Hawaii und die Gesetze alles Lebendigen
Hi,
Spengler hat intuitiv Naturgesetze erkannt, die sich auch in historischen
Abläufen niederschlagen.
Dabei hat er (nach eigener Aussage) im Wesentlichen Goethes
Naturerkenntnis mit Nietzsches Philosophie kombiniert. Das Ergebnis ist
freilich mehr als die Summe seiner Teile.
Der Gedanke ist ebenso einfach wie genial: Alles Lebendige lebt nach
denselben Gesetzen, wobei es völlig gleich ist, ob es sich dabei um ein
Tier, eine Pflanze oder ein Kollektiv aus einer Vielzahl Einzelleben (eben
Völker) handelt.
Ja. Selbige Gesetze alles Lebendigen harren nun noch der Bewusstmachung -- wobei sie so dicht vor Augen stehen (da wir bis in jeden Zellkern hinein auf denselben basieren), dass wir sie ob ihrer jahrmillionenalten Selbstverständlichkeit und Allgegenwart einfach nicht sehen wie den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen.
Daß die debitistische Theorie allein als Geschichtsmodell taugt,
bezweifle ich. Es ist eine Wirtschaftstheorie, die auf die Wirtschaftsseite
des Lebens anwendbar ist. Sie zu verallgemeinern und Schuld als Triebfeder
der Geschichte zu betrachten, wäre (mit Spenglers Worten) "Denken in
Geld", was an sich schon eine Verfallserscheinung ist.
Debitismus beschreibt Oldschool. Altes Testament. Grundstudium. Erster Hauptsatz. Energieerhaltung. Saldenmechanik. Auge um Auge -- und was bei derartigen Versuchen perfekter Schuldbuchhaltung halt am Ende rauskommt. Päng.
Rauskommen muss, weil diese kindischen Versuche einfach alle gegen das Ur-Gesetz allen Lebens verstoßen (welches ich hier ausnahmsweise mal wieder nicht verlinke).
Spengler ahnte übrigens, daß es mit seiner Philosophie noch nicht getan
war und wir auf eine Cäsur zulaufen, die sich aus den Gedanken seines
Hauptwerkes alleine nicht erklärt. Leider konnte er sein Buch, das die
gesamte Menschheitsgeschichte "von Anfang an" in ein Bild bringen sollte,
nicht fertig stellen. Im Nachlaß finden sich vereinzelte Fragmente wie
dieses:
Schade -- allerdings...
"Es treibt etwas, das um 5000 begann, einem Ende zu, lawinengleich. Die
Gewitterschläge [werden] immer lauter, jäher. Die Städte immer krasser.
Die Gesichter immer schärfer, zerklüfteter, gesteigert zu
Persönlichstem. Die Leidenschaften furchtbarer, noch mehr Grausamkeit und
Mitleid: Was ahnten die Ägypter von der inneren Qual eines Heraklit und
Buddha? Was ahnte Buddha von der Folter und Zerknirschung des 13.
Jahrhunderts? Wie gutmütig waren die Kriege der Römer, ihre Revolutionen,
gegen unsre! Und wenn die russische Kultur überhaupt zur Geburt gelangt
und nicht im Mutterschoß stirbt, was hat sie heute schon an Blut und Leid
zu täglichem Bedürfnis!"
... sind das "nur" Fragen und Klagen, aber keine Antworten und schon gar keine Modelle. Also haben wir wohl gar nicht so Entscheidendes von Spengler verpasst, bzw. lässt sich das noch nachholen.
Und wenn es dafür einen praktikablen Einstieg für @jedermann gibt (@jedefrau hätte es, jedenfalls theoretisch, schon ein ganzes Stück weit von sich aus drauf), dann ist es dieser hier.
Solipsismus, Konstruktivismus, Autopoiese, Saldendynamik, Determinismus und Christentum erstmalig auf einen mehr als magischen Nenner gebracht. Wenn das nicht der Kühlerâ„¢ und Jesus 2.0 für Dummies ist (diesmal ohne Guru-Pyramideâ„¢), will ich einen Besen fressen.
Das musste zwischen zwei Tritten ins Hamsterrad mal gesagt werden.
--
Für das verantwortlich zu sein, was ich sage, ist eine Sache.
Aber dafür verantwortlich zu sein, was jeder, der in meinem Leben vorkommt,
sagt oder tut, ist eine ganz andere Sache.