Einigung statt lästige Details
Guten Tag,
Der einzige Unterschied zwischen Staat und der "geistigen Macht" Kirche
ist derjenige, dass der Staat in eigenem Namen und aufgrund eigenener
Machtvollkommenheit mordet, die Kirche im Namen Gottes und am liebsten
andere Mächte dafür einspannt. Und du willst uns weißmachen, das wäre
ausgerechnet Nietzsche nicht bewusst gewesen???
Ich würde behaupten, dass Nietzsche die Unterschiede schon etwas tiefgründiger reflektiert hat, als du es hier in deinem "Einzigen Unterschied Statement" darstellst und dass Nietzsches Verhältnis zum Christentum nicht auf den plumpen Nenner zu bringen ist, der in Online-Foren gerne mal eben aus dem Ärmel geschüttelt wird. Nietzsche sah sich z.B. in dem Spannungsfeld des Christentums als Anspruch und wie es sich in der Wirklichkeit darstellt, und er konnte diesem Spannungsfeld offenbar durchaus etwas positives abgewinnen:
„… der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden – denn Christenthum ist Platonismus für's »Volk« – hat in Europa eine prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen.“
Dieses fernste Ziel war dem Nietzsche dann vermutlich der Übermensch, den uns sein Zarathustra anzudrehen gedachte. Dieser Übermensch sollte das Christentum nicht einfach verwerfen, sondern darüber hinausgehen. Wenn ich mir die Breite der Schneise der Verwüstung ansehe, ist uns dieses "darüber hinausgehen" mittlerweile auch ganz gut gelungen.
Wie dem auch sei: In dem Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit stand nicht nur Nietzsche. Wir stehen höchst selbst, vielleicht mehr den je in diesem Spannungsfeld, nicht wahr? Viele bekommen davon natürlich nichts mit, da die Bemühungen um Aufklärung meist Dinge betreffen, die sich vor fremder Leute Haustüren abspielen oder es sich um wissenschaftlichen Firlefanz dreht, der für die großen Fragen vollkommen irrelevant ist.
Damit wir uns aber nicht mit lästigen Details über Nietzsche und der Geschichte von Kirche und Staat rumschlagen müssen, können wir uns ja nach dem Duktus von Zara wie folgt einigen: Die Geschichte der Zivilisation ist ausschließlich eine blutrünstige Schneise der Verwüstung und die Wellen der (unreflektierten?) Entrüstung schlagen naturgemäß an den Abschnitten der Schneise am höchsten, an denen ein persönliches Eingebunden sein ausgeschlossen werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
Schneider