Pinion – Rysum – Friedrich Hölderlin – Copenhagenize
Hallo Dragonfly,
nach einem Jahr möchte ich versuchen, zu deinen Sätzen
Erzaehle doch mal mehr. Wobei ich sowohl bei Fahrraedern, als auch bei
Sportkleidung kein Fan von teuren Produkten sind. Meine Erfahrung: Je mehr
Geld jemand dafuer ausgibt, je weniger nutzt er oder sie das.
Stellung zu beziehen und einiges erzählen.
Das Getriebe, dessen Teile der Automobilindustrie entstammen, ist gekapselt und damit vor Umwelteinflüssen geschützt. Es ist ein reiner Montagebau eines KMU mit 20 Beschäftigten. Der große Übersetzungsumfang von 636 % erlaubt einen sehr leichten Berg-Gang und einen sehr schnellen Tal-Gang für Abfahrten – selbst im leicht hügeligen Münsterland sind rund 40 km/h schnell zu schaffen – was aber ohne Fahrradhelm oder Hövding-airbag sehr gefährlich ist. Das erfordert ein einwandfreies Bremssystem für das Rad, das ja ohne Rücktrittbremse ist. Der Produktionsleiter einer Fahrradmontagefabrik mit 200 Beschäftigten aus der näheren Umgebung empfiehlt nur noch Scheibenbremsen statt der Felgenbremsen, weil diese die Radfelge durch mitgeführte kleine Steine stark beschädigen können. Alle nötigen Antriebselemente sind an zentraler Stelle am Tretlager unterhalb des Fahrers angebracht, wodurch das Rad sich stabilisiert und das Hinterrad leichter ist. Das Rad wird dadurch wendiger und kann schneller beschleunigen. Insgesamt ist eine spezielle und teurere Rahmen-Konstruktion nötig.
Das Getriebe schaltet mit einem Stirnradgetriebe. Aus der Kombination der zwei nacheinander geschalteten Teilgetriebe mit ihren unterschiedlichen Radpaaren werden die einzelnen Gänge abgeleitet. Es leitet die Kraft mit einem Zahnriemen, der auch jetzt nach zehneinhalbtausend Kilometer Fahrleistung in vierzehn Monaten keine Beschädigung aufweist, auf das Hinterrad – die Kettenpflege entfällt für immer. Ich bin mir sicher, dass der Zahnriemen für eine Äquatorlänge gut ist. Da außerhalb kein Öl anfällt, kann das Rad mit einem Wasserstrahl gereinigt werden.
Die Gesamtfahrleistung umfasst auch eine mehrere hundert Kilometer lange Fahrt entlang der Ems von der Quelle in der Senne über Hövelhof – das Tor zur Senne – , am Kloster Bentlage vorbei, auf dessen Hinweistafel zu lesen steht: „Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebten hier 50 Mönche; mehr als 20 Bauernhöfe leisteten ihre Abgaben an das Kloster.“ bis zur Mündung bei Emden und zu einer der ältesten spielbaren – fast im Original erhaltenen – Orgel der Welt in der Rysumer Kirche aus dem Jahre 1457 – wie Ostfriesland ja insgesamt eine der reichsten Orgellandschaften der Welt ist. Sie wurde von den Rysumer Bauern mit ihren zehn besten Rindern bezahlt, wie Eggerik Beninga in Cronica der Fresen, Bd. II, S. 882 zu berichten weiß:
„… datt se ere vette beeste aver de Eemse na Gröninghen muchten laten schepen, darmede se ere schulde muchten betalen to Gröningen, wegen des örgels, datt se daer hadden maken laten.“
Im Fahren verhält sich das Getriebe unauffällig – eine gewisse Einfahrzeit ist günstig. Beim Hochschalten ist ein gewisser Druck auf dem Pedal unproblematisch. Bei den Übergängen der Teilgetriebe müssen die Pedale völlig entlastet werden – zwischen den Gängen sieben und acht bzw. zwölf und dreizehn.
Ich habe den Eindruck, dass die Regenbekleidung, auf die ich nicht verzichten will, sehr teuer ist. Andere spezielle Radbekleidung benötige ich nicht.
Mir ist aufgefallen, dass ich beim Radfahren gute Gedanken und Formulierungen entwickeln kann, die ich sonst am Schreibtisch nicht gewinne und die ich auch sofort fixieren muss. Dieses Phänomen ist mir erst vor kurzem nach der Lektüre des Artikels: „Schüler: Gefangen im Hamsterrad“ von Maxi Rutka bekannt geworden. Zu Beginn erzählt sie eine Geschichte von Friedrich Hölderlin, die nur vor dem Hintergrund der schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu verstehen ist, die er erleiden musste:
„Friedrich Hölderlin dichtete im Gehen. Für seine rhythmisch anspruchsvollen Verse war der große Lyriker stundenlang unterwegs, über Stock und Stein, bei Wind und Wetter. Nur so fanden Körper und Geist zu einer Einheit, nur so konnte er dem Leid der Liebe und dem Schrecken des Alltags schöpferisch trotzen.“
Das stimmt offensichtlich mit den Ergebnissen der Kognitionsforschung überein. Personen, die sich langfristig bewegen, schöpfen ihre „geistigen und zerebralen Potenziale“ besser aus. Offensichtlich gilt: „Während der Bewegungen laufen schnellere, komplexere geistige Vorgänge ab als sonst.“ Schwimmen und Radfahren sollen relativ geringe präventive Effekte besitzen. Zehntausend Schritte, die jeder nach Empfehlungen täglich machen soll, entsprechen ja einer Stunde Rad fahren.
In den Städten und Ballungsräumen können viele Erwerbstätige täglich im Durchschnitt 30 km und Schüler ab einem passenden Alter bis zu 10 km Schulweg mit dem Rad oder zu Fuß zurücklegen. Per Erik Veng, Gesandter und Fahrradexperte an der dänischen Vertretung in Berlin hat im Hinblick auf die Frage: „Die Deutschen verkaufen also Autos, die Dänen Know-how im Radverkehr (Anm. d. Verf. „Copenhagenize Design Company“)?“ geantwortet „Das ist ein cooler Vergleich“ und: „Wenn BMW seinen Hauptsitz in Kopenhagen hätte, würde das Rad dort sicher nicht diese Rolle spielen.“ So einfach ist das.
Gruß
Ostfriese
Aktuelle Ergänzung:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2842374/heute-in-Europa-vom-22.09.2016#/be...