Erkenntnistheoretische Anmerkung zur "wissenschaftlichen Unmöglichkeit", vulgo "Blödsinn"

nvf33, Montag, 07.03.2016, 11:52 (vor 3628 Tagen) @ Plancius3377 Views

Lieber Chef und liebe Mitforisten & Leser,
ich bitte Euch, Eure Abwehrreflexe im Zaum zu halten, wenn es um diese Themen geht. Was da den meisten nämlich so sehr automatisch in den Sinn schießt ("Crank", "Spinner", "Ewiggestriger", "inventor's disease" etc.), offenbart bei genauerer Betrachtung ein erhebliches Dilemma - und zwar unbequemerweise kein wissenschaftlich-technisches, sondern ein zwischenmenschliches! Das will ich im Folgenden versuchen zu erläutern.

Dieses Dilemma gehört entscheidend zu dem, was man heute unter "Erkenntnistheorie" bucht, als zur Lehre dessen, wie man solides Wissen erkennen kann. Jedes Wissen fußt nun ab einer bestimmten Tiefe auf Vertrauen, und das heißt konkret nichts anderes, als dass kein Mensch ständig alle seine Annahmen und Voraussetzungen im "Vorder"-Bewußtsein erwägen kann. Man agiert mit der Spitze dieses Bewußtseins-Eisbergs, d.h. mit einer kleinen Untermenge abgeleiteter Annahmen. In NLP-Sprech: Man bleibt im "Framing", und das fast immer unbewußt.

Den Begriff Vertrauen benutzt man heute aber nicht mehr gern für diese Ebene, man spricht eher von Konditionierung, aber es läuft auf das Gleiche hinaus. Allerdings mit einem tragischen Unterschied: "Konditionierung" tut so, als handele es sich um eine im Grunde passive Sache, gewissermaßen um eine "App", die man sich zulegt, und die man bei Bedarf "einfach" updatet. So ist die menschliche Seele aber nicht beschaffen. "Konditionierungen" sind tatsächlich Gewohnheiten, denen wir ungefragt vertrauen. Und Vertrauen ist ein kostbares Gut. Vertrauen wechseln wir nicht wie Unterhosen.

Die Wirkung des Vertrauens wird v.a. in der wissenschaftlichen Praxis massiv unterschätzt. Man meint heute, die "Religion" überwunden zu haben, und trägt dabei doch tief im Herzen die ganze alte, metaphysische Gewohnheitsstruktur in die Wissenschaft hinein. Wo schlichteren Gemüter sich früher einen bärtigen Mann auf einer Wolke als Weltenlenker vorstellten, da stellen deren Seelenverwandten sich heute gelbe Kügelchen namens "Elektronen" vor. Und wenn jemand sagt, das gibt es gar nicht, dann muss das ein Ketzer/Narr/CrankDissident sein. Und ja, es ist möglich, das ein solcher "Blödsinn" erzählt, damals wie heute, auch beim vorgestellten Schwerkraftwandler.

ABER: Wir wissen es nicht! Und wir können es akut auch nicht wissen! Wir sind in der äußerst mühseligen Lage, dass wir nicht sicher wissen können, ob irgendeines dieser sonderbaren "Crank"-Geräte nicht doch funktionieren könnte. Demgegenüber steht unser dringendes, geradezu existenzielles Bedürfnis, diese Dinge zu "bannen" - wenn schon nicht in die Begriffswelt der gewohnten Wissenschaft, dann doch ins Reich der Ketzerei oder der Idiotie.

Nun mag man einwenden: "Messt doch einfach nach, wenn ihr könnt, statt über Gefühle zu schwafeln". Da ist etwas dran, zugegeben.
Allein: Diese Rechnung ist ohne "Wirt" gemacht, nämlich ohne die unbewußte Konditionierungsmechanik in uns, und insbesondere ohne Rechenschaft über unser Vertrauen in die Wissenschaften. Wer je einmal in der Lage war, bei einer Alltagshandlung ernsthaft an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit zu kommen, der wird wissen, dass sowas kein Spaziergang ist. Es ist viel einfacher in solchen Grenzlagen, die "Unmöglichkeit" zu externalisieren, und den "Blödsinn" außerhalb zu vermuten, als das eigene Vertrauen oder Mißtrauen als Illusion zu erkennen. Meistens ist das eigene Mißtrauen ja auch wohlbegründet, aber sicher ist es eben nicht!
Der Schaden, den man anrichtet, wenn man anderen bei diesen zaghaften versuchen ins Neuland in den Arm fällt, der ist schwer abzuschätzen - und ich halte ihn für hoch.

Also, meine Empfehlung: Setzt Euch der Mühe aus, die eigenen Grenzen zu überwinden, auch wenn es schwerfällt - und lasst auch andere diese Versuche ertragen! Nur so kommen wir weiter.

Viele Grüße
nvf33


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung

Wandere aus, solange es noch geht.