Der Sinn im Sinn ist größer als Du denkst - Aufruf zum Nachsinnen und Hintersinn finden

Blum, D, Sonntag, 17.04.2016, 14:01 (vor 3588 Tagen) @ Wellenreiter2120 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 17.04.2016, 14:46

"The sweetest praise comes from those who are free in the highest degree."(Simonides to Hiero, the tyrant)

Hallo Wellenreiter,

wenn ich Deine Ausführungen ohne Bezug zu HWS nehme, kann ich Vielem zustimmen. Mit regelmäßiger Ausnahme des Spins, Deine Ausführungen stünden ja entgegen der Aussagen von Sinn. Darauf und auf meine mäßigenden Gedanken zu Deinen Thesen gehe ich im Folgenden ein.

Damit möchte ich auch @Balu, der sich in Polemik erschöpft und Dir, der Du Argumente vorbringst, ein Gespräch anbieten. @wildheuer danke ich für seine einleitenden Worte, die meine Zusammenfassung in günstiges Licht rückten und mich rot werden ließen, na ja, wäre ich eine Frau ...

Meine These, HWS sei ein Undercover-Debitist (der es noch nicht unbedingt selbst weiss), möchte ich als provokative Spitze aufrechterhalten. Wäre es nicht schön, wenn die größere Gemeinschaft der Systemkritischen, auch mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten und manchen Sackgassen, sich auf ihre Gemeinsamkeiten konzentrieren könnten und nicht ggs. als persona non grata definierten? Divide et impera wäre damit die strategisch erfolgreiche Antwort des erfolgreichen Mainstreams, dem dieses Verhalten am meisten nützt.

Das Ankurbeln funktioniert nicht, weil die Politik mit einer
Überregulierung die Kreditvergabe an Unternehmen verhindert.

Rahmenpolitik steuert das Kreditwesen in unproduktive Bereiche:
Kredite für Unternehmen haben einen bilanziellen, politischen Nachteil gegenüber solchen für Staaten, das wollen die Staaten so, um weiter Schulden machen zu können. Aber: Unternehmen investieren nur, wenn es sich zu lohnen scheint, gegen andere Alternativen.

Grenzen des Wachstums
Der Glaube an Marktwachstum, für innovative, investiv aufwendige Produkte sinkt. Daten unterstützen dies (Gordon) Die Wirtschaft wächst nicht wegen schlechter Politik allein, sondern wegen Überschuldung in der Vergangenheit, daraus folgend sinkender Verschuldungskapazität und technologischer Sättigung.

Ponzifinanzierung ist attraktiver als Unternehmertum mit Gewinnabsicht aus Produktion
Deshalb können oder brauchen Unternehmen nicht mehr sachinvestiv zu wirken. Dazu kommt die Geldpolitik, die den Unternehmen unproduktive Unternehmenskäufe, Aktienkäufe eigener Anteile, Dividendenausschüttungen und Finanz- sowie Immobilienspekulationen attraktiver rechnen lässt als Produktinnovation. Dieser Effekt wird durch Überregulierung noch verschärft, wie Du andeutest, aber er wird nicht im Grundsatz dadurch ausgelöst.

Großzügige
Kreditvergabe war bisher nur im Immobilienbereich möglich, aber auch das
wird sich mit den "Wohnimmobilienkreditrichtlinien" demnächst ändern.

Die großzügigste Kreditvergabe findet aktuell seitens der Zentralbanken ZB statt. Kunden sind die Leute nah am Tresen, zuvorderst Staaten und Banken sowie Multinationale.

Danach wird sich die Blasenbildung ausschließlich auf Aktien und
Staatsanleihen konzentrieren, wo es noch keine Einschränkungen gibt.

Ja, hier würde aber wie oben HWS nicht widersprechen, Du nennst einfach weitere Argumente und Zusammenhänge. Kein Widerspruch bisher aus meiner Sicht.

Nicht ganz richtig: selbstverständlich zielt die aktuelle Politik auf die
Entwertung des Kapitals zugunsten der Schuldner. Sonst würden ja nicht
alle schreien, dass Spareinlagen, Lebensversicherungsverträge, etc.
entwertet würden.

Hier auch kein Widerspruch so weit erkennbar, trotz des einleitenden Satzes. Du meinst weiter unten, widersprechen zu müssen:

Wenn es tatsächlich so ist, dass der Besitz von Aktien
durch die Politik begünstigt wird, und es jeder weiß (wie auch Sinn),
dann kann doch jeder davon profitieren, indem er seine Spareinlagen in
Aktien wandelt. Aber so einfach scheint es wohl nicht zu sein, denn sonst
würde Sinn diese konsequente Empfehlung aussprechen.

Stelter empfiehlt diese Mischung, Aktien, Sachwerte, Währungen, weil er sagt, man könne nicht wissen, wie die Experimente ausgehen (und wann welche Faktoren wirklich wirken). Sinn ist als gut abgesicherter Prof. und erfolgreicher Autor nicht auf Kapitalmärkte als Anleger angewiesen. Es zeigt sich, dass er hierüber nicht direkt nachdenkt, sich auch nicht als Anlageberater versucht wie ein in der freien Wirtschaft sozialisierter Stelter. Dennoch könnte diese Empfehlung ausgesprochen werden, da hast Du Recht. Es nicht zu tun, liegt neben des persönlichen Orientierungsmusters aber auch an der Bedingtheit. Keiner weiß, wann die Börse aus ihrer Blase aufwacht / aufplatzt.

Eine aktive Begünstigung der Aktien relativ zu anderen massetauglichen Anlagen gibt es weltweit seit langem, mind. seit den 80-er Jahren. Die größere Bevorzugung liegt aber bei den Staatsanleihen.

Änderungen hieran sind keine spezifische europäische Entwicklung und keine kürzliche Betonung von Vorteilen seit 2007.

Einen Faktor, den ich im Umfang schwer einschätzen kann, geht möglicherweise gegen das Argument: Solide Unternehmen gehen wegen Überregulierung und der perversen Kurzatmigkeit des Shareholder Value-Denkens gerne ins private Feld (Going Private). Damit sind sie auch weniger medial zu greifen. Oft ist entscheidender, was man nicht berichtet oder nicht hört. Diese Entwicklungen haben auch Effekte für Arm-Reich und für indirekte Machtausübung. (Anton Schlecker hatte einen eingetragenen Kaufmann ohne Berichtspflicht für ein relativ großes Unternehmen. Das ist ein Negativbeispiel für das unregulierte Privatfeld) Aus freiheitlicher Sicht würde ich solches Handeln als Privatperson, als Familie etc unterstützen. Steuern können gezogen werden, wenn man politisch will, auch gerecht (soweit man das bei Steuern als gewaltbewehrte Abgabe sagen kann), also nachhaltigere Konzepte als Börsen mit elektronischen Sekundenanlegern wären schon überlegenswert und es gibt sie (noch).

Am Ende trägt der "Steuerzahler", Bürger, Arbeitnehmer, Sparer oder wie
man ihn auch immer bezeichnen mag, immer das Risiko. Hier handelt es sich
also um eine Binsenweisheit.

Einerseits hast Du Binsenweisheiten benannt, andererseits ist das Gegenteil ja der Sozialismus für Reiche. da kann sich der Bürger, so er reich und vernetzt ist in die Politik, wegen deren Schwäche an Charakter, sich am Anfang herausstehlen, genau dann, wenn er selbst stürzen müsste. Das also müsste nicht so sein und genau das kritisiert Sinn. Insofern kein Widerspruch. Und Binsenweisheiten sind leider notwendig, manchen ideologisch verseuchten Lesern immer wieder ins Gedächtnis zu bringen. Angesprochen werden sich übrigens damit nur diejenigen fühlen, die aus Vermögenssubstanz etwas zu verlieren haben (!). Und diese Gruppe wird stetig kleiner.

Der Appell richtet sich an die Politik, keine japanischen Verhältnisse
entstehen zu lassen und Wettbewerbsfähigkeit zu fordern. Realistisch
scheint dem Prof. Sinn das aber nicht zu sein, solange der Euro
göttergleich mit Europa gesetzt wird.


Und spätestens hier werden die Grenzen des Sinnschen Denksystems
offenbart. Wer bitte wird Japan als Beispiel für geringe
Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft hernehmen wollen? Im Gegenteil. Japan
konnte die Verschuldungsspirale trotz vergleichsweise guter
Wettbewerbsfähigkeit nicht verhindern! Wie also soll das Europa gelingen?
Indem wir bei den Löhnen versuchen China und Indien zu unterbieten? Und
davon hätte der Steuerzahler mehr, als von der aktuellen EZB-Politik?
Womöglich weil er dann seine Steuerlast auf 0 senken könnte, weil alle
Löhne in Europa unter das Existenzminimum rutschen würden??

Hier könntest Du weniger den HWS als mich kritisieren, meine Schlussfolgerung war nicht differenziert aufgestellt.

Dein Hinweis ist eine interessante Anregung für ein Vergleichsmodell D - EU - Japan:

D hat wie Japan eine patentreiche Industrie und weltweit - auch bei höheren Preisen - sehr wettbewerbsfähige Produkte. Demografisch gibt es in D ähnlich wenige Geburten pro 1000 Einwohner wie in Japan. [Dagegen haben beide 588 Kfz pro Einwohner gemeiner Vergleich, Bestände mit Zugängen zu vergleichen, gemerkt? [[zwinker]]

Die EU als Ganzes hat neben ein paar Leistungsfähigen viel weniger Patente als Japan, ist also nur partiell wettbewerbsstark. Die Divergenz ist viel größer als in Japan.

Die kulturelle Identität der Japaner ist homogener als die der Europäer.

Nun weitere Gemeinsamkeiten, nur auf der Zeitschiene versetzt:
EU und Japan halten sich Banken- und Unternehmenszombies, die Japaner nur eben länger.

Beide machen Schulden mit Niedrigstzinsen, um das Ponzispiel nicht auffliegen zu lassen, nur die Japaner eben schon länger.

Beide arbeiten sich also in der debitistischen Schuldenspirale nach oben, nur Japan eben länger und höher.



Großer Unterschied: Japaner verschulden sich in eigener Währung bei Japanern, Europäer verschulden sich - bei Deutschen! Und das ist der viel gefährlichere Feind des Friedens für Europa.

Wegen des Verschuldungsziels (Jap-Jap versus €-D), wegen der Kulturunterschiede und wegen der Leistungsdifferenzen sind wir in Europa bei sonst gleichen Voraussetzungen wie in Japan wirtschaftlich noch viel gefährdeter und schlechter aufgestellt!

Die Warnung, die gleichen systemischen Fehler Japans in der Geld- und Schuldenpolitik nachzumachen, bei gleichzeitig schlechteren Rahmenbedingungen, ist angesichts des zeitlich vorlaufenden Misserfolges der japanischen Modells der Lauf in den Abgrund. Das sagt HWS etwas weniger drastisch auch.

Ja, hier stimme ich Dir zu. Die ganze Welt belügt sich. Aber das trifft
leider auch auf den Professor in Ruhestand zu.

Dass es einen großen Schuldenerlass = Vermögensausbuchungen braucht, hat Herrhausen schon für die internationale Finanzwelt gesagt (und deshalb mit dem Leben bezahlt?) und das gilt heute auch für Europa, für die westliche Welt. Es braucht einen Reset: das tote Pferd nicht mehr weiterreiten oder schönreden, es kann ja nicht mehr trinken.

Der Wahrheit ins Gesicht sehen.

Der Professor ist auf dem besten Wege, das der Bevölkerung beizubringen. er belügt sich nicht. Er ist klug genug, die Wahrheit in kleinen Happen zu sagen, damit nicht um ihn herum die Lichter ausgehen, die Rolläden runtergelassen werden und die Wahrheit einsam im Keller ihr Dasein fristet*.

Blum dankt Wellenreiter für diese Wellen als große Vorlage, darauf reiten zu können [[top]]

[neben Fidel, der gerade autonom einen Teil meines Schlusswortes erläutert, möchte ich noch eine weitere Anmerkung machen, die den Satz "einsam im Keller ihr Dasein fristet ..." bezüglich des DGF pointiert fortsetzt: *...wie bald im DGF, dessen Außenwirkung stetig sinkt mit dem stetigen Sinken des Gesprächsniveaus, wie CM prognostiziert hat.]

--
It's not what you don't know that gets you into trouble, it's what you know that just ain't so that gets you into trouble. (Satchel Paige)


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