Falsche Dogmen und einfache Lösungen

re-aktionaer, Freitag, 09.12.2016, 13:34 (vor 3380 Tagen) @ Falkenauge2008 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 09.12.2016, 14:33

Da mich dieses Thema auch beschäftigt, möchte ich an dieser Stelle ein paar Gedanken äußern. Um hier Verwirrung vorzubeugen: Ich versuche bei der folgenden Analyse keine ethischen Dogmen einfließen zu lassen, auch wenn es stellenweise so wirkt. Es geht mir um Problemanalyse und Lösung.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Ökonomiereligionen unser Denken bestimmen. Dies bedeutet, dass sich unsere gesellschaftlichen Fragestellungen fast ausschließlich an ökonomischen Indikatoren orientieren. Grob gesagt können wir seit ca. 120 Jahren zwei widerstereitende Sinnstiftungsmodelle ausmachen:

Das Sozialistische und das Kapitalistische.
Interessanterweise sind beide Dogmen dysfunktional, wenn es um das Errichten einer nachhaltig stabilen Gesellschaftsordnung geht. (Man vergleiche nur mal die Zeiträume in denen Monarchien bestehen mit der Nachhaltigkeit ökonomischer Machtmodellen des 20 Jhdts.)
Sozialismus produziert IMMER erst Arbeitsplätze, dann Armut und in der Folge Repression, Kapitalismus produziert erst Waren, dann Ungleichheit, dann Repression. Diese Dysfunktionalität kommt meiner Meinung nach durch ein vollkommen abstraktes Verständnis von Mensch und Gesellschaft zustande, dessen Dogmen der gelebten Realität nicht gerecht werden.

Die falschen Dogmen, die ich sehe, sind:
Im Sozialismus das Dogma der Gleichheit aller Menschen, im Kapitalismus das Dogma des Marktes als idealer Vermittler und Befriediger aller Bedürfnisse.
Beides grundfalsch.
Ich durfte selbst erleben, wie die Marktlogik bei der Erzeugung von dringend benötigten Arzneiwaren völlig versagt - die Nachfrage ist da, nur keiner macht es, weil es sich nicht rechnet. FAIL!
Was Probleme, die der Ungleichheit der Menschen geschuldet sind, angeht, muss ich den PT-Lesern wohl keine Beispiele bringen.

Nun zu unseren Sozialsystemen/Arbeitsmarkt:
Jede Gesellschaft braucht ein Sozialsystem und es muss der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Gesellschaft entsprechen. Wir müssen die Menschen füttern und behausen - das ist lebensnotwendig für eine Gesellschaft. Tun wir es nicht und die Zahlen der Hungernden werden zu groß, dann werden die zu Raubtieren und die Gesellschaft geht kaputt.

Wir haben das Dogma des Wettbewerbs für den Arbeitsmarkt und das Dogma "Arbeit-Lohn" - aber dieses Dogma ist immer weniger haltbar und es wird unsere Gesellschaft ruinieren.
Der Grund ist ganz einfach: Angebot und Nachfrage gehen nicht mehr zusammen und werden so nicht mehr zusammen gehen. Wir haben ein Überangebot an einfachen Arbeitskräften bei gleichzeitig sinkender Nachfrage einfacher Tätigkeiten. Mit dem technischen und produktiven Fortschritten bei der Waren und Dienstleistungserzeugung wird diese Nachfrage weiterhin sinken.

Wären gering qualifizierte Arbeitskräfte einfach eine Ware, hätte man ihre Produktion schon lange eingestellt. Es sind aber Menschen. Und man kann aus diesen Menschen keine "nachgefragten" Arbeitskräfte machen, weil Menschen eben verschieden (intelligent) sind und selbst wenn dies ginge, wäre aufgrund ihrer enormen Produktivität augenblicklich wieder ein Überangebot da, das wiederum nicht vermittelbar wäre.

Es würde auch wenig Sinn machen, die Unqualifizierten einfach zu beseitigen, da sie ja nach wie vor eine wichtige Funktion in der Gesellschaft haben - sie sind Verbraucher.
Also mit der Grund, warum überhaupt Wirtschaft getrieben wird. Was wir also in Wahrheit haben, ist eine gewaltige Marktschieflage, die der Markt nicht mehr bereinigen kann. Zeitgleich tun wir aber noch immer so, als würde sich das jemals wieder einrenken. Wir beschäftigen uns mit Arbeitsmarktdaten und Qualifizierungsprogrammen für Arbeitslose, als ob dies irgendetwas an der eigentlichen Entwicklung ändern würde.

Während wir mit erheblichem Aufwand die obsoleszente Arbeitskräfte mit staatlichen Mitteln subventionieren, nutzen wir sie nicht dort, wo ebenfalls der Markt versagt.
Unsere Gesellschaft hat massive Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften - aber eben nicht innerhalb der Regeln eines freien Arbeitsmarktes.

Es gibt viele Dinge, die man machten sollte, aber nicht macht, weil der Staat angeblich kein Geld für zusätzliches Personal hat.
Aber was, wenn nicht untätiges staatliches "Personal" ist denn ein Hartzer?

Warum sitzen diese armen Teufel vor einer Playstation und bekommen einmal die Woche von einer Amtsperson demonstriert, dass sie weniger als nichts wert sind, anstatt dass sie in einem Park sitzen und schauen, dass die Anlage sauber ist und keine Vergewaltiger im Gebüsch lauern oder Drogen an Kinder verkauft werden?

Warum siechen alte Leute in ihren Wohnungen dahin und finden niemanden, der sich um sie kümmert, wenn nebenan jemand sitzt, der keine Aufgabe mehr im Leben finden kann?
Man stelle sich vor, wie sehr das Selbstwertgefühl der unvermittelbaren einerseits, deren Wertschätzung seitens der Subventionierenden andererseits steigen würde, wenn man sie mit diesen Aufgaben betrauen würde. 20 Wochenstunden und bei treuer Pflichterfüllung ein eisernes Kreuz erster zweiter und dritter Klasse - und die Leute haben wieder ein Selbstwertgefühl und sind happy.

Es geht nämlich den meisten Menschen nicht primär um das Anhäufen von Geld, sondern um sozialen Status. Es kostet keinen Cent mehr - im Gegenteil - die Sekundärkosten wie Gesundheit und Kriminalität würden signifikant sinken. Die richtig üblen Sozialschmarotzer aber, die es natürlich auch gibt, würden effektiv bekämpft bzw. einige wieder heimgehen. Obendrein - Menschen, die eine sinnvolle Tätigkeit leisten, haben auch wieder Kontakt mit der restlichen Welt und sind Bestandteil dieser. Die gesellschaftliche Kohäsion würde also wieder wachsen.

Warum wird das nicht gemacht? Wer verhindert diese naheliegenden Lösungen. Kann ja nicht sein, dass nur ich auf solche Ideen komme. Warum hat diese Gedanken noch keine Partei aufgegriffen? Sie sind leicht vermittelbar, mehrheitsfähig und vernünftig - und obendrein budgetär kostenneutral.


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