Einladung zur ideengeschichtlichen Perspektive
Lieber azur,
vorweg: ich schätze Deine juristische Expertise, die Du uns hier immer wieder schenkst sehr. Aber mein Eindruck ist hier, dass Du fixiert zu sein scheinst auf die aktuellen Regelungen heute und weder historisch noch kulturvergleichend an die Fragestellungen herangehst und Dich dadurch der Chance auf eine - für mich ein weiteres Verständnis versprechende - ideengeschichtliche Einordnung beraubst.
Wie kam 'man' denn auf die Ideen bestimmte Entscheidungen zu Regelungen so oder so zu treffen? Klar kann man Regelungen - vor allem natürlich immer die heutigen!!! - als "selbstevident" bezeichnen ("We hold these truths to be self-evident."). Das können die Glaubenssysteme alle... das ist nix Neues.
Damit macht man es sich mEn zu einfach.
Denn kaum etwas ist weniger self-evident, wenn man sich dieses Erdenrund anschaut, als dass in allen Gesellschaften es selbstverständlich wäre, dass alle "gleich" an Rechten geboren wären...
erstens ist das schon im Wesentlichen so geregelt, wie Du es verlangst,
Ja, in den westlichen Wohlfahrtsstaaten (oder das was davon übrig ist).
Aber ist das - historisch - nicht eher die Ausnahme? Wenn das alles so selbstverständlich und sonnenklar ist: müsste das nicht eher die Regel, denn die Ausnahme sein?
und zum Zweiten sollte keiner das "Eigentum" am eigenen Körper fordern,
wie Du es hier machst.
Ich verstehe wie Du das meinst.
Kannst Du mit dem was ich geschrieben habe aus historischer Perspektive etwas anfangen? Ideengeschichtlich?
Gab es schon mal ein Gesellschafts-Setup in welchem Eigentum an Menschen nicht nur gehalten, sondern auch rechtmäßig verloren werden konnte?
Wie wurde dieses Gesellschafts-Setup verändert, so dass das rechtmäßige Verlieren des Eigentums am eigenen Körper nicht mehr möglich war?
Natürlich kann man dieses nicht-verlierbare Eigentum dann anders nennen, wenn man es für systemkonform erklärt, dass ein Recht nur dann "Eigentum" benannt werden darf, wenn es bewertbar und verlierbar ist.
Klar: das Wahlrecht ist auch kein Eigentum.
Es wird hier mit öffentlichem Recht und Privatrecht operiert, aber der
Unterschied scheint leider überhaupt nicht klar.Wir hatten es ja schon mehrfach: Die klassische Unterscheidung ist die
zwischen:einseits: Dem vertikalen Über-Unterordnungverhältnis im Öffentlichen
Recht, Staat <-> Bürger bzw. andere Rechtsadressaten, wie auch t. w.
Ausländer und juristische Personen
sehe ich genau so.
und anderseits: Dem horzontalem Recht zwischen mehr oder weniger Gleichen
im Zivil- bzw. Privatrecht.
Dito.
Der von Dir erwähnte Schutz des Körpers bzw. der Person (körperliche
Unversehrtheit, Handlungsfreiheit) besorgt im wesentlichen das öffentliche
Recht, durch das GG und das Strafrecht.
Genau.
Daneben sind bestimmte Geschäfte und Rechtspostionen für das Zivilrecht
ausgeschlossen.
Ja, das "reine" Zivilrecht (die "reine" Vertragsfreiheit) ist mannigfaltig eingeschränkt, wie z.B. durch das Arbeitsrecht, Familienrecht, ...
Wir hatten es schon mehrfach: Es gibt in modernen Rechtsordnungen kein
Eigentum an Menschen (wie etwa an Sklaven oder Leibeigenen). Es hat auch
keiner "Eigentum" an seinem Körper, denn das schlicht systemwidrig
(Fachbegriff, wenn etwas "überhaupt nicht passt") und vor allem
unnotwendig. Ebenso auch keinen Besitz dessen.
Das (Nichtverlierbarkeit des Rechts auf den eigenen Körper) kann man so regeln, klar. Und es ist heute hier so geregelt, gut.
Aber ist Dir die Idee warum ich das so beschrieben habe wirklich völlig entgangen?
Der Versuch war eine bestimmte Idee, ein Prinzip zu beschreiben.
Sagen Dir die Solon'schen Reformen etwas?
Eigentum gibt es ausschließlich an Sachen, nicht an Menschen.
Besitz gibt es ausschließlich von Sachen, nicht von Menschen.
Ja.
Heute.
In unserem Gesellschafts-Setup.
Völliger Konsens.
Früher?
Weltweit?
Welche Tendenzen kannst Du erkennen?
Oder schaust Du prinzipiell einfach nur und ausschließlich das an was heute im Hier und Jetzt "gilt" und setzt dann einfach genau das jeweilige einfach immer durch, weil es ja gilt?
Viele freundliche Grüße
azur
Beste Grüße
--
BillHicks
..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.