Neustart der Geschichte
Hallo!
mal, er hat ihn gelesen. Aber hat Spengler wirklich die Situation
"gesehen", wie sie sich H̶e̶u̶t̶e̶ heute darstellt, die ganze
Globalisierung usw.? Es gibt schlicht kein Vorbild für unsere Situation.
Spengler hat intuitiv Naturgesetze erkannt, die sich auch in historischen Abläufen niederschlagen.
Dabei hat er (nach eigener Aussage) im Wesentlichen Goethes Naturerkenntnis mit Nietzsches Philosophie kombiniert. Das Ergebnis ist freilich mehr als die Summe seiner Teile.
Der Gedanke ist ebenso einfach wie genial: Alles Lebendige lebt nach denselben Gesetzen, wobei es völlig gleich ist, ob es sich dabei um ein Tier, eine Pflanze oder ein Kollektiv aus einer Vielzahl Einzelleben (eben Völker) handelt.
Daß die debitistische Theorie allein als Geschichtsmodell taugt, bezweifle ich. Es ist eine Wirtschaftstheorie, die auf die Wirtschaftsseite des Lebens anwendbar ist. Sie zu verallgemeinern und Schuld als Triebfeder der Geschichte zu betrachten, wäre (mit Spenglers Worten) "Denken in Geld", was an sich schon eine Verfallserscheinung ist. Spengler war die Natur unseres Geldes sehr wohl bewußt: ein von allem greifbaren abgezogenes, völliges Abstraktum, was dem faustisch-dynamischen, Raum und Zeit überwindenden, der Unendlichkeit zustrebenden Impuls des Abendlandes entspricht. Ein solches Geld, das ein rein geistiges Produkt ist, läßt sich natürlich unendlich vermehren. Debitismus ist wohl eine treffende Selbstbeschreibung des Systems, welches aus dem abendländischen Gelddenken entstehen mußte. Dieses Gelddenken betrachtet die Geschichte natürlich vor dem Hintergrund seines Weltbildes und findet damit eine scheinbare Bestätigung, während es die Entfaltung des Lebens aus dem metaphysischen, also von der Seele her nicht erkennen kann. Dem Debististen ist seine Flachheit gar nicht bewußt und seine Theorie ist in sich konsistent.
Spengler ahnte übrigens, daß es mit seiner Philosophie noch nicht getan war und wir auf eine Cäsur zulaufen, die sich aus den Gedanken seines Hauptwerkes alleine nicht erklärt. Leider konnte er sein Buch, das die gesamte Menschheitsgeschichte "von Anfang an" in ein Bild bringen sollte, nicht fertig stellen. Im Nachlaß finden sich vereinzelte Fragmente wie dieses:
"Es treibt etwas, das um 5000 begann, einem Ende zu, lawinengleich. Die Gewitterschläge [werden] immer lauter, jäher. Die Städte immer krasser. Die Gesichter immer schärfer, zerklüfteter, gesteigert zu Persönlichstem. Die Leidenschaften furchtbarer, noch mehr Grausamkeit und Mitleid: Was ahnten die Ägypter von der inneren Qual eines Heraklit und Buddha? Was ahnte Buddha von der Folter und Zerknirschung des 13. Jahrhunderts? Wie gutmütig waren die Kriege der Römer, ihre Revolutionen, gegen unsre! Und wenn die russische Kultur überhaupt zur Geburt gelangt und nicht im Mutterschoß stirbt, was hat sie heute schon an Blut und Leid zu täglichem Bedürfnis!"
Darin wird schon der Gedanke angeschnitten, daß wir uns in einem geschichtlichen Ablauf befinden, der sich seit mindestens 7000 Jahren in immer fataler werdenden Umgriffen zyklisch steigernd zu dem Höhepunkt hochschaukelt, den wir im 21. Jahrhundert erleben, in dem sich alle Spannungen entladen.
Die Welt ist ja heute in einem Zustand, der kaum noch Entwicklung erlaubt. Sämtliche Völker und Regionen, die zur Hervorbringung einer Hochkultur imstande waren, haben diese bereits hinter sich und befinden sich im Fellachenstadium. Die russische Seele, die wohl noch Potential hat, droht von der Weltzivilisation erdrückt und mit ihr in den Abgrund gerissen zu werden. Noch wenige Jahrzehnte, dann ist die seelische Wüste komplett und die Welt reif für einen völligen Neubeginn.
Auch dieser Gedanke findet sich bereits bei Goethe:
Eckermann: „Die Entwicklung der Menschheit, sagte ich, scheint auf Jahrtausende angelegt.“
Goethe: „Wer weiß, erwiederte Goethe, — vielleicht auf Millionen! Aber laß die Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Noth, damit sie ihre Kräfte entwickele. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber besser, glücklicher und thatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen. Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er abermals Alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich bin gewiß, es ist Alles danach angelegt und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann diese Verjüngungs-Epoche eintritt. Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben alten Fläche, wie sie ist, allerlei Spaß haben.“
Mit Jahrtausenden und Aberjahrtausenden dürfte sich Goethe aber gründlich verschätzt haben.
Auch dieser Gedanke aus Spenglers Nachlaß ist bemerkenswert:
"Die älteren Formen bestehen fort, scheinbar, bei antiquierten Völkern herrschend. Franzosen und Italiener werden nicht mehr über die politische Form eines von Jahr zu Jahr komischeren Nationalismus hinauskommen. Der Franzose und Italiener reist nicht – als Sadist – er weiß vom andren aus Mangel an Distanz und Proportionsgefühl: das ist Chauvinismus. Das 19. Jahrhundert ist das der Nationalform der Öffentlichkeit: Parlamente, Einverleibung fremder Völker. Aber die ältere Form des dynamistischen Prinzips (Untertan, Territorien, ›mein‹ Volk) ist für den Alltagsmenschen das einzige, was er sieht, worin er lebt und wonach er handelt. Heute fängt das Stadium der Wirtschaftskomplexe an, aber das Alltagsgefühl wird noch hundert Jahre und länger das Nationalstadium als bestehend vortäuschen, und Völkerfragmente wie Polen und Tschechen werden in [den Wirtschaftskomplexen] aufgehen, ohne zu bemerken, daß ihre Aktionen längst ganz unwesentlich geworden sind."
Wir sind heute – fast 100 Jahre später – in den Wirtschaftskomplexen (der "neuen Weltordnung") völlig aufgegangen. Was Spengler über Polen und Tschechen schrieb, gilt heute auch für Franzosen, Engländer und nicht zuletzt Deutsche.
Der Mensch hält sich im Alltag noch für einen Deutschen und ist es im Grunde seiner Seele auch. Die Nationen als Ganzes sind hingegen längst aufgelöst und begrenzte Ballungen, wie Auflehnungen gegen die Masseneinwanderung, in denen sich die letzten Reste des Nationalgefühls manifestieren, sind völlig unwesentlich. Sie werden nichts mehr ausrichten. Der historische Prozeß stürzt einer zehntausendjährigen Lawine gleich zu Tale und wird nicht übrig lassen, was nicht wirklich tief wurzelt.
Das ist unsere ganze Tragik, bei hellwachem Bewußtsein den Tod in allen Einzelheiten zu erleben.
Aber es ist notwendig, daß alle abgelebten Formen, in denen keine Entwicklung mehr möglich ist, verschwinden und die Geschichte von neuem beginnt – auf einer verjüngten Erde und auf höherem Niveau.
Da fällt mir auf, noch etwas schneller im Erfassen der Geschichte als zyklischen Vorgang waren die Maya, oder?
Der Gedanke kommt intuitiv jeder Kultur.
Bei den Römern waren es die Weltzeitalter von gülden zu ehern, um schließlich erneut zu beginnen.
In der hinduistischen Kosmologie spielt sich in gigantischen Zeiträumen ähnliches ab, wobei wir uns heute im Kali-Yuga, dem Zeitalter des Verfalls befinden, das irgendwann einem neuen goldenen Zeitalter weicht.
Meines Erachtens befindet sich die Menschheit seit ihrem Erscheinen auf Erden in grauer Urzeit auf einem Weg hin zu einem fernen Endziel, auf dem sie sich zunehmend verfeinert und vergeistigt. Der Weg ist geprägt von zyklischen Aufstiegen und Niedergängen, wobei das Leben der Hochkulturen und der übergeordnete Zyklus von Atlantis bis in unsere Zeit womöglich ihrerseits nur die Modulation eines viel größeren Lebenslaufs sind, der die ganze Spezies betrifft.
Gruß
Taurec
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„Es lebe unser heiliges Deutschland!“
„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“
Weltenwende