Bad Aibling / Fragen von SevenSamurai, Leserzuschrift und Rainer-aus-MV
Zu SevenSamurai:
-Bei Flugunfalluntersuchungen gibt es in Deutschland und in den USA, um zwei Beispiele zu nennen, keine strafrechtlichen Konsequenzen. (In Italien z.B. gibt es die.)
Der Hintergrund ist folgender: Man WILL die Wahrheit wissen, ohne dass ein (schuldiger) Pilot deswegen ins Gefängnis muss. Denn dann würde er entweder die Aussage verweigern oder lügen, was der Flugsicherheit abträglich ist.
Wie sieht es bei diesem Bahnunfall aus? Gibt es strafrechtliche Folgen für den Fahrdienstleiter?
UND:
Ist das im Hinblick auf die Vorgehensweise bei Flugunfällen sinnvoll?
x Hier ist die Frage müßig, da die Staatsanwaltschaft ermittelt. Es wird strafrechtliche Konsequenzen haben, wenn der Fdl mit schuldig ist.
-Leserzuschrift
Nach meinem Kenntnisstand war Ausgangspunkt des Desasters ein verspäteter Zug, dem der FDL nicht noch mehr Verspätung zumuten wollte und deshalb entgegen den Vorgaben der Sicherheitseinrichtung per manuellem Sondersignal auf die Strecke lies.
Frage: Ist es denn bei der Bahn üblich, in Sicherheitseinrichtungen einzugreifen, also von der Sicherheitseinrichtung verhinderte Fahrten manuell freizugeben, nur um Verspätungen zu reduzieren? Geschieht dies etwa jetzt im Augenblick weiterhin auf anderen eingleisigen Strecken?
Ich hätte erwartet, dass für so einen gravierenden Eingriff zu Lasten der Sicherheit ein entsprechend schwerwiegender Grund vorliegen muss (z.B. Signaldefekt oder Abschleppen eines defekten Zugs). Welche Vorschriften gibt es hierzu?
Gruß Wolfi
x Da liegst du absolut richtig. Ersatzsignal wird nur bei gestörtem Hauptsignal, oder gestörtem Streckenblock gegeben, also bei gestörter Technik. Wird eine Zugkreuzung(Vorbeifahrt zweier Züge im Bahnhof) verlegt, müssen aufgrund dessen die Hauptsignale weiter funktionieren.
Ist die Technik gestört, hat man Rückfallebenen. Diese Prozedere sind genauestens geregelt und werden von jedem Fdl aus dem ff beherrscht. Deshalb gehe ich davon aus, dass der dortige Fdl von einer technischen Störung ausging, warum auch immer. Ich sehe eine Verkettung von ungünstigsten Umständen. Aber alles weitere ist reine Spekulation ( auch wenn ich selbst schon ein paar Vermutungen habe).
Rainer-aus-MV
-Hallo Rotti,
erstmal danke für deine Erklärungen.
Was mir nicht aus dem Sinn will:
Die beiden Lokführer fahren diese Strecke jeden Tag.
Wissen, dass die Strecke eingleisig ist, und sie sich in einem der beiden Bahnhöfe begegnen müssen.
Eingleisige Strecke, Bahnhof A und B.
Für gewöhnlich begegnen sich die Züge im Bahnhof A.
Zug 1 wartet in Bahnhof A auf den aus Bahnhof B kommenden Zug 2.
D.h. Zug 2 ist auf der eingleisigen Strecke, während Zug 1 im Bahnhof wartet.
(bestenfalls fahren die beiden Züge gleichzeitig in Bhf A ein und anschließend wieder aus.)
Jetzt bekommt Zug 1 plötzlich bei ROT ein Ersatzsignal, obwohl Zug 2 noch nicht "in Sicht" ist. Und fährt los. Warum?
Der Fdl könnte ja Zug 2 in Bahnhof B warten lassen. Aber würde er dann nicht das Signal auf GRÜN stellen? Warum das Ersatzsignal in dieser Situation?
Der FDL muß sich also bewußt gewesen sein, dass Zug 1 ROT hatte und Zug 2 der keine Verspätung hatte auf der Strecke war.
Meine einzige Erklärung wäre ein Irrtum. Der FDL wollte einem anderen Zug Ersatzsignal geben und hat sich im Schalter geirrt. Alles andere ergibt für mich keinen Sinn, wenn ich Vorsatz ausschließen will.
Vielleicht kann mich jemand aufklären...
x Gut erklärt. Wenn die Kreuzung verlegt wird, müssten die Hauptsignale mit angeschlossenem Streckenblock funktionieren. Die Technik soll ja verhindern, dass zwei Züge in den gleichen Streckenabschnitt eingelassen werden (ob hintereinander oder gegeneinander, ist egal). Auch deine Schlussfolgerung ist richtig. Der Fdl hat einen Stelltisch, auf dem Streckengleise und Bahnhofsgleise aufgezeichnet sind, und belegte Gleisabschnitte rot beleuchtet sind, in solche Abschnitte kann ich einen Zug mittels Hauptsignale nicht einlassen. Also Irrtum beim Geben des Ersatzsignals, wobei sich die Frage nach dem Triebfahrzeugführer stellt, der da zumindest misstrauisch werden und nachfragen sollte, obwohl er nicht dazu verpflichtet ist. Aber man kann sie leider nicht mehr befragen. Es stellt sich hier tatsächlich die Frage, was da auf dem Stellwerk vorgegangen ist. Ich kann mir das so nicht erklären. Wenn die Technik streikt, dann habe ich Rückfallebenen, an die ich mich halten muss.
Trotzdem funktioniert der Betrieb weiter. An eine alleinige Schuld des Fdl kann ich nur schwer glauben.