Kurze Info zu Garfinkel und Buch

Olivia, Mittwoch, 02.03.2016, 08:08 (vor 3634 Tagen) @ SevenSamurai2512 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 02.03.2016, 08:15

Gibt es irgendwo ein frei zugängliches Paper, welches die Thesen
kurz und knapp erläutert?

Ich möchte nicht gerne drei Bücher kaufen, wenn ich nicht weiss, ob ich
das überhaupt verstehe.

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Hallo SevenSamurai,

Leider kann ich dazu nicht viel sagen, ich denke aber, dass Du das Buch "Harold Garfinkel" v.Lehn (deutsch) verstehen wirst.

Hier kurz einige zusätzliche Informationen. „Harold Garfinkel“ bringt einen Überblick über Garfinkels Werdegang, beginnend bei seiner Studienentscheidung und beschäftigt sich dann mit seinen Theorien. G. hat mit allen, die Rang und Namen hatten, zusammengearbeitet und man versteht, dass seine Theorienbildung auf einer sehr breiten, persönlichen Wissensbasis fußt. Leider habe ich das Büchlein noch nicht komplett durchgelesen (Zeitproblem). Die beiden anderen Bücher sind noch nicht da. Ich melde mich dann wieder.

Zur Ethnomethodologie:

Dazu zunächst ein Zitat von Watzlawik („Lösungen“, 46)

„Es ist offensichtlich von grundlegendem Unterschied für unser in-der-Welt-sein, ob wir uns als Marionetten in einem Spiel auffassen, dessen Regeln wir die Wirklichkeit nennen, oder als die Spieler eines Spiels, dessen Regeln nur in dem Sinne „wirklich“ sind, als wir sie erfunden oder übernommen haben, die wir aber jederzeit ändern können“.

Genau darum geht es Garfinkel. Die tägliche Realität wird nicht als etwas begriffen was IST, sondern als etwas, was täglich durch Interaktionen und Handlungen GESTALTET wird. Er geht davon aus, dass DAS, was sozial standardisiert ist und das soziale StandardiSIEREN nicht unter die Lupe genommen werden (weder von den Mitgliedern noch von den Soziologen). Das heißt, dass genau DAS, was zwar gesehen, aber nicht BEMERKT wird, die erwarteten HINTERGRUNDMERKMALE von Alltagsszenen sind. Diese Hintergrundmerkmale benutzt sowohl das Gesellschaftsmitglied als auch der Soziologie als Interpretationsschema. Daher entwickelte Garfinkel einen komplett neuen Ansatz der Sozialforschung, die Ethnomethodologie.

Um diese Hintergrunderwartungen ins Blickfeld zu bekommen, muss man entweder ein Fremder vom „life as usual“ sein oder von diesem Merkmal des täglichen Lebens entfremdet werden. Daher die bekannten „Krisenexperimente“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Krisenexperiment

Im Gegensatz zu E. Goffmann, auf den in dem o.g. Artikel auch verwiesen wird („Wir alle spielen Theater“ - Das Selbst lediglich als Produkt unterschiedlicher Rollen), konzentriert sich Garfinkel auf die „Bausteine“, mit denen Realität gestaltet wird. Ethnomethodologische Forschung macht also den Prozesscharakter von „REALITÄTen“ sichtbar. Sie zeigt auf, WIE die Mitglieder IHRE Realität täglich neu gestalten, verfestigen, abwandeln oder neu erfinden. Mit den „Bausteinen“ aber gibt er „uns“ etwas in die Hand, mit dem wir BEWUSST gestalten können.

Man braucht also nicht in die Wüste zu gehen, wie C. Castaneda*. „Das Mysteriöse liegt im Alltag“ (sinngemäß nach einer persönlichen Mitteilung von H. Garfinkel). Dieser „Alltag“ bietet viele Möglichkeiten, sich der eigenen Prämissen und „Handlungsanweisungen“, die „unserer“ Gestaltung von Realität zugrunde liegen, bewusst zu werden und die Möglichkeit von „Anders-sein“ zuzulassen.

Youtube
Zu meinem großen Erstaunen hat sich die spanisch sprechende, amerikanische Welt mit dem Thema Ethnomethodologie beschäftigt und auch eine Reihe kleiner, übersichtlicher Videos ins Netz gestellt, teilweise mit Übersichtstabellen etc. Ich hätte erwartet, dass die US-Amerikaner das getan hätten, statt dessen gibt es solche kleinen Videos nur in spanischer Sprache. Die englischsprachigen Videos sind ausführlicher aber (sagen wir es einmal so) „sehr introvertiert“, d.h. man sollte sie mehrfach „anschauen“, wenn man „alles“ mitbekommen will, was gesagt wird. Aber das muss man ja bei etlichen Büchern auch machen. Jedes Mal erschließt sich etwas Neues.

Und jetzt geht’s wieder an die Arbeit, weil sich sonst meine Realität aufgrund von Unterlassung völlig selbständig in eine Richtung entwickeln würde, die mir absolut keine Freude macht. :-(

*Hier beziehe ich mich auf eine kurze Diskussion, die wir vor etlicher Zeit einmal im „Gelben“ hatten. :-)

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For entertainment purposes only.


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