Ohnmacht oder logische Konsequenz?
Irgendetwas ist in den letzten Tagen kaputtgegangen. Als hätte man einem
die Kindheit gestohlen (im Nachhinein, komisches Gefühl, kann es schlecht
beschreiben). Einfach die Gewissheit, dass jetzt komplett andere Zeiten
anbrechen.
Hallo Prophet,
Könnte dieses Gefühl Ohnmacht sein?
Ich habe mehrere Ohnmachten erleben müssen, die ich zum Verständnis kurz anführe: In der Zeit nach der "Wende", als die ehemalige DDR nicht nur von Versicherungsvertretern und Rechtsanwälten überrannt wurde, herrschten plötzlich völlig neue Gesetze, auf die der Großteil der Bewohner nicht eingestellt war. Und zur Erinnerung: Die Treuhand verramschte förmlich verwertbare Immobilien.
Zudem wusste so mancher findige Geschäftemacher, wie man z. B. für eine symbolische D-Mark eine Kaserne kauft, dann Steuergelder in Millionenhöhe absahnt und anschließend Konkurs macht. Rein zufällig war der damalige Bürgermeister am Schauplatz des Geschehens zeitgleich auch Gesellschafter der ausführenden Baufirma.
“Kesting machte auch seinen Schnitt.Denn für das riesige Gelände inmitten von Oranienburg zahlte er für eine 60 000 Quadratmeter große Fläche nur die symbolische Mark.Für die Sanierung kassierte obendrein noch viele Millionen Mark Fördermittel vom Bauministerium für die 400 Sozialwohnungen.Von bis zu 56 Millionen Mark ist in Oranienburg die Rede.Für den jetzt gestoppten 4.Bauabschnitt waren allein 13 Millionen Mark bewilligt.†Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburgi/pleite-im-gefeierten-modellprojekt/18630...
Anfrage der CDU-Fraktion an die Landesregierung über den Verbleib der Gelder
http://www.parldok.brandenburg.de/parladoku//w2/drs/ab_4400/4452.pdf
Als Mieter war ich damals unmittelbar von dieser Pleite betroffen.
Bei einem späteren Arbeitgeber musste ich ohnmächtig mit ansehen, wie für ein Bauprojekt ein Stück Land aus dem Naturschutz herausgehandelt wurde.
Durch diese Bebauungen gab es auch positive Effekte, doch war der Preis dafür m. E. zu hoch.
Dann habe ich in meinem Arbeitsleben drei mal Situationen erleben müssen, bei denen ich ohnmächtig erleben musste, wie die Gewerkschaften nur schulterzuckend dastanden und signalisierten, dass man in diesen Fällen – Sozialplan hin, betriebsbedingte und Änderungskündigung her - nichts machen könne. Seit dem können mich die Gewerkschaften mal Xweise.
Ohnmacht habe ich auch empfunden, als ich notgedrungen selber Kundin des Jobcenters sein musste und mit Zustimmung von breiten Bevölkerungsschichten volksverhetzende Kommentare über HartzIV-Empfänger z. B. in diversen Fernsehsendungen, BLÖD-Beiträgen oder online-Kommentaren publiziert wurden. Ich habe mir gewünscht, dass sich gegen dieses Unrecht Menschenmassen (und nicht nur ein paar Hansel) auf die Straße begeben. Aber solange man selber nicht davon betroffen ist, sind die anderen selber Schuld an ihrem Schicksal. Dabei ist jeder bei einem Jobverlust nur nur ein Jahr vor der völligen Enteignung durch das HartzIV-System entfernt. Und warum um Himmels Willen können für kulturbereichernde Facharbeiter zig Milliarden Euro locker gemacht werden werden, während überall im Lande Jahre zuvor niemals genügend Geld für dies und das zur Verfügung stand?
Gegen Fremdenhass können eigenartigerweise Massen mobilisiert werden.
Dieses Gefühl der Ohnmacht beschleicht mich heute wieder. Nach diversen Schicksalsschlägen und langer Krankheit habe ich mich endlich stabilisiert und lebe ein wesentlich angenehmeres ruhigeres Leben. Das Älterwerden hat zudem Vorteile, was das Urteilsvermögen über Wichtiges und Unwichtiges betrifft. Doch was jetzt über dieses Land hereinbricht, ist ein überaus beängstigender Faktor. Was kommt nun? Ich tröste mich damit, dass ich im Laufe meines Lebens viele Überlebensstrategien entwickeln musste und ich hoffe inständig, dass ich davon bei den nun bevorstehenden gesellschaftlichen Veränderungen profitieren kann. Denn verlassen kann ich derzeit weder meinen Wohnort geschweige denn dieses Land.
Das ist das, wie ich sehe.
Was du nicht richtig beschreiben kannst und was derzeit einige Menschen empfinden (mich eingeschlossen), könnte auch die logische Schlussfolgerung aus den hier im Forum gelesenen Berichten sein oder wäre sogar durch morphogenetische Felder erklärbar:
https://de.wikipedia.org/wiki/Morphisches_Feld
Siehe insbesondere den Absatz über Rezeption in den Kulturwissenschaften. Allerdings bestünde bei folgender Aussage (im Gegensatz zu den ersteren Argumenten) auch Anlasse zur Hoffnung: “Die Theorie der morphischen Felder wird darüber hinaus im Kontext der raumbezogenen Gesellschaftsanalyse (rural sociology) durch den US-amerikanischen Soziologen Michael Mayerfeld Bell rezipiert. Er geht davon aus, dass Personen, die dauerhaft an einem Ort präsent waren, diesem Ort ihren „Geist“ („Ghost of Place“) im Sinne einer „Atmosphäre“ oder „Aura“ hinterlassen und dadurch Handlungen, Gedanken und Intuitionen Dritter hervorrufen, die sich später an diesem Ort aufhalten.â€
Grüße
Kamille
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Wenn du wüsstest, was ich weiß, wärst du auch Veganer.