Soziales Leben im Überfluss...

Hinterbänkler, Schweiz - tief im Emmental, Dienstag, 03.11.2015, 12:54 (vor 3741 Tagen) @ Leserzuschrift3573 Views
bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 04.02.2016, 13:48

Hallo in die gelbe Runde...

Assoziativ:
Interessant ist, dass Alkohol wohl der Grund für den Ackerbau und damit unsere Zivilisation gewesen ist.

Warum hat der Mensch (homo sapiens) gerade in einer Gegend, wo Milch und Honig fließt, angefangen Ackerbau zu betreiben?
Diese Frage ist sehr interessant, da die meisten Menschen davon ausgehen, dass wir den Ackerbau angefangen haben, weil wir Nahrungsmangel hatten. Aber der homo sapiens in z. B. Europa hatte es extrem viel schwerer als der in Kleinasien (Wiege der Zivilisation), aber hier hat er eben nicht geackert. Kleinasien gehört aber zum fruchtbaren(!) Halbmond.

Es gibt die sog. Mangel- und die Überflusstheorie. Die Mangeltheorie ist, wie eben kurz skizziert, nicht wahrscheinlich. Zudem kann niemand, wenn er Hunger hat, noch vier Monate auf die Ernte warten, sondern muss weiterziehen, um sich zu ernähren. Dagegen ist bei der Überflusstheorie die Frage interessant, weshalb die Menschen bei Nahrungsüberangebot so einen Akt mit Ackerbau machen. Zudem ist nachgewiesen, dass die Menschen zuerst 'Getreide' und nicht etwa Gemüse oder Obst anbauten. Das Getreide damals war aber nicht, wie das heutige und über 10.000 Jahre ausgezüchtete Hochleistungsgetreide, sondern praktisch einfache Gräser deren Samen relativ klein waren. Zudem mussten solche Samen erst aus der Hülle gedroschen werden. Alles ein irrwitziger Aufwand.

Die bislang für mich beste Antwort ist, dass das Getreide zur Bierherstellung angebaut wurde. Und zwar in einer Gegend, in der man schon (als Dunbar-Gruppen!) 15.000 Jahre Sesshaftigkeit gelebt hatte (>Ohalo II, Israel), weil es eben genug Nahrung gab. Man konnte es sich also leisten ein Getreidefeld zu 'bewachen'.

Prof. Josef Reichholf - Die DROGEN des Fortschritts - Warum die Menschen sesshaft wurden

Ich verstand lange Zeit die Aussagen der Bier-Theorie, doch überzeugen konnte sie mich nicht richtig. Warum sollten Menschen, die genug psychotropische Pflanzen und Pilze kannten, unbedingt den mühsamen Weg des Bierbrauens auf sich nehmen? Halluzinogene sind doch 'interessanter' als Alkohol. Einige Jahre hatte ich also diese Frage im Kopf, bis ich endlich für mich verstand: Alkohol ist die soziale Droge. Und: Der Mensch ist das soziale Wesen - soll heißen, dass er die Sozialität genossen und - in evolutionärer Weiterentwicklung gegenüber den Bonobos - geradezu zelebriert hat.

Durchschnittlich hat ein wildbeutender Mensch eine Stunde gebraucht, um seinen täglichen Nahrungsbedarf zu decken. Was hat er mit dem restlichen Tag gemacht? Gefaulenzt, palavert, gelacht, geschauspielert, getrommelt, getanzt... neben dem Faulenzen waren das alles soziale Tätigkeiten. Trommeln, Tanzen, Stegreifspiele waren alles willkommene und begeisternde Gesamtgruppenevents. Halluzinogene wirken jedoch meist dem entgegen, d. h . man vereinzelt eher, man geht alleine auf Reisen... Alkohol aber verbindet und enthemmt. Nicht dass ich glaube, dass die Menschen damals gehemmt waren, aber in einer sozial aufgeladenen Stimmung steigert Alkohol das Ganze extrem. Es wundert also nicht, dass aus den ersten Getreidelagern sich später die Tempel entwickelten.

Natürlich gab es damals nur den 'Angesetzten', eine Art Bier (übrigens zeigen wohl die ältesten schriftlichen Zeugnisse die Kunst des Bierbrauens) und natürlich ohne Destillationsprozess für Höherprozentiges. Auch wird Alkohol nicht in dem Maße zur Verfügung gestanden sein, dass man körperlich abhängig werden konnte. @Suchtberater hatte damals noch keine Berufung. Alkohol unterstützte einfach geradezu ideal unser Bedürfnis richtig unser Dasein zu feiern.

Ach zu @Rotweintrinker. Diese Form von Alkohol war selbstverständlich bekannt, aber man hatte sie nicht jederzeit zur Verfügung. Dies ging erst mit vollen Getreidetürmen. Und sehr schnell wird auch klar, dass Schamanen-Priester diese kontrollieren wollten (oder mussten?).

Was danach als logische Entwicklung kam ist >Gerhard Bott, Die Erfindung der Götter

Danke für die Aufmerksamkeit
Hinterbänkler

--
...und es gibt überhaupt gute Gründe dafür, zu mutmassen, daß in einigen Stücken die Götter insgesamt bei uns Menschen in die Schule gehen könnten. Wir Menschen sind - menschlicher ...

Friedrich Nietzsche 'Jenseits von Gut und Böse'


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