Dialektik des Rechts statt ewige Suche nach der (endgültigen) "Lösung".

BillHicks ⌂, Wien, Mittwoch, 13.04.2016, 02:18 (vor 3593 Tagen) @ Friedrich2286 Views

Hallo Nico,

Hallo Friedrich, hallo Nico,

ich habe mich mit der Frage auch schon beschäftigt und man wird keine
eindeutige Empfehlung erwarten können bzw wird diese von dem Menschen
abhängen, von dem man sie bekommt. Die Szene ist hier ziemlich gespalten.

Das Recht selbst ist gespalten. U.a. in Öffentliches Recht (Prinzip: Befehl, Anordnung, Unterordnung) und Privatrecht (Prinzip: Konsens, Freiheit, Gleichheit).

Diese beiden Prinzipien widersprechen sich diametral.
Öffentliches Recht ohne Privatrecht ist Totalitarismus.
Privatrecht ohne Öffentliches Recht ein Oxymoron.

Anders formuliert:
Staat ohne Markt ist Totalitarismus.
Markt ohne Staat gibt es nicht.

Bleibt also die (gänzlich naive) Frage: wie viel Staat?

Besser, sinnvoll gefragt: IN WESSEN INTERESSE wird die Macht (Öffentliches Recht!) des Staates - da sie ohnehin nicht komplett wegfallen kann - eingesetzt?

Wenn "ich" jetzt den Staat bitte, mir zu bescheinigen, dass "ich" ihm (dem
Staat) angehöre, so unterliegt meine "Person" dem Recht dieses Staates.

Da haben wir die Dialektik von Privatrecht/Öffentliches Recht direkt am Werk.
Existierst du als Person für den Staat nicht, so kann er die Rechte dieser Person nicht schützen. Darüberhinaus soll dieser Staat auch noch die Rechte dieser Person VOR DEM DIESE RECHTE GARANTIERENDEN Staat selbst schützen!
Jemand auf der Suche nach einer Aufgabe für gutes Organisationsdesign?

Ich möchte nicht ausufern, aber es gibt ja noch andere Wege, sich aus dem
System zu befreien.

Klar, Stammesgesellschaft.

Diese kommt freilich mit UNAUFLÖSLICHEN (Solidar-)Verpflichtungen. Das muss man wollen. Die meisten Zivilisten, die ich kenne kommen mit den (fast) unauflöslichen Beziehungen in die sie hineingeboren wurden kaum klar. Die wenigsten kommen gut mit den (selbstgewählten und fast) unauflöslichen Beziehungen in Partnerschaften klar.

Wer Stammesgesellschaft ernsthaft will: viel Glück dabei! Ich kann diesen Wunsch danach sehr gut verstehen.
Besonders viel Glück ist den wohlmeinenden Stämmen (auch jenen von "Systemaussteigern" etc.) bei der Außenpolitik und der Grenzsicherung zu wünschen.

Der "Kapitalismus" kommt - im Gegensatz zu den Stämmen - mit (potenziell) AUFLÖSBAREN Beziehungen daher.
Beziehungen, die per Privatrecht konsensual eingegangen werden können und staatlich sanktioniert durchgesetzt werden und gerade deshalb auch anderweitig politisch gestaltbar sind.

Klartext: sogenannte "Wirtschaftskrisen" wären mit "Juristische Krisen" sachgerecht benannt.
"Wirtschaftskrise" klingt ein bißchen nach: tja, das kommt halt von Zeit zu Zeit "über uns". Das ist halt so. Da kann man nix machen.
Pustekuchen.
Wirtschaftskrisen sind niemals Natur- sondern immer Kulturereignisse.

Handelsrecht (UCC), die Freeman on the land - Bewegung
(Joe Kreissl) usw.

Nirgendwo dort habe ich bislang auch nur in einem Satz die inhärente Widersprüchlichkeit des Rechts an sich erwähnt gefunden (von tatsächlichem Unrecht und Vorteilsnahme Privilegierter etc. mal ganz abgesehen).

Heilslehren mit einer (erhofft: endgültigen) Lösung gibt es freilich en masse.
Die Widersprüchlichkeit des Rechts (oder "Dialektik") wird aber gerade nicht verschwinden, weil das nicht geht ohne das Konzept des Rechts insgesamt abzuschaffen. Es geht für mich heute um das (nie fertige) Gestalten der inhärenten Widersprüchlichkeit (oder eben: Dialektik) des Rechts.

All diese Bemühungen sind unglaublich wichtig, weil sie
unser Denken öffnen.

Das schon.

Weib/Mann und Person sind verschiedene Schuhe! Wer
das mal einigermaßen verstanden hat, ist einen Riesenschritt weiter.

Stimmt auch. Vielleicht kann man mein Posting als Bitte verstehen nicht nach diesem Schritt stehen zu bleiben, sondern weiter zu fragen.

Das
"positive" Recht ist Fiktion.

Wenn mit Fiktion "Idee" gemeint ist: selbstverständlich!
Das Recht ist nichts Materielles. Es ist ein reines Ideenkonstrukt, das per Durchsetzbarkeit Wirkmächtigkeit in der Wirklichkeit entfaltet. Diese hängt unmittelbar an der Macht.

Deshalb wäre VölkerRECHT mit VölkerMACHT wohl mindestens genau so treffend beschrieben: "International (Public, A/N) Law, so-called, is but primitive law on the global level" (Hoebel 1954)

Die Person ist eine fiktive Spielfigur auf
einem Spielfeld.

Ja. Es ist das Spielfeld des widersprüchlichen, dialektischen - öffentlichen und privaten - Rechts (übrigens in dieser Form eine griechisch-römische Erfindung).
Juristisch noch Uninteressierte nennen es "Kapitalismus" oder das "System".

Das mal als Kernaussage. Lässt sich im jur. Wörterbuch
glasklar nachlesen.

Es ist die Idee der Gleichheit der PERSON vor dem RECHT.
Diese Gleichheit als Prinzip ist in der materiellen Vielfältigkeit nicht zu finden. Es ist eine bloße Idee und ist als solche gleichzeitig die Basis dessen was als "Rechtsstaatsprinzip" bezeichnet wird.

Menschen, die wieder ganz Mensch sein wollen und keine Person haben wollen etc., die wollen damit auch die "Gleichheit vor dem Recht" aufgeben, vermutlich ohne das zu realisieren.

Dass in der Praxis diese Gleichheit vor dem Recht nicht in wünschenswertem Maße Anwendung findet steht dabei auf einem ganz anderen Blatt.

All diesen Wegen ist gemein, dass es keinen "leichten" Pfad aus dem System
gibt. Es wäre eine Illusion etwas anderes zu glauben. Ein Königsweg wäre
längst publik. Es sind die kleinen Schritte, die uns voranbringen.

Der jüngste Schritt für mich war es diesen ganzen Nach-Einer-Endgültigen-Lösung-Suchen-Quatsch auf den Müllhaufen zu werfen und mich auf die Dialektik des Rechts einzulassen. Diese Dialektik ist unangenehm. War sie für mich jedenfalls. Aber das Einlassen darauf hat mich handlungsfähiger gemacht. Was wiederum weit angenehmer ist als die Apathie in der Suche nach der einen, fertigen, endgültigen Lösung.

Grüße - Friedrich

Schöne Grüße

--
BillHicks

..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.


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