Zu Idomeni: Die Lage gerät außer Kontrolle
Moin,
ich hänge mir hier mal dran. Die Lage in Idomeni gerät zunehmend außer Kontrolle. Gestern sind so gut wie alle Hilfsorganisationen abgezogen, vor allem, weil es für ihre Mitarbeiter zu gefährlich wurde.
Grob gesprochen beschreiben Leute vor Ort die Lage so: Von den rund 12.000 dort Ausharrenden sind etwa die Hälfte Familien mit Kindern, die durchaus bereit wären, jetzt in eines der organisierten Camps in Griechenland umzusiedeln. Doch sie werden von den Probleme-Machern daran gehindert, die wohl echt einen auf wilden Affen machen. So haben diese gestern auch das Verteilen von Lebensmitteln an Kinder verhindert. Sie wollen durch Proteste erreichen, dass die Grenzen geöffnet werden - und dass vor Ort eine Versorgung statt findet (was aus guten Gründen nicht getan wird).
Private Hilfstransporte (u.a. durchgeführt von Freunden von mir) sind tw. gnadenlos gescheitert. Sie fuhren mit gesammelten Gütern in das Camp - und wurden regelrecht zerlegt. Die Güter (und mehr) wurden einfach aus dem Auto gerissen, hinterher fehlten auch persönliche Dinge. Jeder griff zu, ein, vier, zehn Brote - egal. Lässt sich hinterher dann verkaufen (sieht man wohl auf dem Weg dorthin: Dann sitzen die "Flüchtlinge" am Straßenrand und verkaufen ergatterte Hilfsgüter für Wucherpreise an ihre Mit-Leidenden ...)
Es sind jetzt drei Einheiten der Bereitschaftspolizei nach Idomeni verlegt worden und die Lage in den Griff zu bekommen.
Nichts Gutes bahnt sich für den Vorort an, in dem ich wohne (ich deutete es neulich schon mal an). Hier soll tatsächlich nun eines der größte Camps in ganz Nordgriechenland entstehen (wer gucken will: Es handelt sich um die Freiflächen direkt neben dem Flughafen Thessaloniki, es sind ca. 700.000, in Worten: Siebenhunderttausend, Quadratmeter, die man belegen will. Das sind Zehntausende, die man ggf. unterbringen will. Das "Praktische": Die Fläche gehört eigentlich der Nachbargemeinde (Thermi), die dafür auch sehr viel Geld bekommen wird - die Probleme hat aber unsere Gemeinde (Perea, Neoi Epivates und Folgende, wer gucken will). Das bedeutet das Ende sämtlicher geschäftlichen Aktivitäten, die es hier noch gibt. Der Ort lebt von lokalem (aus Thessaloniki) und ein wenig internationalem Tourismus, es gibt ein entsprechendes "Strandleben"). Direkt daneben nun soll dieser Gulag entstehen.
Gestern bereits fand ein informelles Treffen auf Gemeindeebene statt. Einhellige Meinung: Wenn das wahr werden sollte, helfen nur noch Aufstände. Verkündet werden soll die Entscheidung wahrscheinlich nächste Woche. Morgen ist hier Nationalfeiertag (25. März), mit Paraden, auf denen sich die Lokalpolitiker noch feiern lassen wollen. Da kann man kein aufgebrachtes Volk brauchen.
Allerdings sind die ersten "informellen" Zeitungsberichte bereits draußen. Mit wem ich auch immer spreche: Es herrscht blanke Angst. Das gibt einen lokalen Krieg, wenn das wirklich umgesetzt wird.
Viele Grüße
Gaby
--
"Das Dumme an Internetzitaten ist, dass man nie weiß, ob sie auch stimmen." Leonardo da Vinci