Neues zur Lügenpresse
Hallo ins Forum,
ich habe mich länger nicht gemeldet, weil ich Gaertner´s Blog aufgegeben habe. Seit der Rückkehr nach Deutschland schaue ich aber wieder öfter hier herein. In dieser Woche habe ich mein neues Buch über die LÜGENPRESSE herausgegeben und möchte ohne weiteren Kommentar nach Absprache mit dem Chef einen exklusiven Textauszug hier einstellen. Viele Grüße
Teil II
Die vielen Facetten der »Lügenpresse«
»Das Thema Glaubwürdigkeit der Medien ist ja überhaupt erst hochgekommen, als die Pegida-Leute mit den Medien nicht gesprochen haben, weil sie gesagt haben:„Lügenpresse.“ Dann hat die ganze Lügenpresse ständig über die Lügenpresse berichtet und dafür gesorgt, dass alle Welt über die Lügenpresse sprach. Genial!«
(Eigenes Interview mit dem leider verstorbenen Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach in Dresden)
Im Internet kursiert das Bild einer großen weißen Tafel mit einem deftigen Spruch darauf. Er könnte das Leitmotiv für die jüngste deutsche Revolution sein: »Die Reichen und Mächtigen pinkeln auf uns, aber die Medien schreiben, es regnet.« So steht es auf der Tafel. Die scharfe Attacke auf die Mainstream-Medien meint das, was in deutschen Netzforen mit wachsender Wut »Lügenpresse« genannt wird. Das Internet brummt vor Leserwut und Verachtung gegenüber Journalisten. Und das ist kein Wunder. Wir werden als Leser viel zu oft veräppelt, auf falsche Fährten gesetzt und regelrecht für dumm verkauft. Hier nur zwei weitere Beispiele von vielen in diesem Buch: Die WELT beschrieb im Mai 2013235, wie die SPD die Partei der Migranten werden will, wie sie beginnt, um die etwa zehn Prozent Wähler mit Migrationshintergrund zu buhlen. Der Bericht beschrieb die SPD als eine Partei auf der Suche nach neuen Wählerpotenzialen. Das Werben um die wachsende Zahl von Einwanderern, deren Abstimmungsverhalten »entscheidend sein kann«, wurde in dem Bericht als wahlpolitisches Geschick dargestellt.
Doch knapp zwei Jahre später drosch dieselbe WELT Ende 2014 und Anfang 2015 zusammen mit den übrigen Leitmedien auf die Bürgerbewegung Pegida ein, weil deren Teilnehmer als Folge ungebremster Einwanderung eine Verschiebung ihres kulturellen Koordinatensystems befürchteten. Einmal ist Zuwanderung ein clever genutztes Werkzeug, das andere Mal die pure Einbildung eines angeblich fremdenfeindlichen Teils der Bevölkerung. Die WELT hat in der Kampagne gegen Pegida zwar nicht so hart zugeschlagen wie die TAZ, der SPIEGEL und die ZEIT. Doch spätestens ab Januar 2015 geißelte die Springer-Zeitung den »peinlichen Größenwahn«236 der Bewegung und warnte die etablierten Parteien, »sich sehr genau« zu überlegen, ob sie mit diesem »Verein« überhaupt reden wollen. Und am 6. August 2015 kritisierte das Blatt in einem Bericht über »Die Pegida-Offensive des deutschen TV-Humors« die »braune Soße, die sich bei jeder Demo der Pegida-Bewegung auf Deutschlands Straßen ergießt.«
Zweites Beispiel: Laut dem ARD-Deutschlandtrend war Ende April 2015 die Hälfte der Deutschen »für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge.«237 Das war ganz auf der Linie der Bundesregierung, wie der Medienkritiker Peter Harth damals feststellte. Die Redakteure bei T-Online trauten dem Deutschlandtrend jedoch nicht so ganz. Sie starteten eine eigene Umfrage. Dort sollten die Leser angeben, ob sie zu jenen 50 Prozent Deutschen gehören, die mehr Flüchtlinge aufnehmen wollten. Die Antwort warf so manchen Beobachter vom Hocker:238 95 Prozent der Leser bei T-Online gaben an, sie gehörten nicht zu dieser Gruppe. Kann man spontan jemandem widersprechen, der nach dieser »Real-Satire« ganz laut »Lügenpresse« ruft?
Die Verdrossenheit und Abscheu von Lesern und Zuschauern gegen einseitige Berichterstattung (Pegida), gegen Kriegspropaganda (Ukraine-Konflikt, Irak-Invasion) sowie gegen Manipulation und Agitation in den Medien des Mainstreams wächst von Monat zu Monat. Man kann sie geradezu mit Händen fassen. Wir sehen sie täglich in wütenden Zuschriften an Blogs, aber auch in Diskussionsforen voller Hasstiraden und beim massiven Zulauf für alternative Nachrichtenseiten (siehe Kapitel I) im Internet. Die Webseiten der Gegenöffentlichkeit können sich vor Zuschriften kaum retten. Nur ein kleines, aber vielsagendes Beispiel. Die Wut des Publikums über die tonangebenden Medien entzündete sich ab 2014 besonders an der schroff einseitigen Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine. Wladimir Putin wurde fast durch die Bank als alleiniger Bösewicht dargestellt. Die Abscheu der Zeitungsleser und Zuschauer darüber war so groß, dass nach dem tragischen Absturz der Germanwings-Maschine Ende März 2015 in den französischen Alpen ein Leser auf der US-Webseite ZERO HEDGE zynisch anmerkte, laut hochoffiziellen »Quellen« seien russische U-Boote in der bergigen Gegend gesichtet worden.
Ich zögere, das Wort „Lügenpresse“ ohne Anführungszeichen zu gebrauchen und einen pauschalen Vorwurf wie diesen über eine ganze Zunft zu stülpen. Als Wirtschaftsjournalist, der 27 Jahre lang in Deutschland, den USA, Malaysia, China und Kanada für die ARD, die WELT, das HANDELSBLATT und das MANAGER MAGAZIN gearbeitet hat, kenne ich genügend Kollegen, die gute, teils herausragende Arbeit leisten. Und trotzdem muss ich ganz ehrlich sagen: Bei den Recherchen für das vorliegende Buch bin ich auf so viel Dämlichkeit, ausgemachte Lügen, Agitation, Hetze, Verlogenheit, Selbstzensur und einseitige Nachrichten gestoßen, dass ich jeden erzürnten Leser und Zuschauer sofort verstehen kann, wenn er die herrschenden Medien angewidert mit diesem Vorwurf konfrontiert. Doch viele Zeitgenossen sind längst nicht so zögerlich wie ich. Zum Beispiel Paul Craig Roberts, einer der Architekten der Wirtschaftspolitik von Ronald Reagan und stellvertretender Finanzminister unter diesem Präsidenten. »In den USA lügen die Journalisten für die Regierung, weil sie Patrioten sind«, sagt Roberts, »und die Leser und Zuhörer glauben die Lügen, weil sie auch patriotisch sind.« Roberts nennt US-Journalisten »Huren der Regierung und der Konzerne.«239
Der Zukunftsforscher Gerald Celente spricht gar von »presstitutes«, also Pressenutten. Wenn ich während der zehn Jahre, die ich in Vancouver lebte, meinen alten Freund, den Asien-Korrespondenten der VANCOUVER SUN – Jonathan Manthorpe – in der Stadtredaktion besuchte und fragte, »wie geht es Dir?«, dann kam stets mit einem breiten Grinsen diese Antwort zurück: »Einigermaßen, aber ich habe noch keinen besseren Job gefunden, um mich zu prostituieren.« Schwere Vorwürfe gegen die Mainstream-Medien kommen nicht nur von Journalisten, die angewidert den schwierig gewordenen Beruf verlassen haben, sondern auch von Politikern und Medienwissenschaftlern. Auch Institutionen, die sich sonst gerne der Medien bedienen, sind fassungslos über den tiefen Fall des Mainstream-Journalismus. Das folgende Zitat stammt aus dem Einladungstext von Verdi Bayern. Dessen Fachbereich Medien lud im März 2015 zu einer Podiumsdiskussion im Gewerkschaftshaus in der Schwanthalerstraße ein: »Die Medien befinden sich in einer tiefen Vertrauenskrise. Im Zuge der Ukraine-Krise hat sich dies weiter verstärkt.« Nach einer Umfrage des Medienmagazins „Zapp“ vertrauen 69 Prozent der Menschen den Medien „gar nicht“ bis „wenig“. Es sind also nicht nur die Pegida-Anhänger, die „Lügenpresse“ rufen. In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht eine Unsicherheit, ob den Medien noch zu trauen ist.«240
Markus Gärtner