Herzlichen Dank, sehr interessant!
Deine grundsätzlichen Ausführungen teile ich uneingeschränkt! Bin ja selbst lange genug in der Branche, um da nichts entgegnen zu wollen. Ich hatte nur den Eindruck, dass die Kritik in eine Richtung geht, die ich in D leider auch oft sehe, bei aller Kritik an "der Finanzindustrie", nämlich dass die alle immer nur böse sind und der arme Anleger doch eine Art Grundrecht auf eine risikolose Superrendite, natürlich alles umsonst, hätte (gerne von mehr oder weniger steuerfinanzierten "Experten" kolportiert).
Ich verfolge zwei Strategien:
1. Adjustierte Risk-Parity Strategie
Hier verteile ich seit mittlerweile 20 Jahren mein Vermögen auf vier
Risikosäulen: Aktien, Renten, Commodities und Cash.
Die Allokation wird nicht geviertelt (je 25 %), sondern nach
Risikofaktoren (Volatiltät) verteilt. Somit erhalten naturgemäß Renten
und Cash eine höhere Dotation und Aktien und Commodities eine niedrigere
Dotation. Einmal im Jahr gibt es ein Rebalancing. Diese Strategie ist
natürlich nicht risikofrei. Ich konnte aber mit den Drawdowns (-20 % max.)
gut leben. Ich will das aber nicht ausschließlich meiner systematischen
Leistung zuschreiben, sondern unbedingt auch dem Zeitpunkt, zu dem ich
begonnen habe. Das Portfolio ist global. Wobei das am Anfang etwas schwer
umzusetzen war und ich über Futures und US-Fonds arbeiten musste. Seit
7-10 Jahren ist es wesentlich leichter, weil sich der ETF-Markt immer
besser etabliert. Meine Rendite ist plus 2,8% über dem Markt.
Hast Du diese Strategie echt schon vor 20 Jahren "Risk Parity" genannt? Dann warst Du ja echt ein Pionier.
Was ist denn in dem Fall "der Markt", über dem Du da liegst?
2. Basket von Alternativen Investments
Hier habe ich mir ein Portfolio von Vermögensverwaltern zusammengestellt,
die ausschließlich nach folgenden Kriterien arbeiten:
Streng systematisch, Manager trifft keine eigenen Entscheidungen, sondern
setzt Signale eines Systems, das er selbst entwickelt hat um, Manager ist
mit seinem eigenen Vermögen investiert, im Unternehmen sind deutlich mehr
Menschen mit dem Financial Engineering, Risk Management und Data Mining
beschäftigt als Verkäufer (ideales Verhältnis 10:90). Derzeitiger Fokus:
Long-Short-Equity, Managed Futures (Trendfolger), Global Macro und
Volatility. Auch hier war der Anfang schwer, weil ich anfangs nicht über
genügend Mittel verfügte. Die Anbieter sind schwer zu finden (machen ja
keine Werbung) und haben hohe Auflagen, wenn man investieren will. Es war
aber etwas einfacher für mich, weil ich damals in den USA lebte. Der max.
Wertverlust dieses Portfolios beträgt weniger als 10 % (auch in 2008/2009
oder 2000/2003). Die Durchschnittsrendite seit Ende der 90er 7,32 %p.a.
netto. Auch hier hatte ich wahrscheinlich Glück mit dem Startzeitpunkt,
weil die Trendfolger super performnten. Hätte ich mit ihnen in 2008
gestartet, sähe es etwas anders aus. Doch auf lange Sicht bin ich sehr
zuversichtlich. Da spielt der Startzeitpunkt nur noch eine untergeordnete
Rolle (wie bei Nicholas).
Auch hier: Hut ab. Darf ich fragen, wieviele Fonds Du da gefunden hast und ob es alles UCITS-Fonds sind? Speziell bei Managed Futures werden wir ja leider vom EU Recht vor reinrassigen Vehikeln "geschützt" und dürfen stattdessen in Zertifikate- und CFD-Replizierer investieren (offenbar, weil das Counterparty Risiko für geringer gehalten wird, als dass mal ein Warenterminkontrakt physisch erfüllt wird...).
Bis auf die Beimischung von fundamental entscheidenden Vermögensverwaltern habe ich da eine ähnliche Herangehensweise, nur eben auf UCITS beschränkt und das ist echt nicht einfach.
Mein Aufwand hält sich mittlerweile in Grenzen, weil die Märkte
(Produkte) liquider und kostengünstiger geworden sind. Ich fasse beide
Portfolios meist nur einmal im Jahr an. In letzter Zeit bin ich dabei
Strategie Nr.2 weiter auszubauen. Das geschieht aus zwei Gründen: Sie
läuft ruhiger und ich muss kaum etwas machen. Hauptsächlich mache ich mir
aber Sorgen um die erste Strategie. Sie hat natürlich hervorragend
funktioniert, weil wir seit Jahrzehnten in einem Bond-Bull-Markt sind. Bei
Nullrenditen werden die Gefahren für Rückschlage immer größer. Also
muss ich umdenken, nachdenken und umstrukturieren……
Ja, das beschäftigt gerade alle Risk Parity Manager. Der Commodity Bullenmarkt war retrospektiv ja auch recht hilfreich und der fällt jetzt auch weg.
--
“We are on strike against the dogma that the pursuit of one’s happiness is evil. We are on strike against the doctrine that life is guilt." John Galt
---------------------
DASH - Digital CASH