Eine persönliche Frage an Dich

Cliff, Bad Homburg, Sonntag, 10.04.2016, 11:44 (vor 3595 Tagen) @ Falkenauge2510 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 10.04.2016, 12:54

Hallo Falkenauge,

das erinnert mich alles sehr an das Weltbild meines Bekannten. Es fängt schon in den Begrifflichkeiten an. Scheinbar werden hier von Dir Gesellschafter/Eigentümer/Anteilseigner auf der einen Seite und Manager/Geschäftsführer/CEO auf der anderen Seite total durcheinander gebracht, obgleich sie doch nichts miteinander zu tun haben (dazu gleich).

Mein Bekannter war Lehrer für Soziologie und dann Professor an der Uni. Er hat in seinem Leben noch kein freies Unternehmen von innen gesehen und keine Idee von Bilanzen, Saldenmechanik, unternehmerischen Prozessen und Marktmechanismen.

Daher meine Frage - wie ist Dein beruflicher Hintergrund?


Zum Thema Eigentümer vs. Arbeitnehmer: 99% (meine Schätzung) aller Unternehmen werden nicht von ihren Eigentümern geführt, sondern von ganz normalen Arbeitnehmern. Das heißt, der Eigentümer macht einen Aushang am schwarzen Brett wo steht: "Suche Geschäftsführer, Gehalt sind 250k p.a., Boni sind XYZ, Arbeitszeiten, Vertragslaufzeit sind XYZ Jahre" usw. Dann kann sich jeder, der Lust hat melden und wenn beide Parteien übereinstimmen, machen sie einen Vertrag und los geht die Arbeit des Geschäftsführers. Wenn einer der beiden keine Lust mehr hat, kann er ja innerhalb der vereinbarten Kündigungsfristen selbst kündigen oder vom Eigentümer gekündigt werden (unter weiteren Voraussetzungen). Das scheinst Du etwas durcheinander zu werfen.

Jetzt aber der entscheidende Denkfehler:

Die P&L muss dem Eigentümer gehören, sonst macht sich keiner mehr die
Hände schmutzig, wozu auch.


Der Gewinn allein für den heutigen Eigentümer ist nicht gerechtfertigt,
denn er hat ihn nicht alleine erarbeitet.

Doch! Ganz alleine und zu 100%, weil er (der Eigentümer!) ja auch das Risiko und alle notwendige Vorfinanzierung zu 100% alleine übernommen hat. Er hat alleine die Geschäftsidee erkoren, er hat alleine Mitarbeiter eingestellt so dass die Idee gegen alle Konkurrenz funktioniert, er hat die freiwilligen Mitarbeiter marktgerecht bezahlt. Ihm alleine stehen die Überschüsse (!) nach allen Ausgaben zu (nach Personalkosten usw.). Wenn er nicht der Gründer ist, dann hat er die Anteile zu Marktpreisen erworben. In dem Kaufpreis ist alles eingepreist, insbesondere, dass jegliche Überschüsse immer unter die freie Verwendung des Eigentümers fallen, denn er hält 100% der Anteile. (Die Mitarbeiter bekommen die Anteile wohl vom "Planer" geschenkt.)

Nochmal das Beispiel mit dem Haus: Es ist so, wie wenn Du Dir ein Haus kaufst, um es zu vermieten, kannst dann aber nicht über die Mieteinnahmen bestimmen, weil diejenigen, die dir das Bad erneuert haben (gegen Entgelt und freiwillig!), auch die Hände aufhalten. :)

Am Ende eines Jahres steht in unserem Beispielbetrieb ein Gewinn nach Steuern von 1 Mio. in der P&L. Darin sind schon alle Personalkosten für unsere 10 Mitarbeiter inkl. Geschäftsführer abgezogen. Die 10 Mitarbeiter haben freiwillig und auf Basis ihres Marktwertes nach ihrer Qualifikation einen Arbeitsvertrag mit dem Eigentümer unterschrieben. Die Konditionen sind durch den Markt entstanden. Und jetzt sagst Du, der Buchhalter soll am Ende des Jahres nochmal seine Hand aufhalten und sagen: "Ist ja schön und gut, dass ich marktgerecht entlohnt wurde auf Basis eines Arbeitsvertrages, den ich freiwillig und bewusst unterschrieben habe (denn er hatte ja auch 100 andere Optionen, z.B. selbst was gründen) aber ich will jetzt von dem Gewinn noch einen zusätzlichen Teil, denn ich habe ja schließlich die Buchhaltung gemacht. LOL?

Wenn das so wäre, dann wäre der Marktpreis für einen Angestellten Buchhalter statt bei 40k p.a. nur noch bei 10k p.a. um dann mit Gewinnanteil wieder bei 40k p.a. zu landen. Das ist der Marktpreis (!) für die erbrachte Leistung "Buchführung".

Jetzt kommt aber das Interessante, wenn man Deine Logik bis zum Ende weiterlaufen lässt. Nehmen wir an, unser Beispielbetrieb hat leider wegen Konkurrenz und Preisdruck ein schlechtes Jahr. Am Ende steht ein Verlust von 1 Mio. Da ja nach Deinem Modell alle zusammen geholfen haben und allen ein Anteil zusteht, gilt das natürlich auch für Verluste. Dumm gelaufen, aber so ist das halt, wenn man Unternehmer (Eigentümer!!! nicht Angestellter) ist. Jetzt muss jeder unserer 10 Mitarbeiter leider einen (gerecht verteilten) Verlust von 100.000 tragen. Leider haben die Angestellten nicht so viel Geld auf dem Konto und müssen jetzt wohl oder übel ihr Reihenhäuschen verkaufen, um ihren Anteil beizubringen. Die haben erst mal die Schnauze voll und werden sich vermutlich einen neuen Arbeitgeber suchen - lieber ohne (zusätzliche!) Gewinnbeteiligung und dafür aber auch ohne Risiko - die beiden gehören nämlich untrennbar zusammen in einer Marktwirtschaft.. ;)

Cliff


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