Deutschland stirbt - aber wir leben
Guten Abend Hasso,
es stimmt - das Deutschland, in dem wir aufgewachsen und großgeworden sind, stirbt gerade vor unseren Augen - diese wohlgeordnete, sichere, etwas behäbige Bundesrepublik, als so eng manchmal empfunden, mit den gepflegten Vorgärten und Gartenzwergen, den geputzten Autos und den heimeligen Debatten (erinnert sich jemand noch an die Debatte zur Flugbenzinbesteuerung? Das waren die Achtziger gewesen...).
Dieses Deutschland ist nicht mehr - und es kommt auch nicht wieder. Was wir erleben, wird bestimmt eine in vielerlei Dingen unschöne und unsichere Zeit.
Aber wir leben ja - noch! Und die da kommen, sind auch keine Monster, sind nicht alles Kopfabschneider in spe - die wollen gut leben, das gute Leben führen, das wir führen. Dass das so nicht gehen wird - das werden sie bald merken und wir auch.
Doch dann kommt es doch wohl darauf an, dass wir uns nicht blindwütig die Köpfe einschlagen werden - Anreize genug wird es ja geben - kriminelle Ausländer, die Blindheit nach links, die Hysterie nach rechts, die Bevorzugung der Fremden, die geballte Faust in der Tasche, der Staat, der gegen seine eigenen Bewohner arbeitet - alles richtig - und dennoch! Dennoch! Nicht in den Hass und in die Verzweiflung zu gehen, die anderen zu verteufeln und zu entmenschlichen, MENSCH zu bleiben - DAS wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein! Und sie wird schwer genug sein....
Traurigkeit und Melancholie - das schon. Fuhr selber am Freitag von der Arbeit zurück, es war ein lauer Tag, die Sonne schien - ich betrachtete die Menschen, die auf den Gehwegen flanierten und für einen Moment war mir so traurig und wehmütig zumute, so als sähe ich etwas, was bald verschwindet - vielleicht war das ja Deinem Gefühl ähnlich, Hasso, denn es gab keinen äußeren Grund, ich sah nur all diese Menschen ihren kleinen Dingen in der Sonne nachgehen, ein Kind lief lachend seiner Mutter voraus, da war auch ein Hauch von Herbst in der Luft - und ein Gefühl von: Es ist vorbei.... es wird zerfallen.
Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich habe mal eine Beschreibung von einem Maler (weiß nicht mehr, wer) von 1914 gelesen, der im Sommer damals eine ähnliche Empfindung hatte und sie nicht hatte zuordnen können (der Sommer war damals übrigens auch wunderschön gewesen).
Und dann kam der August - und das weitere.
Wie der Meister hier sagte: Stilles Erdulden.
Aber ich möchte hinzufügen: Mut fassen! Etwas von dem, was hier schön und lebens- und erhaltenswert ist, wird bewahrt werden. Ich glaube wirklich, dass das in jedem von uns liegt - etwas weiterzugeben, was dereinst wieder Samen werden kann. Am Ende gibt mir Friedrich Schiller immer wieder Mut:
"Das Alte stirbt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen...".
Hast Du das Folgende nicht früher gesagt, werter Hasso?
Glück auf?
Also dann - Glück auf! Und Mut!
Freundlichen und respektvollen Abendgruß
K_v_S
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Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.
Karl Valentin