Amerikanische Verhältnisse
Und bevor wir hier US-Verhältnisse
kriegen und in der durchschnittlichen Kleinstadt zwei, drei Leute jährlich
von überreagierenden Vollpfosten ins Nirvana geblasen werden, bleib ich
lieber im Land der Prohibition, da fühle ich mich erheblich sicherer.
Hallo Naclador,
abgesehen davon, daß Dein Einwand von der nicht haltbaren "ICH wäre ja schon vertrauenswürdig, aber viele andere nicht"-Bauart ist - Du vermengst nachfolgend einfach zu viele verschiedene Teilaspekte in Deinem Posting miteinander, als daß eine sinnvolle, umfassende Antwort darauf noch möglich wäre. Deswegen beschränke ich mich in meiner Antwort auf den Aspekt der "amerikanischen Verhältnisse", die außerhalb der USA immer wieder gegen den privaten Waffenbesitz ins Feld geführt werden, ohne daß der Betreffende eigentlich genauer darüber Bescheid weiß. Nur kurz noch: Seit MINDESTENS dem frühen 19. Jahrhundert war der Waffenbesitz für den gemeinen Bürger in Deutschland ohne jegliche Einschränkungen möglich - auch und gerade im "autoritären Beamtenstaat" Preußen. Eine staatliche Waffengesetzgebung war bis 1919 vollständig unbekannt. Es ist nicht überliefert, daß Waffengewalt oder gar extensive Mordraten je ein Problem in Deutschland gewesen wären. Bis 1972 konnten Repetierbüchsen und Flinten bei Quelle und Neckermann im Versandhandel bezogen werden; der Kolonialwarenhändler in meinem kleinen Nest hatte Schrotmunition und Drillinge gleich neben dem Nudelregal feilgeboten, ohne daß die Einheimischen sich gegenseitig en masse das Lebenslicht ausgeblasen hätten. Insofern ist Dein Einwand von den immensen Gefahren, die eine Freigabe nach sich zöge, in keinster Weise nachvollziehbar.
=== TRENNUNG ===
"In den USA schießen sich jeden Tag Siebzehnjährige mit Maschinengewehren gegenseitig über den Haufen, weil der eine dem anderen bei Walmart den besseren Parkplatz weggenommen hat." Es ist keine Untertreibung, zu sagen, daß dies der "Kenntnisstand" des Durchschnittsbürgers außerhalb (und zunehmend auch innerhalb) der USA ist. Was übrigens ausschließlich mit dem waffenfeindlichen Tenor der ansonsten hier und anderswo ja gern (zurecht) gescholtenen Lücken- oder Lügenpresse zu tun hat, die als Erfüllungsgehilfen von Politik und aktivistischen NGOs fleißig bemüht ist, an der Abschaffung privater Waffen mitzuwirken.
Aber betrachten wir einmal nüchtern die Fakten jenseits des Atlantiks - abseits der vor Blutgeilheit triefenden Sensationenproduktion nach Massenmorden wie in Aurora oder jüngst in Orlando.
Für 2013 - ein typisches Jahr - verzeichneten die USA 33.636 Tote durch Schußwaffen (sagt hochoffiziell das CDC).
Nota bene: Tote, nicht Mordopfer.
Von diesen sind 21.175 (also 63,4%!) Suizide gewesen.
"Also!" ruft der Waffenskeptiker. "Ohne Pistolen wäre es für viele von denen nicht so schlimm gekommen!"
Das ist nachweislich falsch. Zunächst liegen die USA mit ihrer Selbstmordrate von 12,1 pro 100.000 Einwohner international gesehen im unauffälligen Mittelfeld. Tatsächlich sind es nahezu totale Waffenverbotsparadiese wie Frankreich und Belgien oder wirklich totale wie Taiwan, Japan, Süd-Korea oder Indien, die hier die Spitze bevölkern. Ein Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Knarren und Selbsttötungen ist also nicht gegeben. Wer sich nicht erschießen kann, springt eben von Brücken, vor Züge, hängt sich auf oder vergiftet sich.
Aber weiter im Text. Von den verbleibenden 12.461 Toten...
...kommen 505 in Unfällen, die Schußwaffen involvieren, um.
...sterben weitere 281 in ungeklärten Vorfällen, bei denen die Waffe "aufgrund nachträglich nicht mehr zu bestimmender Umstände zum Einsatz kam".
...sind mindestens (s.o.) 467 gerechtfertigte Tötungen, z.B. Polizisten, die gegen Kriminelle von der Dienstwaffe Gebrauch zu machen sich gezwungen sehen - und eben und gerade auch bewaffnete Zivilisten, die sich gegen Raubüberfälle u.ä. erfolgreich zur Wehr setzen.
Die übrigen 11.208 tatsächlichen Morde, die mit Feuerwaffen verübt werden, sorgen dafür, daß die USA im Jahr 2013 auf eine Mordrate von 3,5 pro 100.000 Einwohner kommen - und sich damit im internationalen Vergleich im unauffälligen Mittelfeld in der Nachbarschaft des niederländischen Aruba und Thailands tummeln (Achtung: UNODC zieht eine andere Definition von "Mord" als CDC heran, weswegen die Mordrate für 2013 hier zu 3,9 pro 100.000 Einwohner gemessen wurde). An der Spitze hingegen Länder wie Honduras (84,6 Opfer pro 100.000!) oder Venezuela (62 pro 100.000), ferner Lesotho, Kolumbien oder Brasilien; allesamt Länder, die einer besonders liberal gestalteten Waffengesetzgebung eher unverdächtig sind.
"Das ist aber immer noch vier mal so hoch wie unsere 0,9 Morde pro 100.000 Einwohner in Deutschland!" meint der Waffenskeptiker daraufhin. Das ist korrekt. Weswegen wir uns die interne Struktur des Mordens in den USA einmal genauer ansehen.
Die brutale Wahrheit ist, daß in den USA die Verbrechensraten extrem stark mit der Rasse des Täters korrelieren. Im Jahr 2013 wurden 52% (mehr als die Hälfte!) aller Morde (nicht nur die 11.208 Morde durch Schußwaffengebrauch) von Schwarzen begangen.
Dies ist insbesondere deswegen von so eminenter Wichtigkeit, weil Schwarze an den rund 320 Millionen Einwohnern der USA gerade einmal einen Bevölkerungsanteil von 12,2% ausmachen. Wenn wir noch genauer hinschauen, erkennen wir, daß die morddeliktrelevante Untergruppe junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren sind.
Dann landen wir bei der ernüchternden Aussage, daß nicht einmal acht Prozent der Bevölkerung die Hälfte aller Morde begehen.
Die Opfer sind übrigens zu über 90% andere Schwarze.
Hispanics liegen bei den Mordraten übrigens ziemlich genau im Mittelfeld zwischen Schwarzen und Weißen. Derzeit sind sie ca. 54 Millionen (von geschätzt 320 Millionen Gesamtbevölkerung).
Mit anderen Worten: Wenn wir South Central LA, Baltimore, Washington D.C.*, Chicago**, Detroit, St. Louis, Houston und ein paar weitere Städte aus der Statistik herausnähmen, sähen die USA aus wie Westeuropa.
Und was die in Mode gekommenen Massentötungen in den USA anbelangt - diese sind erstaunlicherweise in einer Ära verstärkt aufgekommen, in der die Bundesstaaten und der Bund dort die Waffengesetze massiv verschärft haben (ein Prozeß, der ca. ab den 20er Jahren begann und erst seit 2004 und v.a. 2008 wieder erstes "Tauwetter" erkennen läßt - das ist aber ein Thema für ein anderes Posting und würde hier zu weit führen). Das bedeutet selbstredend nicht, daß die im Vergleich zu früher scharfen Waffengesetze Amerikas die Ursache dafür sind (ganz sicher nicht). Es zeigt vielmehr, daß die Zeit vor 1968 (Federal Gun Control Act), als man problemlos im Baumarkt Dynamit und Ammoniumnitrat kaufen konnte und jeder Waffen handeln und einfach mit der Post zum Käufer schicken konnte (das ist seit Jahrzehnten hochillegal) trotz der "laxen" Gesetzgebung im Gegensatz zu heute in Bezug auf Massentötungen völlig unproblematisch gewesen war. Was immer das Problem der USA hier also letztendlich sein mag, es hat mit der leichten Verfügbarkeit von Feuerwaffen nichts zu tun. (Meine Vermutung geht in Richtung der Provokation und Motivation von Nachahmungstätern durch die Medien, die jedes solche Ereignis weidlich ausschlachten und wochenlang genüßlich auf jedem Detail herumreiten sowie hin zu einem allgemeinen kulturellen Verfall, wie er heute in jeder abendländischen Nation zu beobachten ist; in jüngster Zeit, wenigstens seit St. Bernadino und Orlando, ist die fortgesetzte Anwesenheit einer immer größeren Anzahl von von Muslimen auf amerikanischem Boden sicherlich hier als zusätzlicher Risikofaktor zu berücksichtigen).
* Wer in D.C. Waffenbesitzer ist, der sehnt sich das deutsche WaffG herbei, so absurd streng (und völlig erfolglos was die Verbrechensbekämpfung angeht) sind die Regelungen dort. Soviel zum Thema "laxe Waffengesetze in den USA". Die USA haben nicht eines oder fünf oder sechsunddreißig, sondern zehntausende verschiedener Waffengesetze auf Bundes-, Staaten-, Landkreis- und Gemeindeebene. Aber das ist, wie gesagt, ein Thema für ein anderes Posting.
** Detto.
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Ainsi continue la nuit dans ma tête multiple... elle est complètement dechirée... ma tête.
- Luc Ferrari