbezueglich aufgetretenen Fragen gern und ehrlich beantwortet. ("Aber erzaehl´ das nicht der Mutti, das bleibt unter uns!") Diese Gespraeche waren ein - im Nachhinein betrachtet - wichtiges und heilsames Gegengewicht zur offiziellen Propaganda und zum Schuld Kult.

Andererseits hat er mehrfach betont, dass damals ihm und den meisten seiner Kamaraden klar war, dass der Russlandfeldzug ein Himmelfahrtskommando ohne Aussicht auf Erfolg war. Trotzdem war er dabei, aber mit dem, was sich infolgedessen entwickelt hat, fand er nie seinen Frieden. Und es tat ihm unendlich leid, dass Deutschland nun unter (russischer) Fremdherrschaft stand und die "gute alte Zeit", die er noch miterlebt hat, unwiederbringlich vorbei war. Ihm war natuerlich auch klar, dass das weder seine Entscheidung noch seine Verantwortung war, aber die Frage, ob er damals nicht besser entsprechend seiner Wahrnehmung und seiner Ueberzeugung und aktiv entgegen dem Mainstream haette handeln sollen, liess ihm bis zu seinem Tod keine Ruhe.
Es bedrueckte ihn sehr und in schwachen Momenten schaemte er sich mit stummen Traenen, dass er mir - seinem Enkel - so eine beschissene Welt hinterlaesst.

Das hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und so stelle ich mir heute solche Fragen.

Das ist für Dich sicher noch sehr lange hin... dann wäre ja alles mal
wieder mal "joot jejange" und es gäbe nichts zu entschuldigen.

Die Kinder stecken bis zum Hals im Hamsterrad, der Kinderaufzucht, der
täglichen Nachschuldnersuche und dem Hüttenbau... dass sie sich nach
einem "Gelben Gespräch" nur umdrehen und sagen "Der/die Alte hat mir mit
seinen Untergangsparolen mal wieder die Ohren vollgebrummt. Immer die
gleiche Leier...[[sauer]]"

Ja, die eigene Problemdichte ist meistens so hoch, dass da ueberhaupt keine Zeit und Energie uebrig ist, mal ueber den Tellerrand zu schauen.

Man geht im Haupt- und Nebenjob anschaffen um die Karre abzubezahlen, die man eigentlich nur braucht, um damit zur Arbeit zu fahren. Ebenso das Haus, welches eigentlich eine Nummer zu gross und zu teuer ist und auch nicht wirklich schoen gelegen, aber eben zentrumsnah, damit der Weg zur Arbeit nicht so weit ist... [[wut]]

Andererseits ist es vielleicht der einzig moegliche Weg, dass jeder jeden moeglichen Fehler selbst macht - und sei es allein deshalb, um zu erfahren und zu begreifen, das dieser Weg wirklich nirgends hin fuehrt, als direkt in den Burn Out, zum Herzinfarkt oder in die Depression. Vom Ausmass des damit einhergehenden Medikamenten- und Alkoholkonsums ganz zu schweigen.

Aber Erfahrung ist ja die Summe der selbstgemachten Fehler und ich selbst war auch nicht davon abzubringen, auszuprobieren, wovon weise und erfahrene Menschen mir abrieten. Wohl denen, die den Absprung schaffen und denen es gelingt, jeden Fehler nur einmal zu machen.

Mit der Kommunikation bezueglich Untergangsszenarien halte ich mich weitestgehend zurueck, zumal ich das auch nur als eines von mehreren denkbaren Szenarien ansehe. Die eigene temporaere Paranoia / Hoffnungslosigkeit zu projizieren, hilft keinem.

Das meinte ich mit, "ich beantworte nur noch Fragen". Wenn mich jemand nach meiner Meinung bezueglich Rentenversicherung / BWL Studium / Heirat / ewiglangen Kreditvertag / usw. fragt, dann, ja dann gibt es die gelbe Breitseite. Aber nur dann. Ich habe gemerkt, dass diese Vorgehen menschliche Beziehungen schont. Klar mache ich auchmal eine Anspielung oder bring einen provokanten Spruch, aber wenn dieser Wink mir dem Zaunspfahl nicht verstanden wird, dann lasse ich es gut sein.

Nervte vor 35 Jahren irgendwie... aber es gab immer reichlich kostenlose
geistige Getränke beim Gespräch, also hielt ich tapfer durch, manchmal
bis zum Kotzen wg. der verschiedenen Getränke.

Ich gebe zu, selbst auch manchmal Single Malt auf den Tisch zu stellen, um Interesse und Aufnahmebereitschaft des Gegenuebers aufrecht zu halten. [[top]]

Mit den "Jüngeren" rede ich kaum noch über Dein Thema... bringt mir nur
Verdruss.

Wie sind Deine Erfahrungen beim Gespräch mit Deinen volljährigen
Kindern?

So weit ist es noch nicht, aber ich pflege Kontakt mit den volljaehrig gewordenen und werdenden Kindern meiner Freunde. Ich geniessa da den Sonderstatus als der freakige Onkel. Das erleichtert die Kommunikation ungemein und wenn sie sich mit ihren Alten mal wieder voll verkracht haben und sie sich von Gott und der Welt komplett unverstanden fuehlen, wissen sie, dass bei mir im Gaestezimmer meistens ein Platz frei ist.
In diesem Alter drehen sich die wichtigen Themen natuerlich alle um die eigene kleine Welt: Beziehungsdramen (oder das, was man in dem Alter dafuer haelt), Stress in der Schule oder beim Studium, grosse Diskrepanzen zwischen dem, was ihnen erzaehlt wird und dem, was sie taeglich sehen und fuehlen.
Oft haben sie das klare Gefuehl, wie abartig und menschenverachtend die Gesellschaft ist und fragen sich, ob das eigentlich sonst niemandem auffaellt. Solche Momente lassen mich hoffen. Und dann fangen sie an, zu fragen und mit gespitzen Ohren zuzuhoeren - und schon ist fuer einen kurzen Moment die Tuer offen.
Neulich hat uebringens ein 19jahriger Bengel bei mir mitten im persoenlichen Gespraech demonstrativ und mit grossem Gestus sein Smartphone ausgeschaltet - ich habe nichts weiter dazu gesagt, fand das aber richtig Klasse!

Beste Gruesse

Positiv


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