Dekadenz in ihrer Endphase
Hallo,
habe heute eine ähnliche Meldung bei Heise gelesen. Vielleicht kann mir jemand mal erklären, wieso die Leute so versessen darauf sind. Eventuell bin ich inzwischen zu alt und zu rückständig, um die neue Zeit zu verstehen.
1. Das Auto soll laut Meldungen etwa 31 kEUR kosten. Der Elektro-Golf kostet ebenfalls um die 35 kEUR. Wobei das bei der allgemein bekannten Aufpreispolitik der Hersteller immer "Ab"-Preise sind, wo man in der Regel mindestens 10 % dazurechnen muß, um ein einigermaßen komplett ausgestattetes Auto zu haben. Da kommen wir also in den Bereich 35 bis 40 kEUR.
2. Dafür bekommt man dann eine Reichweite "bis zu" 200 bis 300 km. Fragt sich nur, unter welchen Fahrbedingungen. Bei mehr als 100 km/h Geschwindigkeit soll die Reichweite merklich absinken. Dann muß der Akku wieder aufgeladen werden. Für eine Schnellladung bis etwa 80 % der Nennkapazität soll das in nur einer halben Stunde machbar sein. Für eine Vollladung braucht es mehrere Stunden. Na toll, dann freut man sich also, Ziele in bis zu 200 km Entfernung ansteuern zu können und hofft darauf, dort eine Lademöglichkeit zu finden.
3. Wie steht es eigentlich mit der Heizung in einem strengen Winter bei angenommenen -15 °C draußen, oder dem Betrieb der Klimaanlage bei +30 °C draußen? Gerade das frißt einiges an Leistung.
4. Der durchschnittliche jährliche Bruttolohn eines deutschen Arbeitnehmers liegt bei etwa 36 kEUR im Westen und etwa 32 kEUR im Osten. Nach Abzug von Lohnsteuer und Sozialabgaben bleiben davon vielleicht - habe es nicht im Detail nachgerechnet - maximal zwei Drittel übrig, von denen auch noch lebensnotwendige Kosten wie Miete oder Ernährung bestritten werden müssen. Wer um alles in der Welt ist als normaler Arbeitnehmer so bekloppt, einen jährlichen Brutto-Arbeitslohn für ein nicht vollwertig einsetzbares Auto zu bezahlen? Womöglich auch noch schuldenfinanziert? Für die Gutbetuchten, die gar nicht wissen, wohin mit dem Geld, mag es anders aussehen.
5. Bitte nicht vergessen: Wenn mal was kaputt geht, wird sich zumindest an die Elektroteile keine freie Werkstatt herantrauen, und das traditionelle Selbermachen in der heimischen Garage geht aus Sicherheitsgründen schon gar nicht. Also nur die autorisierte Werkstatt mit ihren inzwischen kaum noch bezahlbaren Phantasie-Stundensätzen, nicht zu vergessen die teuren Original-Ersatzteile. Das übersehen leider manche und schielen nur auf den Benzin- beziehungsweise Strompreis.
6. Mein persönliches Fazit: ein Elektro-Pkw mag für spezielle Anwendungsfälle, typischerweise Fahrten im Stadtgebiet, durchaus sinnvoll sein. Beispielsweise könnte ich mir den Einsatz als Zustellfahrzeug bei der Post oder anderen Lieferdiensten gut vorstellen. Dort werden auch gleich große Stückzahlen abgenommen, die Wartung läßt sich zentral erledigen, der Preis verhandeln. Aber für Otto Normalverbraucher, der zu einem Termin mal 500 km quer durch Deutschland fahren muß? Witzlos. Solange bei der Akkutechnik die Speicherfähigkeit nicht um Größenordnungen verbessert wird, ist das ein reines Hobby- und Nischenprodukt. Ein Auto muß robust sein, unter allen Wetterbedingungen einsetzbar, in Preis und Unterhalt bezahlbar und bei Reparaturen möglichst wenig von einer Werkstatt abhängig.
7. Kurzer Kommentar zum Bild: zivilisatorische Dekadenz in ihrer traurigen Endphase. Oder gibt es hierzulande beziehungsweise in den VSA nur noch Millionäre?