Das stimmt nur zu Teil - Er war ein Betonkopf und hatte wüste Sachen zu verantworten

azur, Sonntag, 01.11.2015, 22:16 (vor 3742 Tagen) @ Gaby3266 Views

Hallo Gaby,
Hallo Gabys Mann,

das Folgende muss man imho anders sehen:

Bei Schabowski kam sehr klar
rüber, wie sehr er sich mit seinem Wirken im DDR-Regime kritisch
auseinander gesetzt hatte.

Es stimmt, dass es bei etlichen Älteren schnell welche gab, die Schabowskis Auseinandersetzung mit der DDR als Verrat begrieffen. Selbst mit Erstaunen erlebt.

Aber dem liegt ein Irrtum zu Grunde:

Es ist bezeichnend, dass er schon 1990 aus der
PDS ausgeschlossen wurde und bis zu seinem Tod in der LINKEN alles andere
als wohl gelitten war. Bezeichnend für die Partei, nicht für ihn.

Er war zum einen als Betonkopf berühmt. Habe ihn als Berliner Schüler und Lehrling noch ein paar Mal erleben können, wo er ja, neben seinen sehr hohen Parteifunktuionen (es wurde t. w. zum Ende hin in Veranstaltungen mit ihm versucht, Schabowski mit möglichst harmlos klingenden Fragen ins Schwitzen zu bringen, was auch schnell gelang):

"1967 bis 1968 die Ausbildung an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau. Im Anschluss arbeitete Schabowski beim SED-Zentralorgan Neues Deutschland, zunächst als stellvertretender Chefredakteur, von 1978 bis 1985 als Chefredakteur und zugleich Mitglied des Zentralvorstands des Verbandes der Journalisten der DDR (VDJ). Mit dieser für die Parteipropaganda wichtigen Position war ein weiterer politischer Aufstieg verbunden. 1981 wurde er Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED und 1984 Mitglied des Agitationskomitees beim Politbüro des ZK der SED. 1985 wurde er nach dem Sturz von Konrad Naumann Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED von Ost-Berlin und damit auch Vorsitzender der Bezirkseinsatzleitung Berlin. "

Unter seiner Führung wurden am Ende der DDR in Berlin massenhaft Demonstranten verhaftet und zusammengeschlagen:

"Am 18. November 1989 setzte die Volkskammer der DDR einen Ausschuss zur Untersuchung von Amtsmissbrauch, Korruption und persönlicher Bereicherung ein. Hierzu beantragte der Ausschuss bei der DDR-Staatsanwaltschaft Haftbefehl.[24] Schabowski sagte dort am 18. Januar 1990 aus, das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen am 6./7. Oktober 1989 in Berlin sei auf Anweisung Erich Honeckers geschehen, er selbst habe von den Festnahmen und Misshandlungen erst aus Zeitungen erfahren. Klaus-Dieter Baumgarten dagegen, ehemals Kommandeur der Grenztruppen, entgegnete im Neuen Deutschland, Schabowski sei als Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin über alle „Vorkommnisse an der Grenze zu Berlin-West zeitgerecht, sachlich und exakt informiert“ worden."

Und da war auch so etwas:

"Schabowski gehörte auch zu denen, die 1988 in der Ossietzky-Affäre der Repression das Wort redeten: Am 11. September 1988 hatten an der Erweiterten Oberschule (EOS) „Carl von Ossietzky“ in Berlin-Pankow einige Schüler, darunter Philipp Lengsfeld, Sohn der ausgebürgerten Vera Wollenberger, auf der jährlich üblichen Kundgebung für die Opfer des Faschismus mit eigenen Transparenten gegen Neonazis in der DDR Anstoß bei der Obrigkeit erregt. Es folgten Aushänge zu Gunsten der Solidarność, gegen die traditionellen Militärparaden der Nationalen Volksarmee am Jahrestag der DDR und ein ironischer Kommentar zum Gedicht eines Soldaten über seine Waffe. In der Schule kam es zu lebhaften politischen Diskussionen und zum Anfertigen einer Unterschriftenliste. Spätestens diese Liste bewog den Schulleiter, die Vorgänge an politische Gremien außerhalb der Schule zu melden. Schließlich schaltete sich Margot Honecker als zuständige Ministerin ein und verlangte strenge Sanktionen. Schabowski war von den Eltern eines der Schüler um Vermittlung gebeten worden. Aber schließlich wies er an:

„Es ist eine eindeutige Atmosphäre im gesamten FDJ-Kollektiv zur Ablehnung der Handlungsweise der provozierenden Schüler herauszubilden, die bis zum Punkt geführt werden sollte, dass die FDJler der Auffassung sind, dass die betreffenden Schüler nicht an eine EOS gehören.“

Trotz deutlicher Kritik durch Mitglieder der DDR-Opposition wie Stephan Hermlin, Christoph Hein und Marianne Birthler und die Internationale Liga für Menschenrechte und trotz der Fürsprache durch Vertreter der Evangelischen Kirche wie Bischof Gottfried Forck endeten die Vorgänge mit dem Schulverweis einiger Schüler und der Rücknahme bisher gewährter schulischer Freiheiten.[1][2]"

Kenne auch Beteiligte dieser bitteren Geschichte.

Schabowski hat, nach dem Wiki-Artikel, auch früher als andere, zumeist aber erst im Herbst, als die Wende längst lief, Kontakt zur Oposition aufgenommen.

Vertraut hat ihm nirgends jemand. Er galt als Betonkopf und mächtiger Wendehals.

Für meinen Teil glaube ich ihm seine spätere ersthafte Auseinandersetzung mit dem Staat, aber es bleibt nun mal eine Saulus, Paulus Geschichte.

Noch mal dazu:

Es ist bezeichnend, dass er schon 1990 aus der
PDS ausgeschlossen wurde und bis zu seinem Tod in der LINKEN alles andere
als wohl gelitten war. Bezeichnend für die Partei, nicht für ihn.

Dann schau mal, mit wem zusammen er ausgeschlossen wurde. Das waren die absolut schlimmsten Finger. Die, die in der frühen Wende abgelöst wurden, wie viele Chefredakteuere und Funktionäre wie Ute Eiweleit (Studten-Sekretäring beim Zentralrat der FDJ), waren selbst den eigenen Reihen zu heftig.

https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski#Verlust_der_Macht

Er ist da nicht durch Zufall in die Reihe geraten.

Und dass er von der, selbst für die DDR, beispiellosen Polizeigewalt am 7. Oktober 1989 in Berlin nicht gewusst haben will, ist eine bodenlose Frechheit!

So brutal ging das über Stunden zu: http://www.chronikderwende.de/wendepunkte/wendepunkte_jsp/key=wp7.10.1989.html
http://www.jugendopposition.de/index.php?id=642

Das will er in seiner Position, in seinem Zuständigkeitsbereich: "Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED von Ost-Berlin und damit auch Vorsitzender der Bezirkseinsatzleitung Berlin" nicht gewusst haben?

Das war die Bezirkeinsatzleitung: http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Bezirkseinsatzleitung !

Siehe das Schema unten: http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Aktenfunde/Isolierungslager/_node.html

Schabowski war Vorsitzender dieser Truppe!

(Das einzige Urteil wegen Wahlfälschung usw. erging ausgerechnet gegen Modrow, dem genau diese Verantwortung vorgeworfen wurde "Vorsitzender der Bezirkseinsatzleitung": http://www.zeit.de/1993/23/gejagt-von-der-unschuld )

Ruhe er in Frieden!

Viele freundliche Grüße

azur

--
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