Absichtliche und unerwünschte Fassaden- und Mauerbegrünung, Efeu, Wein und andere Rankpflanzen und Bauschäden als deren Folge

Literaturhinweis, Sonntag, 11.12.2016, 05:01 (vor 3378 Tagen) @ zip4765 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 11.12.2016, 14:47

Das Zeug wächst einfach atemberaubend schnell und verwurzelt sich in kleinsten Haarrissen der Mauer, sprengt sie dann nach und nach auf.
Bonusfrage: Wie kann ich danach die Mauer mit etwas begrünen, was der Mauer nicht schadet?

Interessant, was bei einem harmlosen Heimwerker-Beitrag so alles an Bauherren-Traumen hochgespült wird, diesmal bei Fassade und Verputz. Das Problem der Rankpflanzen und -tiere geht ja bekanntlich schon auf Adam und Efeu zurück und manchem wird es zum Baum der Erkenntnis.

In der Tat sind Fassadenbegrünungen eine zweischneidige Sache:

A) Nicht jeder Untergrund, also Bauwerks-Außenhaut, ist gleichermaßen oder überhaupt für eine Begrünung geeignet und sind häufiges Thema in Bauschadensprozessen. Genauso, wie häufig die Abdichtungen und Verputze unterhalb der Erdgleiche nicht wurzelfest ausgeführt sind, so sind es Fassaden und Mauerputze, die nachträglich -freiwillig oder unfreiwillig- 'begrünt' werden, oft auch nicht, wenn sie nicht vorher dafür konzipiert wurden.

So daß man als Grundregel aufstellen kann: Fassaden- bzw. Mauerwerksbegrünung muß vorher fachmännisch geplant und die Oberflächen müssen entsprechend ausgeführt und ausgerüstet sein. Daß es bei beliebigem Mauerwerk, bei jeder Außenhaut eines Bauwerks problemlos bei einer einfachen 'Norm-Außenhaut' geht, darf man nicht ungeprüft voraussetzen.

B) Auch wenn jeder Architekt/Bauingenieur, Maurer oder Verputzer meint, sich an baufachliche Normen 'zu halten' bzw. entsprechend auszuschreiben, sei ausreichend, um die Dauerhaftigkeit z.B. eines Verputzes zu 'garantieren', so ist dem nicht so, sonst gäbe es jedenfalls nicht milliardenschwere Bauschäden und Schadensfolgen jedes Jahr allein in der Bundesrepublik. Das Zusammenspiel von Mauerwerk, Fugen und evtl. Putzschichten ist vielmehr ein komplexes Wirkungsgefüge vieler bauphysikalischer und bauchemischer Faktoren.

C) So gilt z.B. schon mal als Grundregel bei einem mehrschaligen Außenhaut-Aufbau, daß die Festigkeit 'von innen nach außen' abnehmen muß (ein einschaliger Aufbau ist z.B. eine Sichtbetonmauer, die auch innen 'tapezierfähig glatt' ausgeführt wird und damit unkritisch).

Nehmen wir an, den Kern des ganzen bildet ein Ziegel- oder Gasbetonmauerwerk. Dann muß die darauf, innen wie außen, folgende Verputzschicht 'weicher' sein, als dieser Untergrund. Bei zweischaligem Verputz (so z.B. in der Grundmauerabdichtung vorgeschrieben, aber fast immer aus Unkenntnis einschalig ausgeführt) muß dann die nächste, die 'oberste' / 'äußere' Verputzschicht ebenfals 'weicher' und spannungsärmer sein, als die unmittelbar darunterliegende. Ist das nicht der Fall, so liegt sie bald 'hohl', d.h. nach einiger Zeit kann man mit dem Fingerknöchel 'anklopfen' und hört deutlich, daß der Verputz sich plackenweise vom Untergrund gelöst hat. In Abwandlung des bekannten Sinnspruches 'Glücklich ist, wem er noch nicht auf den Kopf gefallen ist' (aus zehn Metern Höhe z.B.) - meist beschränken sich solche Putze auf's 'Bröseln'.

Auch die als letzter 'Schliff' aufgebrachte Außenfarbe kann ihrerseits 'zäher' sein, als die Putzschicht darunter - und schon wieder ist der Ärger mittelfristig vorprogrammiert, noch dazu, wenn sie dampfundurchlässiger ist, als die Schichten darunter.

Dies erklärt dann schon mal, warum sich Efeu quadratmetergroß zwischen Mauerwerk und Putz einwurzeln kann. Der Putz war bereits vorher nicht mehr wirklich zugfest mit dem Mauerwerk verankert.

D) Als nächstes spielt die Kapillarität des Mauerwerks und Verputzes eine Rolle. Meist werden Beton und zement- und kalkgebundene Putze mit einem zu hohen Wasseranteil angemischt. Die Folge ist, daß das Überschußwasser, das nicht zum Abbinden des Zements bzw. Kalks benötigt wird, an der Stelle nicht gebraucht und nicht gebunden wird, mit der Folge, daß an dieser Stelle später Kapillaren und Poren verbleiben.

Diese beeinträchtigen nicht nur rein physikalisch die Festigkeit, sie erlauben auch Schadstoffen und Mikroorganismen einzuwandern und führen langfristig zu Schäden auf Mikrostrukturebene. In jeder Industriestadt kann man die Schäden an Betonflächen mit freiliegender verrosteter Stahlbewehrung und plackenweise 'absandende' Putze an Fassaden beobachten. Und im ländlichen Umfeld sieht man stattdessen vermehrt Moose und Flechten. Bei einem Putz oder Dachziegel mit niedrigem Porenvolumen wären diese 'Begrünungen' reine Oberflächenphänomene, bei der genannten Überschuß-Kapillarität jedoch sind sie ideale Nischen und z.T. Nährböden für ganze Symbiosen von Mikro- und Makro-Organismen inkl. stickstofffixierenden Bodenlebenwesen, so daß an diesen Stellen auch aus scheinbar 'nichts' irgendwann dauerhafte Nährböden entstehen. Ähnliches gilt auch, wenn auch auf etwas anderer Grundlage, für vermoosende und nässende Kunststoff-Fassaden, etwa bei Wärmedämm-Verbundsystemen.

Die anorganischen Schadstoffe, die zu Schäden führen, sind u.a. Schwefeldioxid und daraus gebildete schweflige Säure (Kohleverbrennung, Heizöl, das zudem früher noch wesentlich schwefelhaltiger war) sowie Stickoxide. Weiterhin wandern über ungenügend abgedichtetes bodenberührendes Mauerwerk hygroskopische Salze und Sulfate ein (auch Gips ist ein Sulfat und kommt in den meisten Böden vor). Die hygroskopischen Salze können lokal -gerade bei wohlmeinender Trocknung- Drücke von mehreren tausend Bar und eine entsprechende Sprengwirkung bewirken. Die Sulfate führen bei trikalziumaluminathaltigem Beton zur Bildung von Ettringit mit dem achtfachen Raumanspruch des Ausgangsminerals und damit zur Absprengung von Betonplacken über der Bewehrung, die daraufhin zu rosten beginnt. Rost seinerseits hat aber auch einen höheren Raumanspruch als der korrodierende Stahl und führt damit zu weiterer Ablösung des umgebenden Betons vom Bewehrungsstahl, der Prozeß setzt sich nach innen fort usw., wenn nicht fachgerecht saniert wird.

Diese leider etwas ausführlich geratene Vorrede erscheint mir nötig, um die Frage, warum Efeu, Knöterich und Co. zu Verputz- und Mauerwerksschäden führen können, zu beleuchten. Salopp gesagt: ein Mauerwerk und Verputz bzw. ein System aus beiden, das fachgerecht konzipiert und rezeptiert ist, hält auch Pflanzenbewuchs (dauerhaft) stand. Wenn man sich also tagein, tagaus mit Mauerwerken, Fassaden und Verputzen konfrontiert sieht, bei denen das nicht der Fall scheint, so sagt das viel über Fachkunde der üblicherweise die Lande versiegelnden Bauplaner und Bauausführenden aus, besser, als es jede Examensnote könnte.

Dabei kann der Fehler an drei Stellen liegen:

1) Der Bauplaner (Architekt/Bauingenieur) konzipiert unzureichend und der Ausführende legt kein Monitum ein, sondern führt es sklavisch aus.

2) Der Bauplaner (Architekt/Bauingenieur) konzipiert korrekt, aber die Ausführenden konterkarieren diese Vorleistungen durch unzureichende Ausführung.

3) Und natürlich nützt es nichts, wenn es im zweiten Falle an einer täglichen und effektiven Baustellenaufsicht fehlt. Es nützt nichts, wenn Gewerke immer erst hinterher 'abgenommen' werden.

- D.h. es ist grob fahrlässig, wenn der planende Architekt/Ingenieur immer erst auftaucht, wenn die Decke oder Wand fertig betoniert sind, statt die eingebrachte Bewehrung abzunehmen, bevor der erste Spritzer Beton durch die Pumpe läuft.

- Es ist grob fahrlässig, wenn der Planer nicht den Untergrund prüft, bevor die erste Schicht Verputz aufgetragen wird, und dann diese nicht prüft, bevor die zweite aufgetragen wird usw.

- Dasselbe gilt bei der Grundmauerabdichtung und bei der Güte-Überwachung des eingebrachten Betons. Hier sind z.B. stets Rückstellproben zu nehmen usw. Noch weiter ins Detail zu gehen, würde zu weit führen, aber jedenfalls sollte klar geworden sein, daß ein Verputz oder Mauerwerk Jahrzehnte bis Jahrhunderte halten sollte und nicht nur, bis grade mal die kurze Gewährleistung nach VOB abgelaufen ist. Beton kann, richtig rezeptiert, Jahrtausende überdauern, das römische Caementum ist heute noch an Viadukten zu besichtigen, die deutlich standfester sind, als manche Stahlbetonbrücken der sechziger Jahre. Man muß sich nur vor Augen führen, daß der Klinker, aus dem der Portlandzement, der Trass, aus dem der Trasszement ermahlen und gebrannt werden, Jahrtausende bis Jahrmillionen in ihren Lagerstätten überdauert haben, sonst könnten wir ihn ja nicht heutzutage in Steinbrüchen gewinnen! Der römische Puzzolanmörtel ist heute noch an manchen Denkmälern zu besichtigen und daß man nicht mehr alle römischen Bauwerke intakt findet, hat wenig damit zu tun, daß sie über Jahrtausende verfallen wären, wie heute bereits wieder der BER-Pannenflughafen vor Inbetriebnahme, sondern weil sich umliegende Bauern dort wie in einem Steinbruch bedient haben, genauso wie bei mancher mittelalterlichen Burg. Das Colosseum steht ja heute noch, und das sogar, obwohl die witterungsschützenden Mauerwerks-Überdachungen in der Zwischenzeit zu Bruch gegangen sind; die neuzeitliche Industriehalle, deren Dach eingestürzt ist und die nach Jahrzehnten noch so dasteht, wie das Colosseum nach Jahrtausenden, möchte ich sehen!

E) Wie sollte denn nun der Schichtaufbau beim Mauerwerk erfolgen? Ich kann hier natürlich nicht auf jede Art Mauerwerk eingehen, schon bei Ziegelmauerwerken gibt es tausende Varianten, angefangen vom Stein selbst, über den verwendeten Fugenmörtel bis hin zu den Möglichkeiten, dieselben Normsteine in unterschiedlichen Verbänden zu vermauern; diese variieren nicht nur nach statischen Notwendigkeiten, sondern sogar nach regionalen Gepflogenheiten, vgl. z.B. den Märkischen Verband u.a. - sogar die Maurerkellen unterscheiden sich regional, vgl. 'Berliner Kelle'.

Wegen des Beispiels mit dem hinter dem abgelösten Verputz wurzelnden Efeu gehe ich daher beispielhaft nur auf ein typisches Ziegelmauerwerk ein, aber im wesentlichen gilt das gesagte auch für Mauerwerk aus Gasbeton oder Kalksandstein etc.

Eigentlich, und fast nie zu sehen, sollte das Mauerwerk, das für den normalen Mörtel-Putz viel zu saugfähig ist (!), erstmal mit einem Zement-Vorspritz vesehen ('grundiert') werden, dieser muß aus scharfkantigem, gewaschenem (Quarz-) Sand und Zement bestehen (gibt es auch als Fertigmörtel - ohne Gewähr).

Da dieser einen hohen Zementanteil aufweist, ist er aber anfänglich nicht nur härter als die nachfolgenden Putzschichten (s.o. Schichtaufbau - das wäre ja in Ordnung), sondern auch als das übliche Ziegelmauerwerk, sofern es sich nicht um Hartbrand oder Kalksandstein handelt. Daher muß dieser Vorspritz sechs Wochen 'wittern', damit er seine Spannungen abbaut. Das sieht man an den sich bildende Krakelee-Rissen; diese sind nicht nur unschädlich, sie sind in diesem Falle sogar erwünscht. Hier fängt das Drama schon an: wer will schon sechs Wochen mit dem Baufortschritt warten? Der Gerüstbauer will sein Gerüst wiederhaben, der Fensterbauer nörgelt usw. usf. Das sind Rezepte für Bauschäden, täglich grüßt der Bau'fortschritt'. Der Vorspritz hat nun einerseits wegen der scharfkantigen Zuschlagstoffe nicht nur einen hervorragenden und chemikalienbeständigen Haftgrund gebildet, er hat auch die von Stein zu Stein und zwischen Stein und Fuge unterschiedliche Saugfähigkeit des (Ziegel-) Mauerwerks egalisiert. Da steht doch tatsächlich in den DIN-Normen was von 'gleichmäßigem Untergrund' bei Verputzarbeiten. Ja, wo ist denn ein Mauerwerk mit Fugen aus einem anderen Material als die Mauersteine "gleichmäßig", um Himmels willen??? (Quizfrage: warum sieht man an vielen älteren Häusern die Mauerfugen sich auf der Fassenfarbe dunkel abzeichnen?)

Erst nach Abwittern des Vorspritz nach ca. sechs Wochen erfolgt nun der ein- oder zweischalige Zement- oder Zement-Kalkputz, gefolgt evtl. noch von einem Anstrich mit einer Farbe, die tunlichst wasserdampfdurchlässiger ist als ... der Belag der Innenwand ...

Am längsten halten, gerade, wenn Fassadenbegrünung gewünscht ist, reine, echte Silikatfarben. Aber das wäre schon wieder ein Fachgebiet für sich; jedenfalls überdauern diese Jahrhunderte ("Heute noch existieren Originalanstriche aus dem 19. Jahrhundert. Fassaden in der Schweiz, beispielsweise das Gasthaus "Weißer Adler" in Stein am Rhein oder das Rathaus in Schwyz (1891), in Oslo (1895) oder in Traunstein (1891) sind eindrucksvolle Beweise.") und sind auch resistent gegen die o.g. genannten korrodierenden Schadgase aus der Luftverschmutzung durch Verbrennung fossiler Energieträger, vgl. Geschichte der Keim-Silikatfarben. Nicht alles, was sich Silikatfarbe 'schimpft', ist auch eine, oft ist es eine Kunststofffarbe mit Silikatanteil, diese schneiden deutlich schlechter ab.

Nun denn, was zum Wurzelwachtum in und unter dem Putz führt, ist nicht nur dessen mangelnde Haftung an sich aufgrund ungeeigneter bzw. unzureichend vorbereiteter, unegalisierter und schwach haftender Untergründe, sondern hinzu kommt noch das oben erwähnte zu hohe Kapillarvolumen selbst bei ansonsten gut rezeptierten und fachgerecht applizierten Verputzen. Deshalb sollte man dem Putz (und am besten auch schon dem Fugenmörtel beim Mauern! - wieviele Schäden durch aufsteigende Feuchte könnten so verhindert werden!) ein geeignetes Dichtmittel zusetzen. Diese wirken i.d.R. auf zweifache Weise: zum einen wird der Wasseranspruch des Zements herabgesetzt, da sie die Oberflächenspannung des Wassers herabsetzen (ähnlich wie Spülmittel), so daß eben das oben erwähnte Überschußwasser bei gleicher Mörtel- oder Betonkonsistenz geringer wird und meist enthalten sie noch Stoffe, die die dennoch verbleibenden Kapillaren auskleiden/verstopfen bzw. hydrophobieren. Spätestens dann setzt sich auch Moos oder Efeu höchstens noch oberflächlich fest, kann jedoch die Putzschicht nicht mehr durchdringen und schon gar nicht, bei sauber nach außen abnehmender Festigkeit der Putzschichten und dadurch garantierter Riß- und Spannungsfreiheit, sich etwa dahinter ausbreiten.

Was für den recht 'hartleibigen' Efeu gilt, gilt natürlich erst recht für weniger aggressive Rankgewächse. Nicht alle kommen ohne zusätzliche Rankhilfen aus - hier ist dann schon wieder Vorsicht geboten, denn wenn diese z.B. verdübelt werden, ist der Unterschied zum Putzschaden durch Efeuwurzeln auch nicht mehr so arg groß. Weiterhin sind Kletterpflanzen nicht völlig wartungsfrei - rund um Fenster- und Türöffnungen muß man sie in der Regel immer wieder zurückschneiden. Der Vorteil der Fassadenbegrünung ist andererseits ein ausgeglicheneres Gebäudeklima, insbesondere, wenn es sich um immergrüne Pflanzen handelt. Durch die Verdunstung und Verschattung wird die Fassadentemperatur im Sommer herabgesetzt und die Luftschicht hinter den Blättern wirkt wie ein Pullover wärmedämmend im Sommer wie im Winter und verbessert so tendenziell die Wärme- und Energiebilanz eines Gebäudes und senkt so Heiz- und Klimatisierungskosten. Zudem nützt sie der ökologischen Diversität, gerade in dicht bebauten Gebieten.

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