Intellektuelle Bankrotterklärungen wird es kaum geben, stattdessen schlägt die Stunde der Wendehälse

politicaleconomy, Donnerstag, 02.04.2015, 23:42 (vor 3939 Tagen) @ BillHicks3433 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 03.04.2015, 00:16

Hi,

Welcher Entscheidungsträger hat denn zuletzt ein echtes, lautes,
deutliches 'mea culpa' von sich gegeben? Der letzte an den ich mich
erinnern kann war Greenspan 2008. Das war eine öffentliche, intellektuelle
Bankrotterklärung. Aber es war ehrlich.
Die intellektuellen Bankrotterklärungen kommen derzeit immer noch fast
ausschließlich implizit.
Die neoklassisch ausgebildeten Volkswirte besetzen die Lehrstühle
weiterhin und leeren (sic) immer noch den selben Mist wie vor der Krise in
die Köpfe der Studenten.

Stadermann meint, es würden bereits Notausgänge zum rausschleichen aus dem alten Modell gebastelt, mit dem Ziel, hinterher sagen zu können, daß man es ja "eigentlich" sowieso "immer schon" gesagt habe - z.B. von Piketty:

"Im Jahr 2014 sind in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ungewöhnlich viele Bücher erschien, die eine breite Leserschar fanden. Thomas Pikettys Buch, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ([2013] 2014) gehört, wenn nach der Auflagenhöhe oder nach dem Presseecho entschieden wird, zweifellos dazu. Es wird ausnahms-los als ungewöhnlich interessanter und bedeutender, fraglos le-senswerter Beitrag zur Wirtschaftswissenschaft beschrieben. Ein-hellig begeistert war vor allem die Resonanz in den Feuilletons der „bürgerlichen“ Presse. Das ist sicher ein erstaunlicher Erfolg für einen „sozialistischen“ Ökonomen. In der Verlagsankündigung auf dem Schutzumschlag des Buches gespiegelt, liest sich das so: Springers Welt sieht in dem Buch „Ein Werk von historischer Tie-fe …“; die Süddeutsche Zeitung „Eine brillante Erzählung über Reichtum und Armut.“ Für die Frankfurter Allgemeine ist „ Thomas Piketty [ … ] der Ökonom der Stunde.“ Auch das Handelsblatt fin-det, dass, „wer immer sich ernsthaft mit der Ungleichheit beschäf-tigt“, an Piketty nicht mehr vorbeikommt.

Das, was diese Begeisterung in den Feuilletons auslöst, ist wahrscheinlich die Hoffnung, dass hier jemand am Horizont des ökonomischen Sternenhimmels aufgestiegen ist, der mit seiner Kritik nicht frontal die herrschende Lehre in Bausch und Bogen angreift. Vielmehr zeigt Piketty seinen Lesern einen von Vielen bereits gesuchten Notausgang aus dem erschöpften neoklassischen „Paradigma“. Es gibt ein immer deutlicher werdendes Versagen der an den Hochschulen vorherrschend gelehrten Wirtschaftswis-senschaft. Dies vor allem im Fall ihrer Anwendung auf die an sie in der erlebbaren Wirtschaftswirklichkeit gestellten Aufgaben. Nur noch in den Journalen der Schulökonomik, in denen Referees si-chern, dass „the State of the Art“. und zwar ohne zu viel Überra-schungen reproduziert wird, sind die Veröffentlichungen noch nicht vom Zweifel angesteckt. Gleiches gilt für die alltäglichen Produkte der Redakteure für Wirtschaft und Finanzen der Tages-zeitungen. Bevor Journalisten hier Entscheidungen über Inhalte von Nachrichten und Kommentaren treffen, haben sie das Alter erreicht, indem sie diese nach Grundsätzen fällen, die zwei Gene-rationen von Wissenschaftlern zuvor für viel Aufregung an den Hochschulen gesorgt haben. Ihre ihnen hierin ähnlichen Leser danken es ihnen.

(...)

Über diesen Notausgang Paradigmenwechsel kann, jedem, der es will, der Übergang in ein „neues“ Paradigma gelingen, ohne zugleich das Eingeständnis des generellen persönlichen Scheiterns zu erzwingen. Niemand lässt sich nach einer vieljährigen Laufbahn gerne bescheinigen, dass er sich auf einem Holzweg geplagt hat.

(...)

In der Tat erinnert sein Vorgehen stark an das, das Keynes an-gewendet hat, um aller Welt sein Projekt, den Zusammenhang von Geld, Zins und Beschäftigung in einer allgemeinen Theorie vorzu-stellen. (Keynes, [1936] 1973) Marshall und Pigou werden nicht demoliert, sondern freundlich in den Ruhestand geschickt. Das hieß: Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wer den Zeitgeist richtig erfasste, hörte vorübergehend auf zu schreiben, las Keynes, kehrte dann als Keynesianer wieder in die Journale zurück und tat so, als wäre er nie etwas anderes gewesen." (Quellenlink unten)

Opportunismus war wohl schon immer die beste Strategie, im "System Staat" (oder auch in einem "System Großunternehmen") nach oben voranzukommen. Es gibt sogar Leute, die es permanent in "kleinen Systemen" praktizieren.

Nun, es gibt die Leader - und viele, viele Follower. Die Notausgänge dürften bald verbreitert werden.

Bißchen weiter im Text von Stadermann:

"In den 60ern legt Milton Friedmans Chicagoer Schule die theo-retischen Grundlagen zur erneuten Wende. Dreißig bis vierzig Jahre Sozialstaatspolitik hatten bis dahin insbesondere bei den Verdiensteinkommen Veränderungen in der Verteilung bewirkt, die als endgültige Überwindung des Rentnerkapitalismus vermutet wurden. Die wichtigsten dieser Positionen sind aber durch „Re-formen“ innerhalb weniger Jahre rückgängig gemacht und die Weichen sind wieder in Richtung beschleunigt steigender Ein-kommens- und Vermögensungleichheit gestellt worden.

Diesmal ist es tatsächlich ein weltweiter Vorgang. Dass es so ist, hat einen nicht schwer zu entdeckenden Grund. Es ist der in New York konzentrierten Hochfinanz gelungen, über das Federal Reserve System, die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf der ganzen Erdkugel Verhältnisse zu schaffen, die mit denen in den Ver-einigten Staaten von Amerika vergleichbar sind. Es gibt „freien“ Wettbewerb zwischen den Banken in New York und denen in Athen. Die Zentralbanken sind überall unabhängig von dem Wollen der demokratischen Parlamente und finanzieren öffentliche Haushalte nicht durch Direktkredit. Regierungen zeichnen sich durch gute Regierungstätigkeit aus. Joseph Vogl zeigt in seinem gerade erschienen Buch (Vogl, 2015 S. 143 ff.), dass dies gerade die Institutionen sind, die insbesondere das Finanzsystem in die Position einer Vierten Gewalt bringen, die ihr eine in der Schulökonomie unbekannte Souveränität in Wirtschaft und Gesellschaft verschafft.

Wie energisch auch immer von allen Staaten rund um den Erdball gefordert wird, ihre Institutionen dem freien Spiel des Wettbewerbs zu unterwerfen, so deutlich erweisen sich die supranationalen Institutionen wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, sowie zahlreiche Entwicklungsbanken gerade als Instrumente die das US Zentralbank System und die New Yorker Hochfinanz vor jedem Wettbewerb schützen. (Stadermann, 2014 S. 138 ff.) Die New Yorker Banken können daher hauptsächlich über ihr Zentralbanksystem und den IWF in den Finanzsektor eines jeden Landes ein-greifen, ohne landesspeifische Kenntnisse erwerben zu müssen." (H.J. Stadermann: Alles Piketty oder was?)

Da merkt einer was.

http://www.metropolis-verlag.de/Der-stabile-Euro-und-seine-Feinde/1073/book.do


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