Anbindung ist Augenwischerei

Mieses von Ludwig, Mittwoch, 01.07.2015, 12:12 (vor 3853 Tagen) @ Gaby2871 Views

Hallo Gaby,

obwohl andere schneller waren, hier meine Antwort:

Voraussetzung für einen Peg ist, dass die Zentralbank des Landes, das seine Währung an eine andere binden will, seine Geldpolitik auf die Stabilisierung des Wechselkurses ausrichtet. Wenn der Devisenmarkt die neue Drachme niedriger bewerten würde als mit dem offiziellen Wechselkurs, muss die griechische Zentralbank das Angebot an Drachmen verknappen, um dem entgegen zu wirken (per Leitzinsanhebung, Erhöhung der Mindestreservesätze, Ankauf von Drachmen gegen Fremdwährungsreserven). Der letztgenannte Weg (Ankauf von Drachmen gegen Fremdwährungsreserven) ist jedoch verstellt, da kaum Fremdwährungsreserven vorhanden sind. Blieben also nur noch die beiden anderen Wege, die aber deflationäre Auswirkungen hätten und die Vorteile, die man sich von der Einführung einer neuen Drachme erhoffen kann, unterminieren würden.

Den umgekehrten Fall, dass der Devisenmarkt die Währung höher bewertet als mit dem offiziellen Wechselkurs gibt es auch, siehe z.B. die (mittlerweile aufgegebene oder informell nur gesenkte?) Wechselkursuntergrenze bei EUR/CHF. Hier muss die Zentralbank natürlich genau umgekehrt vorgehen, was die SNB ja auch getan hat (negative Leitzinsen, massiver Ankauf von Euros gegen Franken). Das kann sie theoretisch ad infinitum tun (weil sie dafür keine Fremdwährungsreserven benötigt, sondern diese ja gerade erwirbt), aber dadurch wird ihre eigene Solvenz abhängig von der Stabilität der Fremdwährung – und dann wird es immer teurer, aus der Anbindung wieder auszusteigen.

Viel häufiger ist jedoch der erstgenannte Fall, und so wäre es sicherlich auch bei der neuen Drachme. Bekannte Beispiele dafür sind die Anbindung des argentinischen Peso an den Dollar in den 90ern, die Anbindung des Dollars an Gold bis 1971 und viele andere. Kam Druck vom Markt auf, so wurden zur Kursstützung regelmäßig Fremdwährungsreserven verkauft – bis keine mehr da waren. Dann crashte die eigene Währung.

Und jetzt kommt’s: Die Griechenlandkrise ist bereits selber ein Beispiel für einen gescheiterten Peg.

Der Euro selber ist nämlich eigentlich gar keine eigenständige Währung und die EZB keine echte Zentralbank, sondern eher sowas wie eine Clearingstelle. Der Euro ist die „Vollendung“ des europäischen Währungssystems EWS, das selber wiederum nur ein System von Pegs war. Die Wechselkurse der heutigen Euroländer waren alle aneinander gepegged. Das einzige, was sich mit der Euroeinführung geändert hat, sind die Namen der Währungen – alle nationalen Währungen wurden in „Euro“ umbenannt, was aber nichts daran geändert hat, dass sie zusammen mit ihren Zentralbanken eigentlich immer noch existieren – als deutsche Euros, französische Euros, griechische Euros usw. Allerdings ist es dank des einheitlichen Bargelds seitdem nicht mehr möglich, an den „festen“ Wechselkursen Änderungen vorzunehmen, was vorher ja immer wieder gemacht wurde, wenn der Druck vom Devisenmarkt zu groß wurde. Das war natürlich ein Paradies für Arbitrageure und sollte eigentlich mit der Euroeinführung verschwinden. Dafür hätten aber zumindest Geld- und Fiskalpolitik zentralisiert werden müssen, was aber nur in Ansätzen geschehen ist (z.B. über die Maastricht-Kriterien), und wie wir alle wissen, blieben Verstöße gegen diese Vereinbarungen von Anfang an nahezu folgenlos.

Im Eurosystem wurde nun der Kurs des griechischen Euros de facto permanent gestützt – und zwar von allen Zentralbanken des Eurosystems, indem diese verpflichtet waren, griechische Euros 1:1 gegen eigene Euros einzutauschen (technisch alles noch ein wenig komplizierter wegen des Umwegs über die EZB, die Auswirkungen sind aber dieselben). Der mögliche Austritt Griechenlands aus dem Euro würde nun bedeuten, dass genau das aufhört. Wenn die neue Drachme an den Euro gepegged werden soll, müsste die griechische Zentralbank dies also alleine sicherstellen. Wie? Siehe erster Absatz. Keine gute Idee.

Gruß
Ludwig


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