Von der wirklichen Kraft des Geldes

nvf33, Montag, 13.07.2015, 15:38 (vor 3842 Tagen) @ Morpheus3530 Views

Lieber Morpheus,
gerne möchte ich auf diesen Deinen Absatz antworten, den ich hier in Gänze zitiere, weil ich glaube, dass
er einer nicht eben wenig einflussreichen und verbreiteten Position entspricht:

... Die Illusion der Summe
aller Schulden und damit jeglicher Ersparnisse und Vermögen so lange
aufrecht zu erhalten wir irgendwie möglich.

Wenn diese Illusion einmal geplatzt ist, dann ist die Zivilisation wie du
sie kennst am Ende. Nenne mir eine Branche außerhalb von Lebensmitteln und
Sicherheits-Dienstleistungen, die nach einem Platzen der Schuldenblase noch
Geld verdienen kann. Unsere auf Konsum basierende Überfluss-Gesellschaft
ist dann sofort am Ende und die Weltbevölkerung wird sich auf maximal ein
paar hundert Millionen reduzieren.

Ich denke, dass ich einen !leider! sehr klaren Blick auf die Fakten habe.
Und ehrlich lieber Nico, wenn du mir erklären würdest, wie unsere
Zivilisation nach einem Schuldenschnitt weiter existieren kann, dann wäre
ich dir sehr sehr dankbar. Bisher hat das im Forum trotz vielfachen
Nachfragens noch keiner geschafft. Aber ich habe stets und ständig ein
kleines Fünklein Hoffnung in mir, dass da doch noch ein Genie unter uns
weilt, was der Menschheit die Rettung ermöglicht. Vielleicht gelingt ja
ausgerechnet dir dieses Wunder. So, der Ball liegt in deiner Hälfte.

Grüße
Morpheus

Es wird immer wieder geäußert, dass Geld-Schuld eine Illusion sei, z.B. weil
ihm kein realer Gegenwert entspräche, sondern nur z.B. Drohgebärden. Und es
stimmt auch: Viele vertraute Institutionen würden ohne gewisse Illusionen
sicherlich nicht in der bekannten Form existieren (z.B. eine ganze Reihe von
Versicherungen, Banken und Dienstleistern, aber auch Geheimdienste etc.).

Daraus folgerst Du , dass Illusionen NOTWENDIG seien für unsere Gesellschaft,
wie wir sie kennen, z.B. auch zur Ernährung von über 6 Mrd. Menschen.
Diese Vorstellung liegt in etwa parallel zur Moral, dass der Mensch nur durch
Angst vor Strafe kultiviert und zur Gemeinschaft erzogen werden könne, und
dass bewußte Welt- und Menschenerkenntnis gesetzmäßig zu egozentrischer
Gefräßigkeit führe.
Bei Freud heißt diese dunkle Neigung dann z.B. Todestrieb, oder in der PR
wird er zur Steigerung der Konsumneigung als "mortality salience" eingesetzt
(nach dem testbaren Schema: "Erinnerung an die Sterblichkeit macht
Kauflaune").

Es steht auch meiner Meinung außer Frage, dass man die
menschliche Gesellschaft ziemlich an der Nase herumführen kann, auch sehr
drastisch und weitreichend.


Mein Wunsch ist es, Dich einzuladen, einen Blick in die m.E. defizitäre Logik
dieser Auffassung zu werfen. Konkret will ich zeigen, dass die "normative
Kraft des Faktischen" gerade selbst eine schlimme Illusion ist. Sie ist es
auch, die einen u.a. dazu bringt, Illusionen als
gesellschaftsnotwendig zu erachten.

Die Lösung liegt darin zu erkennen, was einen dazu bringt, etwas zu tun, das
aus bestimmter Perspektive zwar "suboptimal" erscheint, das sich aber doch
richtig anfühlt.

Die Spieltheorie hat sich weidlich damit beschäftigt, WIE man Leute betrügen
kann, und auch die Psychologen haben umfänglich kartiert, WIE man sich
täuschen lassen kann und wie man andere leimt.
Aus lauter Begeisterung über die Vielfalt und Wirksamkeit dieser "WIEs" haben
diese Leute fast immer die qualitative Voraussetzung übersehen, WARUM
Menschen überhaupt lügen können.


Denn es bedeutet eine gewaltige schöpferische Kraft, Fakten ordnen zu können.
Aber das zu können erfordert paradoxerweise keine Fakten.
Wir Menschen können Fakten bewerten, d.h. wir können sie in voller Bandbreite
ignorieren oder betonen. Das große Wunder liegt darin, dass die Welt und
unsere Wahlen darin sich an diese Wertungen anpasst - fast wie ein
Spiegelkabinett, in das wir hineinleuchten.

Es lohnt sich, bei der Reichweite dieses Befundes etwas zu verweilen.

Kommen wir zum Geld zurück: Was bringt zwei Menschen dazu, dass der eine dem
anderen etwas leiht?
Der eine kann z.B.etwas, dass der andere nicht kann, und umgekehrt. Aber
vereint in einem Vertrag sind sie mehr als ihre Summe.

Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass beide sich vertrauen können. In
alter Zeit z.B. ein Jude mit viel Geld einem Nicht-Juden mit guten Ideen -
oder umgekehrt.
Die "Schuld" oder die "Angst vor Strafe" spielt dabei nicht die geringste
Rolle. Entscheidend ist nur die transzendente Kraft des Vertrauens, auf das
beide Vertrauen. Es ist simpel und nicht einklagbar, aber von jedem
verschenkbar.

Die Lösung ist also aktiv geschenktes Vertrauen. Es ist das höchste Gut auf
Erden, und erstaunlicherweise können wir genau das im Überfluss erzeugen -
wenn wir es ernst und aufrichtig tun, und vor allem unserer jeweiligen
Kapazität angemessen.

Wer das nicht glauben will, der wird um die apokalyptischen Reiter nicht
herum kommen, und der wird sich seine Selbstunter- oder -überschätzung im
Zweifel mit Gewalt austreiben.
Der Schmerz, den wir bei der Einfachheit dieser Lösung üblicherweise
empfinden ist proportional zu unserer Sehnsucht danach.
Die Horrorszenarien, die wir uns ausmalen, wenn wir dem Vertrauen vertrauen
und getäuscht werden, ist proportional zur Dringlichkeit an unserem Vertrauen
zu arbeiten.

Ein gutes Beispiel zur Verdeutlichung, dass es nicht um naiv-debile
Selbstaufgabe geht, sondern um die volle Tiefe und Breite des Menschseins,
ist die Analogie zur Liebesbeziehung. Auch dort ist Achtsamkeit und Vorsicht
notwendig, aber nicht der Kern der Sache. Auch dort kann kein System die
wesentliche Kraft darin ersetzen. Pick-Up-Arts sind genausowenig echte Liebe
wie Hochfrequenzhandel etwas mit sachdienlicher Wirtschaft zu tun hat.

Beides ist Fake, und wenn etwas verbrennt dieser Tage, dann das. Aber nicht
und niemals die Voraussetzung, überhaupt "faken" zu können.

Die "normative Kraft des Faktischen" ist nur genauso stark wie unsere Glaube
daran und an das was diese Kraft ermöglicht.
Wir selbst schaffen uns das Gefängnis der Schuld, und genau deshalb können
wir es auch wieder verlassen. Die Betrüger werden exakt in dem Moment
gerichtet, wo wir uns und ihnen die volle, ehrliche Wahrheit zumuten.
Im Falle nicht zurückbezahlter Schulden handelt sich um einen
Vertrauensbruch, der, so er sich denn als vorsätzlich erhärtet, klare
Konsequenzen haben muss. Davon stürzt durchaus nicht die Welt als Ganzes ein
- auch wenn die echten Betrüger das gern so darstellen.

In der Hoffnung, ein wenig Dein kleines Fünklein Hoffnung etwas befeuert zu haben
viele Grüße

nvf33


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