Interessante Ansicht
So wie ich das lese, Silke, bist Du vom Fach. Hoffentlich nimmst Du meine ablehnende Haltung zu der weißen Zunft nicht persönlich, - sie hängt einfach mit meinen persönlichen Erlebnissen zusammen.
Am Eindrucksvollsten war dabei für mich ein Erlebnis, das ich in jungen Jahren hatte, als ich meinen Schwiegervater bis zum Ende begleitete. Damals war ich 2 1/2 Wochen Tag und Nacht im Krankenhaus, - ich schlief auf der Intensiv in einem Bett neben ihm. Bis ich bemerkte, dass es gar nicht so der Mensch war, den man mit Hilfe des familiären Beistands retten wollte, sondern mehr der Patient xy, der in dieser Abteilung eine bestimmte Krankheit bis jetzt am Längsten mit sich rumgetragen hat und man weitere Erfahrungen sammeln wollte.
Seit damals wußte ich, dass ich - sollte man mich mal in sowas einliefern, es nicht 5 vor 12 bei mir ist, sondern eher 5 nach 12. Was man als Gesunder dabei mitkriegt, - was den Kranken zumeist entgeht, - es spottete oft jeder Beschreibung.
Meine jahrzehntelangen Beobachtungen danach aber waren von der Oberflächlichkeit geprägt, die man bei Bekannten hinsichtlich der medizinischen Behandlung feststellen konnte. Auch ich war mal davon in jüngeren Jahren betroffen, als man mir ein Medikament verschrieben hat, das mich an den Rand der Berufsunfähigkeit gebracht hat. Gottseidank ist das Medikament seit Langem vom Markt. Geholfen hat mir nur der logische Hausverstand sowie die Feststellung der verzögerten zeitlichen Zusammenhänge mit der Einnahme des Medikamentes. Der Mediziner verneinte natürlich jedwelchen Zusammenhang.
Damit sind wir am Punkt: Der überwiegende Teil, schon bedingt durch den numerus clausus, studiert Medizin und wird Mediziner. Die allerwenigsten davon werden auch Ärzte. Unter letzterem Begriff verstehe ich genau das, was Du als ganzheitliches Denken beschrieben hast. Deshalb war der frühere legendäre Landarzt meist der beste Heiler, weil er die Familien kannte,- wußte, was dort abgeht und wo der Schuh drückt. Manchmal half eine Stunde intensives Gespräch (was eigentlich Sache des Pfarrers wäre), verbunden mit ein paar Placedo-Tabletten wesentlich mehr als sonst was.
Erst wenn derjenige, der nach dem Prinzip des Hippokrates dem Kranken helfen will, die Gesamtheit sieht, ähnlich wie Ayurveda, dann kann er ansetzen. Körper, Geist und Seele, - wenn dieses Dreieck gestört ist, dann fangen die Beschwerden an. Die Grundvoraussetzung ist eine umfassende Anamnese. Ohne die ist eine dauerhafte Heilung sowieso nur wie ein 6er im Lotto. Ein alter siebenbürgischer Bauer sagte mir einmal: "Der Mensch muß sein eigener Arzt sein, sonst ist er verloren". Wie soll denn der Arzt wissen, was mit mir los ist, wenn ich ihm nicht eine umfassende Vorinformation aufgrund meiner Selbstbeobachtung gebe?
Wenn meine Frau Beschwerden hat und sie einen Facharzt aufsuchen muß, dann bekommt der Arzt vorher meine Beobachtungen zu lesen, - strukturiert zusammengefaßt und auf das Wesentliche beschränkt. Bevor er das nicht gelesen hat, erfolgt keine Vorsprache des Patienten, wäre ja auch sinnlos.
Was sagst Du: 3 - 4 Stunden Anamnese? Das wäre ja was Göttliches. Leider geht das vom Gesundheitssystem nicht mehr. Der Mediziner muß seine Patienten im 10- Minutentakt durchpeitschen, - die Haupt-Sprechstundenhilfe, die eigentlich Buchhalterin ist, muss dabei so viel wie nur möglich Schlüsselzahlen für die Abrechnung aufschreiben können, - damit sich das alles rechnet.
Zumal die Leute ja oft bescheuert sind. Da macht ein neuer Arzt eine Praxis auf. Die alten Omas, die sowieso nichts zu tun haben, kommen gleich mit ihren Wehwehchen angetanzt, - nicht , weil sie Beschwerden haben, sondern, weil sie neugierig sind. Dann wird gecheckt, - was da im Behandlungsraum drinnensteht, welche Apparaturen, etc. Dann wird rumerzählt, - ach Gott, der hat ja nicht einmal das oder das Gerät- was soll denn das für ein Arzt sein.
Wenn ein Internist wo aufmacht, - auch schon ein Allgemeinmediziner, - dann bedarf das einer Investition von ca. 1 Mio €. Deshalb muß der 10-Minuten-Rhythmus funktionieren, - am besten mit einer Gemeinschaftspraxis. Ich kenn genügend Mediziner, die wirklich "Ärzte" waren und deshalb bankrott gemacht haben.
Mit einem schwierigen Rückenproblem ist meine Frau auch grade bei einem Spezialisten. Oberarzt in einem großen Krankenhaus bei der Orthopädie. Mit den 10 Minuten kommt man ja auf keinen grünen Zweig, - deshalb bedarf es eines längeren Prozedur. Man kann 10 mal eine KV haben, wie z.B. meine Frau, - das produktive Gespräch, das ca. 1 Std. dauert, geht nur über cash. Jedesmal 120 €. Klar, der Porsche muß ja auch bezahlt werden.
Was aber noch als Wesentliches dazukommt, was Du auch angesprochen hast, - das ist das Hamsterrad unserer Zeit. Die Leute fühlen sich zumeist unter Druck gesetzt, - sehen kaum einen Ausweg, - und diese psychische Belastung ist oftmals der Grund für alle möglichen Beschwerden, die letztlich dann chronisch werden.
Eine bestimmte These habe ich von jemanden übernommen, der wesentlich gescheiter war als ich. Weiß aber nicht mehr, von wo ich das aufgeschnappt habe: "Kein Mensch muß krank sein. Der Mensch kann ein Leben lang ohne Krankheit auskommen. Krankheit ist der Hilfeschrei des Körpers, wenn wir etwas falsch machen." Wie richtig das ist, merke ich an mir selbst.
Was auch richtig ist, sind die Worte von Nietzsche, - die Du angeführt hast. Bei Zarathustra konnte ich immer nur maximal drei Seiten lesen, - damit ich diese schwierige Sprachform überhaupt aufnehmen konnte. Aber es ist mir in Erinnerung geblieben.