Charlie Hebdo: Trauermarsch
Hallo nemo,
ich melde mich Mal zu Wort – auch wenn ich vermute, dass Dir das alles bekannt ist. Die Geschichte hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Der TV-Beitrag über den Trauermarsch nach den Ereignissen von Charlie Hebdo in Paris wurde aus zwei Szenen produziert. In der 1.Szene wurden die Menschenmassen, die den Zug bildeten, von allen Seiten und von schräg oben gefilmt, die 2. nur waagerecht von vorne aufgezeichnete Szene, in der wir die Politiker mit der ihnen folgenden Entourage sehen und einigen Angehörigen kondolierten, ist Stunden vorher aus Gründen der Sicherheit in einer Nebenstraße produziert worden. Beide Sequenzen wurden also mit zwei eigenständigen Szenen mit jeweils einem eigenen Kontext zu einem neuen Film zu einer neuen Wirklichkeit zusammengefügt und in den visuellen Medien gesendet – die Politiker stehen an der Spitze und führen scheinbar den Zug an und tun so als ob. Können wir jetzt auf inhaltlicher Ebene noch von einem wahren oder falschen Trauerzug sprechen? Für die Medien ist das Neue nur die Fortsetzung bereits produzierter und gesendeter Beiträge. Im Fernsehen wird für jeden Bericht eine eigene Szene – eine „obscéne“ = ohne Szene=ohne Bedeutung (Baudrillard) – entworfen. Sie zwingen alles Neue in vorgefertigte Schemen, Handlungsstränge und Konflikte ein. Die Nachrichten werden nicht nur verbreitet sondern auch kategorisiert und kontrolliert. Nachrichten beziehen sich nur noch auf vorangehende Nachrichten und bilden eine Hyperrealität zu einer neuen Realität in Form einer Pyramide aus. Der Fernsehbeitrag war nicht nur „obscéne“ sondern auch „obszön“ = anstößig, weil ich denke, dass die Trauer eine höchst individuelle und private Angelegenheit und kein Event einer öffentlichen Demonstration ist.
„Der Trauermarsch hat nicht stattgefunden – er war eine Simulation.“ Ostfriese
Nach dem Flugzeugabsturz in den Alpen wollten einige Leute in einer westfälischen Stadt, deren Namen ich leider vergessen habe, außerhalb von Haltern einen Trauermarsch organisieren und durchführen. Die Angehörigen der Opfer haben menschliche Größe und Charakter gezeigt – sie haben den Veranstaltern die Kundgebung verboten!
Gruß Ostfriese