Die sind nur Opfer ihrer eigenen Falle geworden
Aus einem Buch, welches seit Jahrhunderten Pflichtliteratur in jeder Schule sein sollte:
"Einer der tiefsten Gründe, weshalb so wenige Leute sich selbst erkennen, liegt darin, dass die meisten Schriftsteller die Menschen stets lehren, wie sie sein sollten, und sich kaum jemals die Mühe machen, ihnen zu sagen, wie sie wirklich sind." {...}
"Alle ungezähmten Tiere sind nur darauf bedacht, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, und folgen ganz natürlicherweise ihren Neigungen, ohne Rücksicht darauf, ob aus ihrem Wohlbefinden ein Nutzen oder Schaden für andere entsteht. Dies ist der Grund dafür, dass im wilden Naturzustand jene Lebewesen am besten gerüstet sind, in großer Anzahl friedlich miteinander zu leben, die den geringsten Verstand und die wenigsten Bedürfnisse haben." {...}
"Ob die Menschheit nun jemals daran geglaubt hat oder nicht, es ist unwahrscheinlich, dass irgend jemand die Leute hätte dazu bringen können, ihre natürlichen Neigungen zu unterdrücken und den Vorteil anderer ihrem eigenen vorzuziehen, wenn er ihnen nicht gleichzeitig einen Gegenwert gezeigt hätte, den sie als Belohnung für den Zwang genießen könnten, den sie mit Notwendigkeit gegen sich selbst ausüben müssten. Die Zivilisatoren der Menschheit wussten dies sehr wohl, aber da sie nicht so viele wirkliche Belohnungen vergeben konnten, um alle Personen für jede einzelne Tat zu entschädigen, waren sie gezwungen, eine bloß gedachte zu erfinden, die als allgemeines Äquivalent für die Mühe der Selbstverleugnung bei allen Gelegenheiten dienen konnte und die weder sie selbst noch andere etwas kostete und doch für die Empfänger einen höchst annehmbaren Ausgleich darstellt.
Sie prüften sorgfältig alle Stärken und Schwächen unserer Natur und stellten fest, dass niemand so tierisch war, um nicht von Lob entzückt zu sein, oder so vollkommen, dass er Verachtung geduldig ertragen hätte. So kamen sie zu dem Schluss, Schmeichelei müsse das stärkste Argument sein, das man bei menschlichen Geschöpfen anwenden könne. Diese Wunderkraft nutzten sie und priesen unsere Überlegenheit über die anderen Lebenwesen. Mit maßlosen Lobreden stellten sie unseren erstaunlichen Scharfsinn und die Unbegrenztheit unseres Verstandes dar und stimmten tausend Lobeshymnen an auf die Vernünftigkeit unserer Seele, mit deren Hilfe wir die erhabensten Leistungen zu vollbringen imstande wären. Nachdem sie sich auf diesem listreichen Wege in die Herzen der Menschen eingeschlichen hatten, fingen sie an, sie mit den Begriffen Ehre und Schande vertraut zu machen. Das eine stellten sie als das schlimmste Übel dar, das andere als das höchste Gut, das Sterbliche erstreb!
en könnten." {...}
"Da es demnach im Interesse der Allerschlimmsten unter ihnen lag, mehr als alle anderen Gemeinsinn zu predigen, damit sie die Früchte der Arbeit und Selbstverleugnung der anderen ernten und doch gleichzeitig ihre eigenen Gelüste ungestörter befriedigen konnten, kamen sie mit dem Rest überein, es Laster zu nennen, wenn der Mensch ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit seinen Trieben folgt und sich auch nur der leiseste Verdacht erhebt, irgend jemand in der Gemeinschaft könnte Schaden dabei erleiden oder anderen weniger nützlich sein".
Bernard Mandeville, "Die Bienenfabel", 1732