George Friedmans "Cordon Sanitaire" zur Verhinderung einer Allianz D-RU
Friedman sagt in seinem Vortrag, die Strategie der USA habe seit über 100 Jahren darin bestanden, eine Allianz zwischen D und RU zu verhindern, und auch jetzt wieder bestünde das Ziel in einem "cordon sanitaire", einer Pufferzone amerikafreundlicher Staaten im "Intermarium", zwischen Ostsee und schwarzem Meer: Baltikum, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien ("This is the solution for the United States").
Die ehemals österreichisch-ungarische Westukraine (Czernowitz, Lemberg) befindet sich ebenfalls in diesem "cordon sanitaire".
Ein kurzer Blick auf wikipedia zeigt, daß dieser cordon sanitaire tatsächlich bereits nach dem 1. Weltkrieg durch die Siegermächte von Versailles aufgebaut wurde:
http://de.wikipedia.org/wiki/Cordon_sanitaire#Pufferzone_in_Osteuropa_von_1919.E2.80.93...
Friedman empfiehlt den USA, Eurasien zu teilen, die Teile mit Waffen, Beratung usw. zu "versorgen" und aufeinander zu hetzen, um so Eurasien möglichst ohne militärische Intervention zu beherrschen.
Als Vorbild nennt er das Vorgehen des British Empire (der den USA vorhergehenden Weltmacht) in Indien oder des antiken römischen Imperiums (einem weiteren Vorbild der USA).
Giacomo Preparata gibt in einem 2012 in der Asia Times erschienenen Interview mit Lars Schall dazu einen weiteren Hinweis (Quellenlink am Ende des Texts)
L.S.: Jemand, den Sie sehr mögen – und ich denke aus sehr guten Gründen – ist Thorstein Veblen. Sie schreiben, dass er uns in seiner Rezension zu Keynes‘ Buch “The Economic Consequences of the Peace†den Schlüssel gab, um zu verstehen, was danach in Deutschland geschah. Könnten Sie das bitte etwas weiter ausführen?
G.P.: Thorstein Veblen ist der größte Sozialwissenschaftler der Moderne – der einzige Ökonom, den sich Einstein zu lesen die Mühe machte. Angesichts der spirituellen Temperatur unserer Zeit ist es nur logisch, dass Veblen von gegenwärtigen Akademikern vollständig ignoriert wird. Meine älteren Professoren in den USA, die nie etwas von ihm gelesen hatten, erkannten ihn immerhin gewohnheitsmäßig als einen “Klassiker†an (die jüngeren akademischen Generationen haben noch nicht einmal seinen Namen gehört), und von Zeit zu Zeit holten sie routinemäßig ein Zitat über den “Geltungskonsum“ (“conspicious consumption“) von ihm hervor, ohne wirklich zu wissen, was hinter diesen zwei Worten steht.
In seiner Besprechung von Keynes‘ Post-Versailles-Buch sah er den Aufstieg eines radikalisierten deutschen Regimes voraus, allerdings nicht als unbeabsichtigte und bedauerliche Reaktion auf unbewusst halsabschneiderische Reparationen, wofür Keynes gefeiert wurde, dass er darüber in seinem Buch schrieb, obwohl das nicht einmal das war, woran er wirklich dachte (um der Sensation wegen beschwor Keynes kurzzeitig eine anti-westliche Allianz der verärgerten deutschen Generäle der Vergangenheit und der Bolschewiken herauf – ich werde später noch zu diesem entscheidenden Punkt zurückkehren, wenn es um den Vertrag von Rapallo geht).
Veblen argumentierte, dass das Reifen eines neuen militarisierten Regimes die genaue Absicht der Versailler Planer war, da ihr gemeinsamer Plot vorsah, diese wiedererstarkte deutsche Dynastie gegen die Bolschewiken zu lenken, für die Veblen, wie viele seiner radikalen Zeitgenossen auch, eine romantische Begeisterung hegte. Er irrte sich hierbei: das wahre Ziel des Komplotts war Deutschland selbst, nicht die UdSSR, die in der Tat ein zentraler Komplize in diesem ausgeklügelten Spiel war. Aber er entschlüsselte die grundlegende Dynamik der Täuschung von Versailles: er sah die Invasion Russlands durch das Monstrum voraus, das diese krampfartige Militarisierung erschaffen sollte, und zwar 20 Jahre, bevor es geschah (und er skizzierte obendrein im Jahr 1915 ein Porträt des Führers dieser Bewegung, eine beängstigende Vision von Hitler selbst).
Als ich diese Besprechung zum ersten Mal las, wurde mir schwindelig. Wie konnte es sein, dass niemand vor mir erkannt hatte, wie unglaublich wichtig diese Buchbesprechung war? Und dabei war alles, das Veblen tat, einen einfachen, wirtschaftlichen Hinweis als Hebel zu verwenden: die ausgebliebene Beschlagnahmung der finanziellen Reichtümer der abwesenden deutschen Eliten durch die Alliierten. Genial. (Quelle)
Sehr bedenkenswerte Gedanken.
Was könnte all das heißen?
Heißt das, daß die Zukunft Europas - mal wieder - maßgeblich von Entscheidungen abhängt, die in Deutschland getroffen werden, wie Friedman suggeriert? Sodaß man am Ende wieder einen "Alleinschuldigen" präsentieren kann, wie bereits 2x zuvor?
Oder eher - wie Albrecht Müller vermutet - daß D dabei eher eine Schachfigur in einem abgekarteten Spiel ist, bei dem Europa mit seiner Hilfe geteilt und beherrscht werden soll (ein Breakup der Eurozone wäre dabei den USA sehr hilfreich)?
Gibt es Hinweise auf die Einbindung deutscher europakritischer Strömungen in US-Netzwerke - und natürlich auch in russische Netzwerke, die ebenfalls kein Interesse an einem unabhängigen, starken Westeuropa haben können?
Ist eine eurasische Union mit einem starken, eigenständigen Westeuropa, eine sinnvolle Strategie gegen die wankende US-Hegemonie, wie ich hier formuliert hatte?
Denn die Situation im Vergleich zu 1919 hat sich verändert. Damals war in RU gerade die Oktoberrevolution über die Bühne gegangen, und der Systemkonflikt Kapitalismus vs. Kommunismus hatte begonnen. Heute hat sich RU auf einen liberalen Weg gemacht - zunächst unter Zwang, dann - mit einem mit Putin wiedererstarkten Staat, der die soziale Situation der meisten Russen, die nach 1990 ins Katstrophale abgeglitten war, wieder etwas stabilisiert hat, aber generell - wie ich glaube - ein liberaler Kurs ist.
Ist dies wirklich ein liberaler Weg? Inwiefern hat sich die Situation seit 1919 substanziell verändert? Wie sieht das Verhältnis Deutschland-Rußland heute wirklich aus? Wie das Verhältnis Deutschland-USA?
Wie seht IHR das?