Die Kontraktion der Erdölzivilisation als nicht lösbares Dilemma

Mercury, Sonntag, 07.02.2016, 20:59 (vor 3653 Tagen)4438 Views

Hallo,

vor einigen Tagen hat @Positiv die Grenzsicherung als Dilemma beschrieben.

Die Idee hat mich ein wenig beschäftigt, weshalb ich einen Text dazu geschrieben habe. Vielleicht ist es für den einen oder anderen eine Anregung - eine Lösung bietet er nicht. Allerdings löst er ein wenig die Frontstellungen auf, in einer vielleicht unerwarteten Weise.

Die Behauptung steht im Raum, dass die USA schuld an der Flüchtlingssituation ist. Sie würden die Kriege in Gang setzen, vor denen die Menschen fliehen. Sie lösten die Unruhen aus, die zur Flucht führten.

Doch woher kommen die Flüchtlinge? @Rotstein hat dieses anschauliche Video verlinkt – die Einkommenssituation von Milliarden Menschen liegt unter 2$ pro Tag. Heinsohn behauptet entsprechendes. Schaut man sich die Einkommensverteilung bspw. in China an, so ist auch dort die Armut erheblich.
Die Behauptung, die Armut der Welt läge ausschließlich an den USA, ist schlicht und ergreifend falsch. Dazu haben wir im Gelben auch sehr detaillierte mathematische Modelle gesehen (deren Link ich gerade nicht finde): Geschäftstätigkeit für immer über die Zeit zu einer erheblichen Ungleichverteilung.

Die Ungleichverteilung kann in jeder Strukur gesehen werden: National, auf europäischer oder US-amerikanischer Ebene, Weltweit, geschichtlich und aktuell. Wenig Reiche, viele Arme ist das Standardmodell. Dabei bestehen Abhängigkeiten: Die Reichen können auf keiner Ebene reich sein, ohne die Rohstoffe und Arbeitskraft der Armen. Die Armen allerdings können auch nicht existieren ohne die Leistungen der Reichen: Kein afrikanisches Land könnte bspw. eine Automobilindustrie aufbauen, die auch nur annähernd vergleichbare Produkte liefern könnte wie VW oder Toyota (weder die Finanzmittel noch die Technologie).
Das ist vielschichtig: Reich sind nicht nur die Oligarchen, die recht wenig Leistung erbringen. Reich sind auch die Firmenmanager, Techniker, die Technologie tragende Schicht.

Im Weltmaßstab gibt es also nur zwei Möglichkeiten: Die Armen werden beteiligt, so wie die Arbeiterklasse in Europa/USA im letzten Jahrhundert. Oder die Armen werden so verarmt, dass sie keinen Widerstand leisten können.
Wie Heinsohn es sagt: Man muß einen gewissen Reichtum haben, um überhaupt in andere Länder fliehen zu können.

Die erste Variante scheidet schon aus mathematischen Gründen aus. Selbst wenn es ökonomisch möglich wäre – wer soll das ganze Zeug kaufen, das 7 Milliarden Menschen produzieren können? Es ist unmöglich, alle in eine für den Lebensunterhalt reichenden Arbeit zu bringen.
Die zweite Variante ist also technisch (und nur technisch, Ethik ist dabei ausgeklammert) die einzig mögliche. Herzlos, aber machbar.

Noch einmal einen Schritt zurück. Die Situationen in den Hauptfluchtländern sind Umbruchsituationen. Auch von Außen gesteuerte Rebellionen benötigen eine vorhandene Unzufriedenheitskraft, die gesteuert werden kann. Der Beginn des arabischen Frühlings in Tunesien startete wegen der Nahrungsmittelpreise und der hohen Arbeitslosigkeit, speziell der besser ausgebildeten jungen Menschen.
Natürlich kann man die Idee vertreten, die USA benutzen diese Menschen „gegen“ uns. Genauso berechtigt kann man vermuten, dass der demographische Druck (mehr Menschen leben, als gut zu ernähren sind) auf jeden Fall zu ähnlichen Unruhen und Fluchtbewegungen führen würden. An der Vermehrungsquote sind die USA nicht schuld.

Die Völkerwanderungen sind also auf jeden Fall so lange unvermeidbar, wie der Niedergang in den Ländern der 2. bzw. entwickelteren 3. Welt andauert. So lange gibt es eine Schicht relativ gut ausgebildeter, halbwegs vermögender Menschen, die zu Wanderung motiviert und in der Lage sind.
Eine weltweite, halbwegs angemessene und faire Wohlstandsverteilung ist ein Ideal und aus vielen Gründen eher unwahrscheinlich.
Die Entwicklung dieser Regionen erhöht die Gefahr für die „reichen“ Regionen, da sie die Fluchtbewegungen verstärkt (mehr Schlauköpfe mit ausreichendem Fluchtgeld).

Fazit ist: Die Flüchtlinge, egal ob sie als Kriegsflüchtlinge oder Armutsflüchtlinge ihr Bündel packen, kommen auf jeden Fall.

Es geht also nur und ausschließlich um den Erhalt unseres (relativen) Reichtums. „Unsere“ Kinder sollen in „ihren“ Turnhallen spielen können. Das hat nichts mit nationalen Qualitäten zu tun, im Gelben wurde auf die Frage „was ist deutsch?“ auch keine Richtung entwickelt, die über ein gestottertes „ähm“ hinausging oder Eigenschaften beschrieb, die man auf „besonders gute Knechte“ reduzieren kann.

In der Tagespolitik steht nun die große Frage im Raum: Grenzsicherung, Ja oder Nein? Wenn wir unsere deutschen Grenzen schließen, geht das nur mit Gewalt. Diese könnten wir an die Außengrenzen der EU verlagern. Oder die Türkei als Söldner einspannen. Doch egal, an welcher Grenze wir die Menschen niederschießen: Was ist daran besser als die Politik der USA, sie gleich in ihren Heimatländern niederzukartäschen?
Die Politik des Imperiums war bisher immer auch in unserem Sinn. Als Vasallenstaat leben wir in einer Zwischenzone, in der wir von der Politik des Imperiums profitieren, ohne Mitsprache zu haben. Wir sind die Sandsäcke im Ballon des Imperiums: Unter guten Bedingungen steigen wir mit. Sinkt der Ballon, werden wir zu Gunsten des imperialen Ballons abgeworfen.

Politisch könnte man jetzt die Strategie denken, dass wir nur gut ausgebildete Menschen aus der niedergehenden 2. und 3. Welt aufnehmen und damit unseren Status als nützliche Peripherie des Imperiums erhalten. Eine dreigeteilte Welt aus Imperium, technisch zuarbeitende Vasallenregion Europa, Armutsregionen. Das ist allerdings in etwa die Struktur der Welt in den letzten Jahrzehnten gewesen, die sich gerade auflöst.

Wir kommen deshalb um die Frage der materiellen Substanz nicht herum. Die technologische Entwicklung macht den Mittelbau überflüssig, ähnlich der Streichung des mittleren Managements in Unternehmen. Die Rolle Europas hat sich erübrigt. Es kann zerschlagen werden und sollte es aus imperialer Sicht auch möglichst schnell, um wiederum Flüchtlingsbewegungen aus Europa ins Imperium zu verhindern. (Noch einmal, zur Erinnerung: Die Ausweitung der Produktion und Integration der armen Schichten analog zur industriellen Revolution ist auf globalem Niveau nicht möglich). Für die „niederen“ Arbeiten ist beispielsweise Bildung mit Erkenntnisfähigkeit nicht nötig. Während sich die jungen Internetfans bspw. für gebildet halten, sind sie doch nur informiert und vollgestopft mit ergoogelten Wissensfragmenten (vgl. Mausfeld), die sie nicht zu einem Gesamtbild zusammensetzen können. Erkennen können sie es nicht, da sie die Erkenntnisfähigkeit nicht gelernt haben, mittels derer sie ihre Beschränktheit bewerten könnten.

So macht Soros Politik Sinn: Sowohl die Zerschlagung Europas als auch die der „überflüssigen“ US-amerikanischen „gebildeten“ Mittelschicht. Und den Rest der Welt in die Armut prügeln.
Wenn wir mitmachen, an unseren Grenzen, an der Außengrenze der EU, im Waffeneinsatz in Syrien oder sonstwo, dann schaufeln wir an unserem eigenen Grab mit.

Das Dilemma ist nicht aufhebbar. Wir haben nur die Wahl, mit dem Imperium zu bomben und schießen und anschließend als überflüssig entsorgt zu werden. Oder direkt als überflüssig entsorgt zu werden und uns dem Niedergang der 2. und 3. Welt anzuschließen. Oder uns der Opposition anzuschließen, die uns dank der kolonialen Vergangenheit und treuen Dienste als Vasallen in den letzten Jahrzehnten nicht als „Freunde“ sehen. Außer wir akzeptieren das, was „wir“ den USA vorwerfen: Die „ethnische Vermischung“ und Auflösung.

Auch ein Zusammengehen mit Russland ist unter dieser Sicht nicht zielführend. Selbst für den Fall, man baut „zusammen“ ein neues Imperium und „besiegt“ die USA, so hat man es doch mit der demographischen Entwicklung der ehemaligen Schwellenländer zu tun. Ein neues Imperium wird ebenso imperiale Politik betreiben müssen. Auch ein Vereintes Eurorussland wird die Grenzen Richtung ehemalige Schwellenländer dicht machen müssen. Die geographische Lage, insbesondere hinsichtlich Nordafrikas, wird auch in diesem Fall und wegen der Energieabhängigkeit von Russland eher noch mehr als im Verbund mit den USA, Europa zum Frontsoldaten des Imperiums degradieren. Europa wird auch dann Schütze Arsch sein. Müssen. (Ein Vorspiel dessen sieht man im Zusammengehen Russlands mit den USA gegen Islamismus. Dass dabei beide Seiten auf unterschiedliche Fraktionen setzen, hebt das grundsätzlich gemeinsame Interesse an der Niederhaltung der islamischen Länder nicht auf).

Ergebnis der Überlegungen ist: Wir befinden uns nicht mehr vor der Kontraktion der Industriegesellschaft. Sie hat tatsächlich mit der Lehman-Pleite begonnen, als die USA begannen, die vorhandenen und zu erwartenden sozialen Unruhen gesteuert gegeneinander zu richten, anstatt sie sich mit unnötigen Risiken für das Imperium frei entwickeln zu lassen. Die Völkerwanderung ist keine von der klassischen Sehnsucht nach mehr Wohlstand getragene. Sie ist eine der Grenze des globalen Wohlstands. Deshalb gibt es keine Lösung, alle Wege führen zum gleichen Ergebnis und die zeitlichen Unterschiede der verschiedenen Wege dürften minimal sein.

Gruß

Mercury

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„Meine Arbeit ist ein Versuch, mit großer Traurigkeit die Tatsache der westlichen Kultur zu akzeptieren." Ivan Illich


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