Das Fahrrad, der Debitismus und Jean Baudrillard
Hallo Dragonfly,
ich möchte abseits der vielen Postings, die das Thema Völkerwanderung nach Europa behandeln, auf das Rad zurückkommen.
Der Stadt Münster ist es nicht gelungen, einen offiziellen Bericht zum Kongress „Radverkehr – Münster 2025“ zu erstellen und im Internet zu veröffentlichen. Das Protokoll der privaten Marketinggesellschaft, die die Veranstaltung im Auftrage der Stadt durchgeführt hat, will ich nicht verlinken. Das entspricht ja auch der Dehnung des Raum/Zeithorizont, die typisch ist für die Legislative, Exekutive und Judikative in Deutschland, das die Last einer mehr als 2000jährigen Geschichte auf seinen Schultern trägt, im Gegensatz zur Schrumpfung desjenigen in Singapur, von der @DT so beeindruckend berichtet hat und desjenigen von Amerika, von dem Baudrillard in seinem gleichnamigen Buch erzählt – die europäischen Staaten sind nur Länder, Amerika ist eine Idee, eine Vision und ein Modell. Jene Gesellschaften habe heute „Erfolg“, in denen sich alles Geschichtliche, Soziale, Singuläre und Partikulare verflüchtigt.
Natürlich ist der Satz „Kein Mensch braucht Flachbildschirme oder Maybachs“ von dottore richtig. Im Rahmen der Betrachtungsweisen des Debitismus und des Denkens von Jean Baudrillard sieht die Sache schon ganz anders aus. Bei beiden handelt sich um Codes der Entschlüsselung auf der Metaebene, um Ordnung in die Wahrnehmung und in das Denken zu bringen.
Das Fahrrad kann natürlich in Stuttgart (oder aktuell in Peking) mit der unerträglichen Luftverschmutzung im dortigen Talkessel oder Köln in der deutschen Hauptstadt der Staus zur Reduzierung des innerstädtischen Autoverkehrs massiv beitragen, wie wir es in Kopenhagen sehen. Der VDA mit seinem Präsidenten Matthias Wissmann als einem ehemaligen Verkehrsminister wird den Städten schon die Leviten lesen, um das zu verhindern. Ich denke, dass das günstigste Verkehrsmittel das Fahrrad ist und dass viele Verkehrsteilnehmer 25 bis 30 km täglich (Arbeitsplatz, Schule, Universität, Einkauf, usw.) mit dem Zweirad bewerkstelligen könnten.
Ich bin mit dem Fahrrad, dessen Getriebeöl wie in alten Zeiten bei Automobilen regelmäßig gewechselt werden muss, und mit dem zugehörigen "unsichtbaren" Fahrradhelm, den die schwedischen Designerinnen Anna Haupt und Terese Alstin entwickelt haben und herstellen, Teil der Entmächtigung und Bemächtigung („Vergib mir meine Schuld, wie ich vergebe meinen Schuldigern.“) im Debitismus, ohne die der Machtkreislaufes nicht funktionieren kann. Darüber muss ich jetzt nichts sagen, weil ja alles bekannt ist – von wegen Geld als Schuldentilgungsmittel und so.
Das Fahrrad ist nur ein Zeichen für unseren Wohlstand. Das gilt auch für die Fahrer der „gepanzerten“ SUV, die vor dem Parkplatz zum Wochenmarkt ewig lange warten müssen, wenn ich ebenfalls zum Einkaufen fahre. Wir simulieren sozusagen nur den Wohlstand, wenn wir auf der Straße – auf dem roten Teppich eines Catwalk – aneinander vorbeifahren. Es geht gar nicht mehr um die Einkaufsfahrt sondern um ein Trugbild des Reichtums. Vielleicht sollten wir uns noch von Jorge González trainieren lassen, um das perfekt zu machen. Der Autofahrer fährt seinen SUV spazieren und ich mein Getriebe, das allein im Laden 1800€ kostet. Muss ich wegen des hohen Preises deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Deutschland hat nach Aussage des Händlers eine Kultur des Radfahrens, die sich in den Läden als showroom und auf den Straßen als ein Event des schönen Scheins präsentiert, im Gegensatz zu Großbritannien, wo sie nur auf das Niveau einer ärmlichen Nützlichkeit reduziert wird. Das Rad und das Auto sind nur Fetische zum Anbeten von Wachstum, das gemäß dem Debitismus ja zwingend notwendig ist. Der Wochenmarkt, der mit dem Viktualienmarkt in München zu vergleichen ist, entwickelt sich auch immer mehr zu einem Event der Unterhaltung, was auf den Widerstand der westfälischen Bauern stößt, die dort nur ihre Produkte – Kartoffeln, Steckrüben, Wurzeln, Grünkohl, usw. – verkaufen wollen – er ist ein reines Trugbild. Das definiert ja gerade unsere gegenwärtige Kultur und den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Aus der Logik des debitistischen Zwanges zur Aufschuldung folgt halt, dass der Konsum, der von den Medien kontrolliert und manipuliert wird und „gesellschaftliche Arbeit“ (Baudrillard) ist, nur als Fetisch und Monstranz betrachtet werden kann und von uns vorangetragen wird. Er stellt Zeichen zur Verfügung und ist ein Code – ein System ideologischer und moralischer Werte also eine Sprache der Kommunikation in der Gesellschaft. Die Gegensätze – Konsumverzicht, Konsumaskese und die neuen prämierten Konsumgüter – stehen auch nur im Dienste des debitistischen Ablaufes. Der Konsum, der nur noch sinnentleert und wiederholbar ohne Beziehung wirkt, ist eine Ordnung von Deutungsversuchen wie eine Sprache und integriert ganze Gesellschaften wie religiöse und hierarchische Rituale als Stammesmythologien in einfachen akephalen Gemeinschaften. Die Übersättigungen an Kompliziertheit, Effizienz, Perfektion durch die „industrial production of difference“ führen nur zur "Akkumulation der Zeichen des Glücks" und damit zur Rückentwicklung, und reduzieren die Freiheit nur noch auf den Schein einer Wahl zwischen diesem oder jenem Rad. Der Konsum wirft uns auf narzisstische Zwiegespräche mit uns selbst zurück.
Wir leben halt im Zeitalter der Illusionen. Die Hoffnung des frühen Baudrillards jedenfalls, die irreversiblen Steigerungs- und Wachstumszwänge der Ökonomie überwinden zu können, scheitert natürlich an den Gesetzmäßigkeiten des Debitismus. Vielleicht sollte ich es mit Joachim Fest halten, der in dem Film: Im Gegenlicht, Eine italienische Reise, sagt: „ …, dass man nicht gegen die Krisen leben darf, man muss sie nicht bewältigen wollen, sondern sich in ihnen einrichten.“
Gruß Ostfriese